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Sharing

"Die Übergänge sind fließend"

Als Gründer des Hamburger Trendbüros, einem Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel, setzt Peter Wippermann Innovationsprojekte für Kunden aus verschiedensten Branchen um. Im Gespräch erklärt er, warum Sharing-Modelle den klassischen Handel massiv heraufordern werden.

Von Josefine Köhn 15.06.2020

© Trendbüro

Trendforscher Peter Wippermann sieht Sharing als längerfristigen Trend.

Ist Sharing nur ein vorübergehender Trend oder wird sich das Modell auch langfristig durchsetzen?

Sharing ist definitiv ein Trend, der auch die nächsten Jahre maßgeblich bestimmen wird. Er fußt auf einem generellen Konsumentenwandel weg von klassischem Produkt- und Markenkonsum hin zu Erlebnissen und damit auch zu Sharing-Lösungen. Allerdings hat sich die Definition dessen, was zur Sharing Economy zählt und welche Bereiche in Zukunft wachsen, in den letzten Jahren stark verändert. Zählt man die wachsende Zahl der „… as-a-service“-Geschäftsmodelle wie Streamingdienste oder Mobilität hinzu, blicken wir auf einen wirtschaftlichen Treiber, der bereits heute zahlreiche etablierte Industrien transformiert.

Eigentlich sind Sharing- und Mietmodelle ja nichts Neues, Musikinstrumente, Maschinen, Abendkleider werden seit Langem auch schon auf diese Weise angeboten. Welche Trends begünstigen den aktuellen Erfolg von Sharing Modellen und Plattformen?

Die Übergänge zwischen Sharing- und klassischen Mietmodellen sind fließend. Bereits das populärste Beispiel – das ursprüngliche AirBnb-Geschäftsmodell, private Wohnungen gegen Miete mit Reisenden zu teilen – ist aufgrund der zu entrichtenden Miete kein reines Sharing-Modell, also kein reines Peer-to-Peer-Modell. Deutsche Car-Sharing-Provider oder die immer populären E-Scooter-Anbieter sind im Business-to-Consumer-Sharing tätig, das ebenfalls nicht exakt dem „Sharing“-Gedanken entspricht. Trotzdem werden sie meist als Teil der Sharing Economy angesehen, da sie das Resultat der gleichen gesellschaftlich-technologischen Treiber sind: Digitale Plattformen, die den bequemen Zugang zu Waren und Dienstleistungen auf Zeit ermöglichen, der zunehmende wirtschaftliche Druck auf breite Gesellschaftsschichten, aber vor allem die Sehnsucht nach Individualität und exklusivem Zugang, die den Wunsch nach klassischen Statussymbolen immer weiter verdrängt.

Ist das Sharing-Modell auf den gesamten Einzelhandel übertragbar oder gibt es Branchen, für die das Modell weniger gut funktioniert?

Elemente des Sharing-Modells sind auf jede Industrie übertragbar. Da ist es egal, ob es wie bei Gig-Economy-Plattformen um das Teilen der eigenen Arbeitskraft oder wie beim Anbieter Deutsche Lichtmiete um den Verleih von Industriebeleuchtung geht. Neben dem wachsenden Bereich der B2B-Sharing-Angebote, zum Beispiel im Bereich Logistik, sind aber vor allem die konsumentenrelevanten Entwicklungen interessant. Im einfachsten Fall werden Sharing-Services im physischen Einzelhandel angeboten: So betreibt der Power-Bank-Hersteller Anker in China unter dem Label „Ankerbox“ erfolgreich Power-Bank-Sharing, größtenteils direkt am PoS. Selfridges London ist ein gutes Beispiel für Space-Sharing: Marken können sich darum bewerben, einen Kaufhausbereich, den „Corner Shop“, frei zu bespielen. Im weitesten Sinn sind daher alle Shop-in-Shop-Konzepte Sharing-Modelle. Hier besteht gerade im Hinblick auf die Konsumentenwünsche nach Zugang und Erlebnissen viel Potenzial in der Dynamisierung von Verkaufsräumen. Schwieriger für den stationären Handel ist der aktuelle Trend hin zu Sharing-Abo-Modellen, beispielsweise für Mode oder Fahrräder. Dabei ist das Erfolgskriterium ja gerade die Convenience, die Produkte nach Hause geliefert zu bekommen und nicht einen Verkaufsraum oder eine Mietstation aufsuchen zu müssen.

Wie wichtig ist der Servicegedanke beim Angebot von Sharing-Plattformen – und wie kann dieser weitergedacht werden?

Sharing-Plattformen leben von der guten User Experience, Transparenz und Vertrauen. Notwendigkeit zu gutem Service besteht derzeit insbesondere bei der Klärung von Problemen oder Konflikten. Je nach Angebot – gerade auch im Segment von Luxusprodukten oder -services – kann persönlicher Service ein weiteres Entscheidungskriterium sein. Und gerade beim Vertrauen hat der Einzelhandel Vorsprung gegenüber rein digitalen Angeboten. Schließlich lässt sich der Sharing-Gedanke mit anderen Geschäftsmodellen kombinieren: So könnten Kunden beispielsweise bestimmte Produkte im Sharing nutzen und buchen für zusätzliche Services Upgrades – ähnlich einem Freemium-Modell.

Schlagworte: Start-up

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