Kassengesetz

Ende der Zettelwirtschaft

Kassenbelege gab es in stationären Geschäften bislang ausschließlich analog in Papierform. Das Bremer IT-Unternehmen A&G will das ändern. Das Timing stimmt, denn seit Jahresbeginn sind Händler verpflichtet, jedem Kunden einen Bon mitzugeben.

Von Jens Gräber 07.01.2020

© A&G

Ab 2020 sind Händler verpflichtet, jedem Kunden einen Bon mitzugeben.

Die Idee kommt Amir Karimi, als er sein Portemonnaie aufräumt: Es quillt über vor Kassenbons. „Das hat mich immer genervt – aber man muss die Zettel ja irgendwo aufheben“, sagt er. Gemeinsam mit Geschäftspartner Gerd Köster gründet Karimi im Jahr 2017 die A&G GmbH. Derzeit zählt das Unternehmen 20 fest angestellte Mitarbeiter und zehn Honorarkräfte. Wichtigstes Projekt: die App Admin zum händlerübergreifenden Ausstellen und Verwalten digitaler Kassenbons. Ab Anfang dieses Jahres wird sie für Verbraucher verfügbar sein, so der Plan.

Die Digitalisierung solle das Leben leichter machen, sagt Karimi. Und bei Kassenbelegen sieht er großes Vereinfachungspotenzial: „Bisher ist es ja so: Die Daten liegen im Handel digital vor, werden ausgedruckt und die Bons dann von vielen Kunden später wieder eingescannt, also digitalisiert.“ Admin soll damit Schluss machen – und auch kleine Händler sollen sie nutzen können. „Wir haben die App zwei Jahre lang entwickelt und darauf geachtet, dass sie auch der kleine Kiosk an der Ecke einsetzen kann.“

Große Handelsketten wiederum können die App laut Karimi über eine Schnittstelle mit ihrem vorhandenen Warenwirtschaftssystem verbinden. Zusätzlich anschaffen müssen sie also nur ein Gerät, das an die Kasse angeschlossen wird und die Daten per Nahbereichsfunk NFC an das Smartphone des Kunden überträgt. Eine mobile Internetverbindung ist dazu nicht nötig. Wer kein NFC hat, kann einen QR-Code vorzeigen, den der Kassierer einscannt. Der Bon kommt dann via Cloud aufs Smartphone. Ein gewichtiger Partner hat schon Interesse an dem Projekt: Epson, ein weltweit agierender Hersteller von Druckern für klassische Kassenbons aus Papier. Beide Seiten erklären, dass Gespräche über eine Zusammenarbeit liefen – um Details bekannt geben zu können, sei es noch zu früh.

„Unser System ist global einsetzbar, massentauglich – und nachhaltig“, schwärmt Karimi von Admin. Tatsächlich könnte A&G mit dem Thema Nachhaltigkeit ein schlagendes Argument für seine Softwarelösung gefunden haben. Denn das neue Kassengesetz sieht vor, dass seit Jahresbeginn jeder Händler mit einem elektronischen Kassensystem seinen Kunden einen Beleg mitgeben muss: in Papierform – oder eben elektronisch. Durch diese Vorschrift könnten zusätzliche Bons in einer Länge von mehr als zwei Millionen Kilometern gedruckt werden, schätzt der Handelsverband Deutschland. Karimi: „Selbst Bäcker müssen jedem, der Brötchen holt, einen Bon anbieten.“

„Unser System ist global einsetzbar, massentauglich und nachhaltig.“

Amir Karimi, Gründer A&G GmbH

Händler zahlen einen Cent pro Transaktion

Ein Problem – nicht nur wegen des Holz- und Wasserverbrauchs bei der Herstellung des Papiers. Die Bons werden in der Regel auf Thermopapier gedruckt, das oft mit dem schädlichen Bisphenol A beschichtet ist. Es kann laut Weltgesundheitsorganisation beim Menschen die Fruchtbarkeit schädigen und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. In der EU ist es inzwischen verboten, Deutschland setzte das Verbot Anfang des Jahres um. Erlaubt bleiben aber Ersatzstoffe wie Bisphenol S oder Bisphenol C, die ebenfalls unter Verdacht stehen, gesundheitsschädlich zu sein. Admin steht dagegen für die konsequente Abkehr von Papierbons: Nicht einmal eine Importfunktion für gescannte Bons ist vorgesehen.

Bei Händlern stoße die App-Lösung auf Interesse, erste Verträge mit Handelspartnern seien bereits geschlossen, so Karimi. Bei ihnen werde die App-Lösung derzeit in die bestehenden Systeme integriert. Namen könne er nicht nennen, aber allein die Partner in Deutschland kämen auf ein Umsatzvolumen von rund 100 Milliarden Euro. Kosten für den Händler: ein Cent pro Transaktion. Laut einer EHI-Umfrage gibt es tatsächlich Potenzial für die App: Rund 40 Prozent der Händler planen demnach künftig den Einsatz digitaler Kassenbons (siehe Grafik).

Für den Verbraucher ist die App kostenlos. Daten würden lediglich anonymisiert gesammelt und ausgewertet, und selbst das sei standardmäßig deaktiviert, verspricht Karimi. „Was mit den Daten passiert, ist bei uns völlig transparent.“ Dazu passt, dass A&G nicht in Konkurrenz zu den Loyalitätsprogrammen, wie sie viele große Handelsketten anbieten, treten will. Auch eine Erweiterung der App um Zahlungssysteme soll es nicht geben. Karimi: „Wir wollen ausschließlich digitalisierte Bons anbieten. Wir wollen etwas Gutes und Nützliches schaffen.“

Apropos nützlich: Zusatzfunktionen wie eine automatische Sortierung der Bons oder das Erkennen von Bewirtungsbelegen mittels Verknüpfung der App mit dem Kalender sollen dank Künstlicher Intelligenz möglich sein und die Verbraucher locken. Wer will, kann sogar seine Belege gleich für seinen Steuerberater freigeben und muss weniger Papier an ihn verschicken.

Massentauglichkeit der Lösung entscheidend

Welche Ziele will Karimi mit der Admin-App in diesem Jahr erreichen? „Wir haben uns nicht das Ziel gesetzt, eine bestimmte Anzahl an Partnern zu erreichen oder etwas Ähnliches“, gibt sich der Gründer zurückhaltend. Wichtig sei die Massentauglichkeit der Lösung. Und dann ergänzt er, nicht mehr ganz so bescheiden: „Heute achtet man bei Läden darauf, ob sie Kartenzahlung anbieten. In Zukunft schauen Kunden vielleicht, ob ein papierloser Bon über unsere App angeboten wird.“ 

Schlagworte: App, Kassengesetz

Kommentare

  • Wolfgang Trantow

    Bonpflicht! Dies ist ein weiterer Vorstoß den Bürger durchsichtig zu machen und zu überwachen . Frau Merkel will unbedingt, was, wann und wo ich einkaufe wissen. Geht unter Merkel mehr überwachung? Warum müssen die Politiker uns ausspionieren? Und da wundern sie sich über den Hass im Netz, den sie gewissenlos, vorsätzlich erzeugen.
    Antworten
    24.01.2020, 16:23 Uhr
    • Franz Köster

      Ich kann da jetzt keinen Zusammenhang erkennen, wie Frau Merkel mich überwacht nur weil ich einen Bon bekommen hab.
      Antworten
      24.01.2020, 16:23 Uhr
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