KI findet im Handel kaum Anwendung

Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) nehmen weltweit rasant zu, so eine neue Studie. Hinsichtlich der aktuellen Marktdurchdringung von KI liege Europa jedoch deutlich hinter den USA und China zurück. Ein Warnsignal.

11.06.2019

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Insbesondere Handels- und Konsumgüterunternehmen zeigen sich bei der KI-Implementierung bisher verhalten, so die Studienautoren.

Für Europa sollen bis 2020 KI-Investitionen in Höhe von 2,6 Milliarden US-Dollar getätigt werden. Für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird ein durch KI getriebenes Wachstum um insgesamt 2,7 Billionen Euro bis 2030 erwartet. Die enormen Wachstumsraten um jährlich 1,4 Prozent sind dabei maßgeblich auf Produktivitätssteigerungen zurückzuführen, die sich durch die Automatisierung von Prozessen ergebe, so eine Studie der Unternehmensberatung BearingPoint und des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement (IIHD).

Riesiges Potenzial, aber kaum Anwendung

Im Wettrennen um KI-Lösungen läuft Europa jedoch den USA und China hinterher. Der Grund: Bisher fehlen oft die analytischen Voraussetzungen, so die Studienautoren. Lediglich elf Prozent der europäischen Unternehmen wendeten beispielsweise Big Data Analytics unternehmensweit an. Zwei Drittel der Unternehmen befinden sich noch in der Pilotierungsphase oder nutzen Big Data Analytics bisher gar nicht.

In der Folge fällt auch die KI-Adaption in Europa derzeit sehr gering aus. Lediglich sechs Prozent der europäischen Unternehmen nutzen KI zum Beispiel im Rahmen von Prozessautomatisierung und Smart Robotics. Machine- und Deep-Learning-Algorithmen sowie virtuelle Assistenten kommen in nur drei Prozent der Unternehmen zum Einsatz. „Insbesondere Handels- und Konsumgüterunternehmen zeigen sich bei der KI-Implementierung bisher verhalten. Im Vergleich zu anderen Branchen ist die KI-Adaption im Handel kaum fortgeschritten, wenngleich das Wachstums- und Transformationspotenzial durch künstliche Intelligenz hier überproportional groß ist“, sagt Kay Manke, Partner und Retail-Experte bei BearingPoint.

Facial Recognition als Schlüsseltechnologie 

Ein zentrales Anwendungsfeld für KI, insbesondere im Handel, ist Facial Recognition (Gesichtserkennung) – auch als „biometrische künstliche Intelligenz“ bekannt. Facial-Recognition-Software kann sowohl grundlegende demografische Daten, wie beispielsweise Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft, als auch Bewegungsdaten von Konsumenten generieren, die Auskunft über das Einkaufsverhalten geben. „In Zeiten, in denen das Wissen um den Kunden und seine individuellen Bedürfnisse und Verhaltensweisen elementarer Bestandteil und Kernerfolgsfaktor einer neuen, kundenzentrierten Welt des Handels ist, bieten sich insbesondere dem stationären Handel durch Facial Recognition neue Entwicklungschancen“, so Professor HSG Jörg Funder, geschäftsführender Direktor am IIHD Institut.

Gesichtserkennung könnte künftig Antworten auf zentrale Fragen der Customer Journey liefern und beispielweise dokumentieren, wie sich ein Kunde in einem Geschäft bewegt, wie lange er sich mit bestimmten Produkten beschäftigt und welche davon am Ende tatsächlich den Weg an die Kasse finden. Richtig eingesetzt könnte die neue Technologie dem stationären Handel auf diese Weise wieder zu mehr Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu Onlineshops zu verhelfen. 

Trotz ihres Potenzials kommen die Technologien um KI und Facial Recognition im deutschen Handel bisher kaum zum Einsatz. Dieser geringe Implementierungsfortschritt ist dabei auf einige zentrale Hürden zurückzuführen. Zum einen ist die Verfügbarkeit von (Kunden-)Daten im deutschen Handel immer noch kaum gegeben. Außerdem spielen die geringe Akzeptanz der Konsumenten und die hohen Anforderungen an den Datenschutz eine Rolle. „Durch Transparenz und Aufklärung können Unternehmen die Akzeptanz für Facial-Recognition-Software erhöhen und das Vertrauen der Kunden in die Technologie stärken. Die Politik ist ihrerseits gefragt, die gesetzlichen Vorgaben zum Einsatz biometrischer Software zu schärfen und Klarheit für Händler und Kunden zu schaffen. Deutsche Datenschutzgesetze sind in der Regel strenger als beispielsweise in den USA oder China. Das könnten deutsche Unternehmen zu ihrem Vorteil nutzen, indem sie ihren Kunden die Vorteile von Facial-Recognition zugänglich machen und gleichzeitig deren Privatsphäre schützen“, erklärt Manke. 

KI und Facial Recognition erfordern zudem hohe Investitionen in die IT-Infrastruktur und machen neue Kompetenz- und Fähigkeitsprofile notwendig. Aufwände, die viele Handelsunternehmen noch scheuen. „Um zukünftig mit innovativen Wettbewerbern konkurrieren zu können, müssen Händler jetzt investieren – sowohl in technische Strukturen als auch in die Kompetenz ihrer Mitarbeiter“, so Professor Funder. 

Die vollständige Studie finden Sie hier.

Schlagworte: Digitalisierung, Big Data, Künstliche Intelligenz, Studie

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