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Liquiditätssicherung

Wissen, was kommt

Viele Einzelhändler erinnern sich an schlaflose Nächte während des Lockdowns. Grund war häufig die sich verschärfende Liquiditäts­situation. Wie Geschäftsin­haber ihre finanziellen Rücklagen wieder aufbauen, um sich für die Zukunft zu wappnen.

Von Eva Neuthinger 21.12.2021

© Valery Voennyy/stock.adobe.com

Der Überblick über die eigenen liquiden Mittel darf nicht verloren gehen.

Über einen Zeitraum von rund drei Monaten realisierte Christian Krömer im Frühjahr dieses Jahres in seinen 24 Filialen kaum Einnahmen. Der Einzelhändler führt in Bayern das Familienunternehmen Spielwaren Krömer mit 115 Mitarbeitern. Inzwischen hat sich das Geschäft wieder weitgehend normalisiert und die Sorge ist der Zuversicht gewichen. „Innenstädte verzeichnen ohnehin eine abnehmende Frequenz, weshalb wir nicht ganz das Niveau von früher erreichen“, sagt Krömer. Trotzdem ist er rückblickend alles in allem gut durch die Krise gekommen.

Abstriche beim Rating

„Zum einen konnten wir mit unserem Onlineshop Umsätze sichern. Zum anderen kamen die staatlichen Hilfen im richtigen Moment“, erinnert sich Krömer. Über dies nahm er zu günstigen Konditionen einen KfW-Kredit auf. „Wir haben ihn bislang nicht benötigt. Weil unklar ist, was noch auf uns zukommt, werden wir ihn jedoch zunächst nicht zurückzahlen“, so der Unternehmer. Denn zurzeit kann er nicht ermessen, wie viel von erhaltenen Soforthilfen er womöglich zurückerstatten muss.

„Die Summe ist nicht exakt vorhersehbar, weil aktuell niemand weiß, wie zum Zeitpunkt der Jahresabschlussrechnung die Richt­linien zur Überbrückungshilfe genau aussehen werden“, erläutert Krömer. Er agiert daher zunächst einmal vorsichtig. Insgesamt sieht er die Entwicklung für sein Unternehmen allerdings sehr positiv und zeigt sich zufrieden.

So oder ähnlich stellt sich die Situation für viele Einzelhändler mit stationärem Geschäft dar. „Frequenzmessungen zeigen, dass die Verbraucher wieder in die Citys kommen und wir das übliche Niveau beinahe wieder erreicht haben“, erklärt Georg Schulte-Holtey, betriebswirtschaftlicher Berater der IHK München. Dennoch bleibt Liquiditätssicherung ein großes Thema. „Die Banken zeigen sich bei ihren Unternehmensbewertungen tendenziell kritischer als zuvor“, sagt Tim Ospalski, Leiter Handel der IHK zu Köln. Kurzfristige Kredite seien teuer und schwerer zu bekommen, insbesondere falls Unternehmen infolge der Krise Abstriche beim Rating hinzunehmen hatten.

Bank regelmäßig informieren

Wie unangenehm eine angespannte Liquiditätslage werden kann, weiß Schuhfacheinzelhändler Marcus Keller-Leist. In der Innenstadt von Ludwigshafen führt er ein Geschäft mit 15 Mitarbeitern. „Wir hatten zuvor keine Probleme, kamen in der Regel ohne Kredite aus. Doch der unerwartete Lockdown hat uns zugesetzt. Niemand konnte absehen, wann wir wieder würden öffnen dürfen“, so Keller-Leist.

Der Unternehmer arbeitet mit Liquiditätsübersichten und sah, bis zu welchem Datum sein Geld reichen würde. Er ging zur Bank. Trotz Krisensituation und absehbarer Hilfsgelder wollte eines seiner Institute nur gemäß den üblichen Richtlinien seine Kreditlinie aufstocken. „Es wurden hohe Sicherheiten verlangt. Unsere zweite Hausbank zeigte sich zum Glück kulanter“, sagt Keller-Leist. So kam er mit einem KfW-Kredit über die Runden.

