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Gastbeitrag

Wie kassenlose Läden den Lebensmittelhandel verändern

Kein Kunde möchte gern an der Supermarktkasse warten. Eine Lösung, die in anderen Ländern bereits Einzug gehalten hat, ist das so genannte Just Walk Out-Shopping. Das Potenzial für Deutschland beleuchtet Thorben Fasching, Executive Partner des IT-Dienstleisters Reply, im Gastbeitrag.

Von Thorben Fasching, Reply Executive Partner 28.10.2021

© Cascade Creatives / stock.adobe.com

Vorbild Amazon Go: Auch hierzulande experimentieren Händler mit dem Verzicht auf Kassen.

Amazon Go zeigt bereits seit 2017, wie es weltweit funktionieren könnte: Entsprechende App downloaden, im Markt mit QR-Code einchecken, Lebensmittel einpacken, an der Check-Out-Schranke vorbei – fertig. Ohne Kontakt zu Supermarktmitarbeitern, ohne Kassenschlange, ohne umständliches Bezahlen und Verräumen der Lebensmittel vom Einkaufswagen in die Tasche. Soweit die Theorie. In der Praxis hat sich revolutionäre Art des Einkaufens jedoch nicht durchgesetzt. Noch nicht.

Doch es tut sich einiges: Sowohl in den USA als auch in Großbritannien deutet vieles darauf hin, dass gerade die Corona-Pandemie als Treiber dieser Entwicklung fungiert hat. Denn während die britische Supermarktkette Sainsbury's den Testballon eines kassenlosen Lebensmittelladen im Jahr 2019 – damals ein Novum in Großbritannien – nach drei Monaten wieder einstellte, weil die Kunden eigenen Angaben zufolge noch nicht bereit waren für einen kassenlosen Einkauf, investierte Konkurrent Tesco jüngst massiv in autonome Ladentechnologie. Und nun wurde bekannt, dass auch Aldi Kassenlos-Supermärkte nach dem Vorbild von Amazon Go testet – Aldi Süd in London, Aldi Nord im niederländischen Utrecht.

Hierzulande agieren die großen Handelsketten etwas zurückhaltender. Zwar experimentieren etwa Rewe, Edeka, Tegut oder auch Ikea bereits länger mit Self-Scan-Geräten, Self-Checkouts und Einkaufswagen mit Scan-Tool. Von massentauglichem Just-Walk-Out-Shopping sind wir in Deutschland allerdings noch weit entfernt. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass hierzulande viele Menschen noch immer am liebsten mit Bargeld bezahlen und grundsätzlich eher ängstlich und vorsichtig sind, was die Herausgabe von Daten angeht.

Kunden wie Händler profitieren

Im Jahr 2020, also in der Hochphase der Pandemie, verzeichneten Anbieter von Online-Lebensmittellieferungen einen 370-prozentigen Anstieg an Bestellungen in Deutschland. Obgleich sicherlich viele Menschen nun wieder gerne raus und unter Leute gehen, lassen diese Werte darauf schließen, dass der Markt reif ist für komfortablen und kontaktarmen Lebensmitteleinkauf.

Darüber hinaus ist das Interesse der deutschen Verbraucher an der Verwendung von – für kassenloses Einkaufen notwendigen – QR-Codes im Laufe des Jahres um 57 Prozent gestiegen – ein Hinweis darauf, dass auch bei deutschen Konsumenten die Bequemlichkeit die German Angst vor neuen Technologien schlägt. Kein Wunder: Beim Just-Walk-Out-Shopping sparen Kunden Zeit, schonen die Nerven und umgehen unnötige menschliche Kontakte - Vorteile, die in der Konsumentenwahrnehmung langfristig Bestand haben werden.

Es existieren weitere Vorteile – und zwar nicht nur für Kunden, sondern auch für all diejenigen Unternehmen, die auf Technologie setzen: Der Lebensmitteleinzelhandel gewinnt über den rein digitalen Check-out und die Online-Zahlungen spannende Kundendaten und Einblicke in das Einkaufsverhalten der Menschen. Verknüpft mit Hyper-Personalisierung lässt sich so jedem Kunden ein maßgeschneidertes und einzigartiges Einkaufserlebnis bieten.

Gemeint sind Angebote, die auf dem üblichen Einkaufsgewohnheiten des Kunden basieren, oder Vorschläge für alternative oder neue Marken, die er ausprobieren könnte. Die Supermärkte können so gezielt anhand von kleinen Zielgruppen neue Produkte verproben, anstatt diese teuer und aufwändig über klassische Marktforschung zu testen. Rewe und Ikea sind hier in Deutschland Vorreiter und gehen bereits erste Schritte in diese Richtung.

Technische Hürden überwinden

Entscheidet sich nun ein Händler dafür, künftig auf Walk Out Shopping zu setzen, gehen damit einige Herausforderungen einher. Neben einer veränderten Produktdichte und -Auswahl sind vor allem Investitionen in Technologie und Ladenformate notwendig: Es bedarf einer entsprechenden App und eines Eingangs-Scanners. Ebenso sind Kameras vonnöten, die in den Stores zum Einsatz kommen, um die Gegenstände zu dokumentieren, die aus den Regalen genommen werden.

Schließlich braucht der Händler auch eine KI-getriebene Computer-Vision-, Sensor-Fusion- und Deep-Learning-Technologie: Ein Kamera-Tracking-System inklusive Gesichtserkennung verfolgt den Nutzer durch den Laden. Hunderte Erfassungsgeräte ermöglichen die Aufzeichnung und Verarbeitung der Bewegungen. Die Kaufprozesse werden über rechnerverarbeitende Kamera- und Sensordaten sowie Deep-Learning-Algorithmen festgehalten und ausgewertet. Letzteres ist entscheidend, um dem Kunden anschließend auf Basis der Daten zu seinen Einkäufen auf ihn zugeschnittene Angebote machen zu können.

Fakt ist: Just-walk-out-Stores bieten ein tolles Kundenerlebnis, denn der Kunde gewinnt Zeit und verschwendet sie nicht mit einer Warteschlange im Kassenbereich. Die Pandemie hat hier sicherlich als Katalysator gewirkt. Und so werden wir auch hierzulande in Kürze nicht nur Prototypen sehen, sondern endlich auch flächendeckend disruptive Konzepte, die die Customer Journey für Kunden noch angenehmer und sicherer machen.

Thorben Fasching ist Partner von Triplesense Reply und Open Reply sowie Executive Partner von Reply. Seit über 20 Jahren beobachtet er die Trends im digitalen Business, seit 2016 ist er für das Unternehmensnetzwerk Reply tätig.

Schlagworte: Einzelhandel, Lebensmitteleinzelhandel, SB-Kassen

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