Gastbeitrag

Warum nach dem Lockdown die Einkaufseuphorie kommt

Der Lockdown dauert bis zum 31.Januar an – vorerst. Die weitere Entwicklung ist ungewiss. Wieso für den Einzelhandel dennoch ein Lichtblick nach den ersten Monaten dieses Jahres erkennbar ist, erklärt Handelsexpertin Theresa Schleicher im Gastbeitrag.

Von Theresa Schleicher, Geschäftsführerin bei Vorn Strategy Consulting 13.01.2021

© Max Stein / Imago Images

Kaufrausch nach dem Lockdown? Einer Prognose zufolge könnte es dazu kommen.

Der Lockdown fordert einen weiteren Kraftakt vom deutschen Einzelhandel. Prognosen des Handelsverbands Deutschland (HDE) zufolge droht bis zu 50.000 Einzelhändlern die Schließung - vorwiegend den kleinen, lokalen Unternehmen. Dass die Coronapandemie die Handelslandschaft allerdings nicht in eine Wüste verwandelt, zeigen die Zahlen aus 2020. Nach erster Erhebung des Statistischen Bundesamtes wuchs der Umsatz preisbereinigt um 3,9 bis 4,3 Prozent. Dabei sind allerdings auch der extrem erfolgreiche Onlinehandel und der stark gewachsene DIY- und Lebensmittel-Handel mit eingerechnet.

Was passiert also 2021? Was letztes Jahr von vielen vorhergesagt wurde, wäre für Händler ein Problem. Die Rede war von der Ausbildung eines nachhaltigen, mäßigeren und bewussteren Konsumverhaltens und einer Abkehr vom stationären Handel. Tatsächlich werden wir aber im kommenden Sommer merken, wie sehr die deutsche Bevölkerung das unbeschwerte stationäre Einkaufen vermisst hat.

73 Prozent der deutschen Bevölkerung sehnen sich laut einer Erhebung des Zukunftsinstituts in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Vorn danach, wieder in stationäre Geschäfte zu gehen, zu flanieren und zu konsumieren. 74 Prozent geben an, dass sich an ihrer Kauflust auch durch Corona nicht viel verändert hat. Jeder Elfte sagt nach einer Erhebung des Sinus-Instituts sogar, er habe vor, mehr zu kaufen als bisher.

Mittelfristiger Konsumanstieg in Innenstädten

Es lohnt auch der Blick in andere Länder. In China beispielsweise, das uns im Verlauf der Pandemie zeitlich voraus ist, hat sich der Umsatz bereits Mitte 2020 wieder stark erholt, für 2021 wird sogar ein Anstieg auf mindestens das Niveau der Vorjahre 2016-2018 prognostiziert. Die Schlussfolgerung: Auch hierzulande ist ein mittelfristig anhaltender Konsumanstieg in den Innenstädten zu erwarten, der zumindest einen Teil der Verluste während des Lockdowns mildern wird.

Besonders jüngere Generationen werden in Deutschland wieder verstärkt Mode- und Textilhändler vor Ort besuchen. Das ständige Sitzen vor dem Laptop hat viele müde gemacht. Kleinere lokale Einzelhändler werden mit neuer Begeisterung besucht werden. Über die zusätzlich aufgebauten digitalen Services werden diese dann auch langfristig eine gute Chance haben, im Einkaufsalltag der Deutschen anzukommen.

Der Retail-Report des Zukunftsinstituts sagt zudem folgende Entwicklungen für die Zeit nach dem Lockdown voraus:

Umkehr der Branchen-Gewinner: Die Coronaphase hat besonders die Branchen Möbel-/Interieur, den DIY-Handel, Haushaltswarengeschäfte und klassischerweise den LEH befeuert – alle die, die Produkte verkaufen, die man zuhause eben braucht. Im Textilbereich hatten dagegen 90 Prozent der Händler starke Einbußen. Wenn die Menschen nach dem Lockdown in den Alltag zurückkehren und der Sommer anbricht, wird allerdings besonders der Modehandel im Fokus stehen – und dabei die bisherigen Gewinnerbranchen für eine längere Zeit ablösen.

Lokale Ökosysteme wachsen stark: Der Besuch von kleinen lokalen Einzelhändlern war für einige Verbraucher, die mit Filialisierung und Globalisierung aufgewachsen sind, fast schon etwas Neues. Dabei ist es egal, ob sie stationär oder online bei diesen Unternehmen einkaufen. Der Trend aus 2020, dass neu entstandene lokale Plattformen wie Locamo, lokale Initiativen wie Heimatliebe in Wiesbaden, neue Stadt-Marktplätze oder lokale Investitionen von Amazon und Zalando bei Verbrauchern sehr gut ankamen, wird sich auch 2021 fortsetzen. Lokalkolorit unterstützt weiterhin den Absatz regionaler Erzeugnisse und Produkte in allen Branchen – vom LEH bis zum Baumarkt.

Hybride Innenstädte werden Alltag: Ob stationärer Lampen-, Dekorations- oder Modeladen - Click & Collect-Angebote finden sich derzeit an jeder Ladentür. Besonders die kleineren Anbieter haben diesen Service, aber auch Angebote wie die Vorab-Reservierung oder Beratung über WhatsApp und Facebook für sich entdeckt. Vom Ropo-Effekt (Research Online, Purchase Offline) profitieren sowohl Händler als auch Kunden.

Rückkehr der Rabattaktionen: Die Anpreisung von Rabatten hat in Coronazeiten ihren Reiz zurückgewonnen. Viele der deutschen Kunden sind durch die finanziell angespannte Lage sparsamer geworden. Obwohl generell wesentlich stärker auf Qualität, Regionalität und Nachhaltigkeit geachtet wird und dafür auch im Schnitt mehr Geld ausgegeben wird, werden Rabatte 20 Prozent häufiger als in vergangenen Jahren als wichtiger Kaufgrund genannt.

Der komplette Retail-Report ist hier als kostenpflichtiger Download verfügbar.

Theresa Schleicher beschäftigt sich mit der Zukunft des Einzelhandels in Deutschland. Für das Zukunftsinstitut analysiert sie seit 2014 jährlich im Retail-Report Entwicklungen und Veränderungen in der Handelslandschaft der DACH-Region. Ihr Blick auf die Zukunft umfasst dabei auch große gesellschaftliche Zusammenhänge, um so marktunübliche Blickwinkel einzunehmen und Zukunftschancen zu erkennen. Schleicher ist Geschäftsführerin der Strategieberatung Vorn Strategy Consulting.

Schlagworte: Coronakrise, Einzelhandel, Strategie

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