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Vom Wert des Gebrauchten

Neulich bekannte ein alter Hase des Modehandels ganz nebenbei, dass er den rasanten Wandel seiner Branche erst richtig verstanden habe, als er seine halbwüchsige Tochter in eine entlegene Gegend Londons chauffieren sollte.

Von Ian McGarrigle 20.07.2021

© LoloStock / stock.adobe.com

Der Secondhand-Anteil wird nach Schätzung des Branchendienstes ThredUP allein in den USA auf einen Umsatz von 64 Milliarden US-Dollar anwachsen – das bedeutet eine jährliche Steigerung um unglaubliche 39 Prozent.

Sie hatte sich dort mit ihren Freundinnen zu einer Fashion-Shopping-Tour verabredet. Der gute Mann verstand die Welt nicht mehr. Warum sollte man so weit fahren, wenn sich doch direkt vor der Haustür eine Modeboutique an die nächste reiht? Doch der jungen Dame ging es nicht um die neuesten Kollektionen, sondern um Secondhand- und Vintage-Shops, die weniger in den teuren Lagen zu finden sind, sondern eher in den günstigeren Außenbezirken.

Vor allem die jungen Zielgruppen entdecken und kaufen ihre Klamotten in Secondhand-Läden. Dem liegt eine grundsätzlich veränderte Haltung in Sachen Mode zugrunde, die von der Pandemie noch verstärkt wurde und das Zeug dazu hat, das traditionelle Handelsformat Fashion auf den Kopf zu stellen. Der sogenannte „Resale“ oder Secondhand-Anteil wird nach Schätzung des Branchendienstes ThredUP allein in den USA auf einen Umsatz von 64 Milliarden US-Dollar anwachsen – das bedeutet eine jährliche Steigerung um unglaubliche 39 Prozent.

Welche Ursachen sind für diesen Trend verantwortlich? Da wären zunächst ein sich schärfendes Nachhaltigkeitsbewusstsein und das Wissen um die umweltschädlichen, ressourcenfressenden Praktiken der Modeindustrie. Gerade bei jungen Verbrauchern spielt das eine große Rolle, wenn es um Konsumfragen geht. Wer daran zweifelt, möge Google konsultieren. Die Häufigkeit des Suchbegriffs „ethical brands“, also die Abfrage nach fairen, umweltbewussten Marken und Unternehmen, ist um 300 Prozent gestiegen. Den jungen Menschen ist wohl bewusst, was eine Industrie anrichtet, die eine permanente Überproduktion erzeugt und ihre nicht verkauften Produkte auf Deponien entsorgt.

In diesem verzichtsbereiten, bewussten Umgang schlummert zugleich eine neue Art des selbstbestimmten Konsums. Gerade junge Menschen knüpfen eigene Netzwerke, innerhalb derer sie Kleidungsstücke und andere Produkte kaufen oder tauschen – mal unter Freunden, mal in einem erweiterten sozialen Kontext. Digitale Marktplätze wie Depop oder Ebay ermöglichen und befeuern solche Strukturen, bei denen traditionelle Händler sowohl on- als auch offline außen vor bleiben.

Wie können Einzelhändler auf diese Absage an das traditionelle Handelsformat Fashion reagieren? Keine Frage: einzig mit radikalen und raschen Veränderungen an mehreren Fronten. Zuerst muss die Branche mit dem Prinzip der Überproduktion brechen, sodass es nicht mehr nötig ist, unverkäufliche Ware zu vernichten oder auf Deponien verrotten zu lassen. Schon jetzt nehmen Modehändler die Bedeutung des Resale- respektive Secondhand-Markts ernst und beginnen, entsprechende Kollektionen on- und offline anzubieten. Doch vor allem besteht die dringende Notwendigkeit, eine echte Kreislaufwirtschaft zu entwickeln, die bei der zu verarbeitenden Faser beginnt und die Verarbeitung, die Nutzung, den Wiederverkauf sowie das Recycling eines Produkts umfasst.

Aus dieser Perspektive betrachtet, steht nicht nur die Modeindustrie, sondern die ganze Wirtschaft vor einem Wandel, der spannenden Innovationen und Technologien binnen kurzer Zeit zum Durchbruch verhelfen wird. Und gerade dem Einzelhandel sollte daran gelegen sein, mit den Wünschen und Erwartungen seiner Kundschaft Schritt zu halten – auf der richtigen Seite der Barrikaden.

Schlagworte: Mode, Second-Hand, Recycling, Fashion

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