Jetzt aber will er seine Liquidität nachhaltig stärken, indem er mehrere Maßnahmen einleitet. Zunächst bereinigte er auf Basis der Daten seines Warenwirtschaftssystems das Lager. Keller-Leist hat zusätzlich zu seinem eigenen Onlineshop mit Kollegen eine Plattform aufgebaut, über die er seine Produkte anbietet. „Das funktioniert gut, weil wir schon vor Jahren in ein Warenwirtschaftssystem investiert haben. Man braucht eine Datenstruktur, um sich als primär stationärer Händler mit einem Onlineshop zu etablieren“, erklärt Keller-Leist. Daher weiß er mittlerweile sehr genau, welche Waren sowohl stationär als auch online gefragt sind, und gibt sich zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass unser Onlinegeschäft auch nach Corona weiter anziehen wird.“

Außerdem will er die Zusammenarbeit mit Lieferanten weiter forcieren, die zu Zeiten der Pandemie bereit waren, Zahlungsfristen zu verlängern. „Wir bestellen bei diesen schon heute mehr als bei jenen, die einen harten Kurs verfolgten, und werden dies nun ausbauen“, erläutert Keller-Leist.

Darüber hinaus veränderte er die Kommunikation mit seinen Banken und informiert sie nun regelmäßig über die weitere Geschäftsentwicklung. „Wir besprechen unsere betriebswirtschaftlichen Auswertungen“, sagt Keller-Leist. Das stärke das gegenseitige Vertrauen. Wie wichtig das sei, habe die Erfahrung des Lockdowns gelehrt.

Engpässe antizipieren

„Die Geldhäuser vergeben Kreditlinien nicht nach dem Gießkannenprinzip, selbst wenn sie hoch gefördert werden“, so der Firmenchef. Daher behält er Gewinne im Unternehmen ein, um eine ausreichende Eigenkapitalquote vorweisen zu können. Für noch entscheidender für die langfristige Liquiditätssicherung hält er eine professionelle Vorausschau der Zu- und Abflüsse der nächsten Monate. Keller-Leist: „Wir erstellen Übersichten für den besseren und den schlechteren Fall, sodass wir mögliche Engpässe frühzeitig erkennen und ermessen können, wie lange sie dauern.“

Genauso agiert Spielwarenhändler Christian Krömer: „Die Banken sehen, dass wir mit Sinn und Verstand arbeiten. Ich habe stets vor Augen, wie unser Kontostand in ein bis zwei Monaten aussehen wird.“ Den Liquiditätsplan macht er jedoch nicht allein für die Kreditinstitute, sondern primär für sich selbst. „Wir arbeiten damit, um möglichst keine Bank zu brauchen“, so Krömer. Das A und O sei es, einen Überblick über die eigenen liquiden Mittel zu haben: „Dann entsteht auch kein Problem, wenn man sie plötzlich benötigt.“

„Eigenfinanzierungskraft optimieren" 

Georg Schulte-Holtey ist betriebswirtschaftlicher Berater der IHK München. Er rät Händlern, bei der Liquiditätssicherung auch auslaufende Wirtschaftshilfen miteinzubeziehen.

Viele Einzelhändler haben sich mit staatlicher Unterstützung über das Jahr gerettet und wollen nun wieder durchstarten. Dazu brauchen sie Liquidität, über die nicht jeder verfügt. Was empfehlen Sie?
Die Lage im Einzelhandel ist je nach Branche sehr unterschiedlich: Während Garten- und Baumärkte, genauso wie etwa der Outdoorbereich sowie Küchen- und Möbelgeschäfte recht gut abschnitten, haben zum Beispiel Textilisten in den Innenstädten verloren. Aber unabhängig davon, wie das Jahr lief, sollten Händler eine detaillierte Planung ihrer Liquidität aufstellen. Das ist die Grundlage.

Nun wird sich anhand dieser möglicherweise zeigen, dass beim Einkauf für die nächste Saison Engpässe entstehen könnten. Was dann?
Im Gespräch mit der Hausbank und der regionalen IHK lassen sich frühzeitig staatliche Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten ausloten. Förderbanken in Bayern zum Beispiel vergeben über Geschäfts­banken Schnellkredite oder den Corona-Schutzschirm-Kredit. Das eröffnet Chancen für kurzfristige Finanzierungen.

Viele Unternehmer wollen auf Fremdkapital ver­zichten, um in Zukunft nicht belastet zu sein …
Die Unternehmer sollten unter anderem mittels der sogenannten ABC-Analyse gewinn- und liquiditäts­orientiert Prioritäten setzen und prüfen, mit welchen Sortimentsbereichen, Lieferanten und Kunden sie mehr oder weniger erfolgreich wirtschaften. Daraus können sie Maßnahmen ableiten, um sich aus eigener Kraft zu optimieren und ihre Eigenfinanzierungskraft zu stärken. Nicht mehr ins priorisierte Sortiment passende Waren sollten konsequent abverkauft werden. Coachingprogramme des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) unterstützen die Einzelhändler bei der operativen Umsetzung.

Schlagworte: Finanzierung, Liquidität, Liquiditätsmanagement, Coronakrise

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