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Konsumgenossenschaften

Wo der Laden den Kunden gehört

Was einer allein nicht vermag, erreichen viele zusammen. Angelehnt an das Musketierprinzip, nehmen im 19. Jahrhundert Arbeiter ihre Versorgung selbst in die Hand – mit wechselndem Erfolg.

Von Marvin Brendel 18.01.2022

© dpa picture alliance/Deutsche Fotothek

In Deutschland entstehen die ersten Konsumvereine um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Entwicklung der Konsumgenossenschaften ist eng verbunden mit der Industrialisierung und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Umwälzungen. Vor allem die schnell wachsende Arbeiterschaft in den Städten wird dabei von den traditionellen Versorgungsmöglichkeiten abgeschnitten. Stattdessen sind sie auf Krämer angewiesen, die nur zu oft mit verfälschten Lebensmitteln nach ihrem Vorteil trachten. Da werden Mehl und Milch mit Gips und Wasser gestreckt, Nudeln mit Urin statt Eigelb gefärbt oder die Preise durch falsch geeichte Waagengewichte manipuliert.

Gebündelte Einkaufsmacht

Gegen diese Praktiken wehren sich die Arbeiter mit dem Zusammenschluss zu Konsumvereinen. Durch gemeinsame Großeinkäufe und die teilweise Umgehung des Zwischenhandels wollen sie Lebensmittel und andere Bedarfsgüter günstiger und in besserer Qualität erwerben. Wegweisend ist dabei die 1844 in Nordengland gegründete Rochdale Society of Equitable Pioneers.

Die „redlichen Pioniere“ setzen auf eine ehrliche Geschäftspolitik mit unverfälschter Ware und niedrigen Gewinnmargen. Zudem erhalten die Mitglieder eine Überschuss-­Rückvergütung, deren Höhe sich anteilig an der Summe ihrer Einkäufe bei der Genossenschaft bemisst. Daraus entwickelt sich um die Jahrhundertwende das System der Rabattmarken als frühe Form der Kundenbindung.

In Deutschland entstehen die ersten Konsumvereine um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach verhaltenen Anfängen breiten sie sich ab 1890 stark aus. Bis zum Ersten Weltkrieg steigt ihre Zahl von knapp 900 auf rund 2 500 an. Ein Faktor ihres Erfolges ist die Bündelung ihrer Einkaufsmacht in der 1894 gegründeten Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine (GEG). Zudem beginnen sie schon früh mit der Eigenproduktion, wofür sie eigene Bäckereien, Molkereien und Schlachtbetriebe unterhalten.

Auflösung in der NS-Zeit

Für kleinere Genossenschaften und spezielle Produkte übernimmt meist die GEG die Fertigung. Anfang der 1930er-Jahre betreibt sie über 50 Produktionsbetriebe, unter anderem für Kaffee, Bier, Zigaretten, Teig- und Süßwaren, Gewürze, Waschmittel, Seife und Bürsten. Die unter dem Kürzel GEG verkauften Waren sind ein frühes Beispiel für die Entwicklung von Eigenmarken des Handels.

Die fortgesetzte Expansion – bis zu 40 Prozent aller Haushalte sind in der Weimarer Republik Mitglied einer Konsumgenossenschaft – führt zu heftigen Angriffen aus dem mittelständischen Handel. Dessen Ängste greifen die Nationalsozialisten auf. Ihnen sind das im Widerspruch zum Führerprinzip stehende sozialdemokratische Fundament und die teils kommunistischen Tendenzen in den Konsumvereinen ein Dorn im Auge. Durch Gesetzesänderungen erzwingen sie bis 1941 deren vollständige Auflösung.

Nach Kriegsende werden die Konsumgenossenschaften in Ost wie West vielerorts neu gegründet. Doch in der Bundesrepublik geraten sie schon in den 1960er-Jahren durch das Vordringen von Discountern, Versandhändlern und großen Einzelhandelsketten unter Druck. Ein Modernisierungsprozess beginnt. Dabei wird der inzwischen mit Werten wie „unfreundlich“ und „altmodisch“ assoziierte Begriff „Konsumgenossenschaft“ durch die neue Dachmarke Coop abgelöst – angelehnt an „Cooperative“, dem englischen Wort für Genossenschaft.

Ab 1972 wandeln sich zudem viele Konsumgenossenschaften zu Aktiengesellschaften, um leichter an Kapital für die Modernisierung ihrer Läden zu kommen. Die meisten von ihnen verschmelzen bis Anfang der 1980er-Jahre unter dem Dach der Frankfurter Coop AG. Diese geht im Jahr 1987 mit breiter Brust an die Börse. Nur zwei Jahre und etliche „bilanzielle Gestaltungsmaßnahmen“ später wird sie jedoch im Zuge des Coop-Skandals, eines der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte, zerschlagen.

Heute Weltkulturerbe

Insgesamt sinkt die Zahl der westdeutschen Konsumgenossenschaften zwischen 1960 und 1990 von 270 auf nur noch 28. Mit der deutschen Einheit kommt jedoch noch einmal frisches Blut in Form der ostdeutschen Konsumgenossenschaften hinzu. Diese waren nach der staatlichen Handelsorganisation HO zum zweiten großen Akteur im DDR-Einzelhandel aufgestiegen. Formal zwar selbstständig, unterlagen sie jedoch den Vorgaben der Planwirtschaft.

So folgen sie ab 1953 willig der „Empfehlung“ der DDR-Führung, sich auf die Versorgung der Landbevölkerung zu konzentrieren und dazu in fast jedem Dorf eine häufig nicht rentable Verkaufsstelle zu unterhalten. Auch infolge dieses Erbes erweisen sich viele Konsumgenossenschaften in der Wendezeit als dem harten Konkurrenzkampf mit den westdeutschen Einzelhandelsketten nicht gewachsen.

Heute existieren nur noch wenige der klassischen Konsumgenossenschaften. Die genossenschaftliche Idee – 2016 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt – lebt aber im Handel fort. Das zeigen nicht zuletzt genossenschaftlich organisierte Dorfläden zur Sicherung der Nahversorgung. 

Schlagworte: Konsum, Nahversorgung

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