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Cultivated Meat

„Wir stehen zwischen Labor und Skalierung“

Marcus Keitzer, Vorstand für alternative Protein­quellen des Geflügel­fleischspezialisten PHW, spricht im Interview über Laborfleisch, dessen Zukunft und die Bedeutung der Innovation für den Lebensmitteleinzelhandel.

Von Christine Mattauch 31.08.2021

© stock.adobe.com/tilialucida

Die Zukunft ist (nicht) Wurst: Fleisch aus dem Labor könnte in wenigen Jahren in Deutschland erhältlich sein.

Herr Keitzer, 2019 war Lidl die erste Kette, die einen Burger auf Pflanzenbasis anbot. Binnen weniger Stunden war der „Beyond Burger“ ausverkauft. Glauben Sie bei Laborfleisch an einen ähnlichen Erfolg?
Wenn die Produkte auf den Markt kommen, wird es einen gewissen Hype geben. Das ist immer so, wenn es etwas ganz Neues gibt.

PHW vertreibt nicht nur Pflanzenfleisch, sondern ist bereits 2018 in das israelische Start-up SuperMeat eingestiegen, das Fleisch aus Zellen entwickelt. Warum?
Eine Technologie zur Herstellung von Fleisch, auch von Hähnchenprodukten, ist für uns natürlich hochspannend ...

... unter dem Aspekt neuer Konkurrenz?
Wir haben es von Anfang an positiv gesehen und überlegt: Wie können wir das in unserem Geschäftsmodell abbilden? Um die Techno­logie besser zu verstehen, ist der klassische Weg eine Beteiligung, und SuperMeat ist hähnchenfokussiert. Wir sind Minderheitsgesellschafter mit einer Beteiligung unter zehn Prozent. Es ist für uns weniger ein finanzielles als vielmehr ein operatives Thema.

Inwiefern?
Das Cultivated-Meat-Segment wird auf absehbare Zeit aus einfachen Produkten bestehen, wie Nuggets, Würstchen oder Schnitzel. Mit solchen Produkten arbeitet PHW stark im Convenience-Bereich. Konzeptionell ist es relativ egal, was als Rohstoff zur Verfügung steht, eine Hähnchenbrust, Erbsenprotein oder Cultivated Meat. Wir setzen also in der Wertschöpfungskette da an, wo das Start-up SuperMeat aufhört, und können die Produkte vermarkten.

Wann erwarten Sie das erste Laborfleisch in Deutschland?
Cultivated Meat gilt in der EU als Novel Food, mit strengen Vorgaben für eine Zulassung. Was die Technologie angeht, stehen wir derzeit zwischen Labor und vorindustrieller Phase: Der Beweis ist erbracht, dass sie funktioniert, jetzt geht es um die Skalierung. In vier bis fünf Jahren sollten wir erste Produkte in Europa sehen, zunächst in Restaurants.

Und im Supermarkt?
Die Frage lässt sich nicht seriös beantworten. Aber es wird kommen.

Was bedeutet die Entwicklung für den Handel?
Das wird davon abhängen, ob sich Cultivated Meat als Massenprodukt etablieren kann. Ich denke, erst wird es ein Nischenmarkt sein, dann werden die Kosten sinken.

Wie groß ist die Zielgruppe?
Die Technologie schließt eine Lücke zwischen pflanzenbasierten Produkten und der tradi­tionellen Fleischproduktion, dadurch ergibt sich Konsumentenpotenzial. Alte Clusterungen wie Fleischesser oder Vegetarier lösen sich auf; es gibt immer mehr Flexitarier, die auch Alternativen essen – bisher pflanzenbasiert, künftig auch zell­basiert. Die Matrix wird also komplizierter. Es ist darüber hinaus ein Generationenthema. Für junge Menschen wird Cultivated Meat eine normale Proteinquelle sein.

Registrieren Sie im Handel Bewusstsein für das Thema?
Nachfrage und Neugier sind definitiv vorhanden.

Wer erkundigt sich bei Ihnen – Discounter, der herkömmliche LEH?
Es geht querbeet. Die Händler wollen verstehen, was auf sie zukommt und wie sie es vermarkten können. Es werden noch keine Regale freigehalten. Aber der LEH ist im Umbruch. Wie sieht die Theke der Zukunft aus, wie viel Fläche stellt ein Händler für Fleisch und pflanzenbasierte Proteine zur Verfügung? In diesen Kontext gehört die Diskussion über Cultivated Meat.

Schlagworte: Fleisch, Lebensmitteleinzelhandel

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