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Studie

Hoher Bedarf an teilqualifizierten Arbeitskräften im Handel

Auf der Suche nach qualifiziertem Personal sind Händler zunehmend bereit, auch Menschen ohne Berufsabschluss einzustellen. Für viele Tätigkeiten ist das volle Spektrum berufsfachlicher Kompetenzen nicht mehr erforderlich, so eine neue Studie.

17.11.2020

© AntonioDiaz/Stockadobe.com

Der Einzelhandel sucht mittlerweile ebenso häufig teilqualifizierte Verkäufer*innen wie vollqualifizierte, so eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung.

Spezialisierung und arbeitsteilige Prozesse ermöglichen es, immer mehr Stellen mit teilqualifizierten Arbeitskräften zu besetzen. Das gilt auch im Verkauf: Der deutsche Einzelhandel benötigt hier mittlerweile ebenso viele teilqualifizierte Verkäufer wie vollqualifizierte, so das Ergebnis einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung. Sucht ein Unternehmen Mitarbeiter für die Kasse, ist es nicht zwingend auf gelernte Verkäufer angewiesen.

Gleiches gilt für die Bedienung und Beratung im Fachhandel. Auch für dieses betriebliche Einsatzfeld braucht es keinen vollen Berufsabschluss als Verkäufer. Bestimmte Teilqualifikationen reichen schon aus, um beschäftigt werden zu können. Das gilt für die meisten Berufe, so die repräsentative Unternehmensbefragung.

Demnach sind vier von fünf deutschen Unternehmen (81,2 Prozent) bereit, bei Bedarf Arbeitskräfte ohne Berufsabschluss einzustellen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Bewerber über Kompetenzen in mindestens einem beruflichen Einsatzbereich verfügen. Im Schnitt äußerten die befragten Unternehmen einen gleich großen Bedarf an teil- und vollqualifizierten Arbeitskräften. In über zwei Drittel der Berufe waren Teilqualifizierte sogar gefragter als Arbeitskräfte mit Berufsabschluss.

Teil- und Vollqualifizierte gleichermaßen gesucht

Auch für den Beruf Verkäufer erwarten die meisten Unternehmen nicht mehr die volle Bandbreite an berufsfachlichen Kompetenzen. Entscheidend ist, ob die vorhandenen Qualifikationen dem gewünschten Stellenprofil entsprechen. Mittlerweile sucht der Einzelhandel ebenso häufig teilqualifizierte Verkäufer wie vollqualifizierte. Fast die Hälfte der Unternehmen (47 Prozent) benötigt ausschließlich teilqualifizierte Verkäufer. Diese arbeiten – entsprechend ihrer Qualifikation – nur in bestimmten betrieblichen Einsatzbereichen.

Dazu gehören die Bereiche „Kasse“, „Bedienung, Beratung und Verkauf“, „Verkaufsfördernde Maßnahmen“, „Warenwirtschaft“ und „Kundenservice“. Schon mit einer Teilqualifikation ist eine Beschäftigung möglich. Die Einstellungschancen sind also gut, zumal der Handel in 60 Prozent seiner betrieblichen Einsatzbereiche bereit ist, Verkaufspersonal auch ohne Abschluss einzustellen.

Noch deutlicher ist die Situation beim Beruf Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk. Hier sind die Unternehmen in fast 80 Prozent der betrieblichen Einsatzbereiche bereit, teilqualifizierte Fachkräfte einzustellen. Nur noch knapp 37 Prozent der Unternehmen im Lebensmittelhandwerk benötigen vollqualifiziertes Personal. Den meisten Unternehmen reichen Kompetenzen in einzelnen beruflichen Teilprofilen aus.

Mehr Fachkräfte durch Teilqualifizierung

Wer teilqualifiziert ist, kann fehlende Kompetenzen auch später noch erwerben – parallel zum Job und bis hin zum Abschluss. Modulare, berufliche Qualifizierungen bieten dafür eine flexible und kostengünstige Möglichkeit. Sie haben Vorteile für Beschäftigte und Unternehmen: Arbeitskräfte können sich weiterbilden, während sie in Lohn und Brot sind. Den Unternehmen stehen bereits früh Fachkräfte zur Verfügung, die sich zunehmend qualifizieren. Auch der Einzelhandel sieht das darin liegende Potenzial: Vier von fünf Unternehmen halten berufsbegleitende Teilqualifizierungen für den besten Weg, um den Fachkräftebedarf im Verkauf zu decken.

Berufliche Teilqualifizierungen sind dabei ausdrücklich kein Gegenentwurf zur traditionellen Berufsausbildung. Sie ergänzen diese. Sie ermöglichen Menschen eine berufliche Bildung, die zwar keinen Berufsabschluss haben, aber über Berufserfahrung verfügen. Mit Blick auf die betrieblichen Anforderungen entsprechen Teilqualifizierungen der zunehmenden Spezialisierung und arbeitsteiligen Entwicklung. Menschen ohne Berufsabschluss sind nicht mehr nur betriebliche Lückenfüller. Das belegt auch die Studie: Stimmen die beruflichen Kompetenzen und besteht ein betrieblicher Bedarf, stehen Unternehmen der Beschäftigung teil- und vollqualifizierter Arbeitskräfte in gleichem Maße offen gegenüber.

Mehr Transparenz bei der Personalauswahl

Der Beruf Verkäufer ist kein „Engpassberuf“. Es mangelt nicht an Arbeitskräften, was genau daran liegen mag, dass in vielen Einsatzbereichen eine teilqualifizierte Beschäftigung möglich ist. Doch auch in diesen Fällen wollen Unternehmen wissen, welche Kompetenzen Arbeitssuchende mitbringen. Ohne einen Berufsabschluss ist das schwierig. Entsprechend beklagen mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen eine oft unklare Qualifikationslage aufseiten der Bewerber.

Gleiches gilt für Menschen, die vorhandene Abschlüsse oder berufliche Kompetenzen nicht belegen können. Dazu zählen vor allem Geringqualifizierte, Geflüchtete und Migranten. Ohne Zeugnis oder Zertifikat fehlt Unternehmen die wichtigste Einstellungsgrundlage. Auch hier müssen für ein gutes Matching und eine mögliche Beschäftigung vorhandene Kompetenzen erst sichtbar gemacht werden. Dafür braucht es jedoch standardisierte Verfahren, um berufliche Qualifikationen feststellen und zertifizieren zu können. Die Unternehmen hätten dann mehr Sicherheit und Transparenz bei ihrer Personalauswahl. Beratungsstellen und Jobsuchenden würde die Auswahl passender Teilqualifizierungen erleichtert.

Strukturiertes System fehlt

Bereits heute gibt es Instrumente, die genau das leisten. Eines davon ist das computerbasierte und mehrsprachige Testverfahren „Myskills – Berufliche Kompetenzen erkennen“ der Bundesagentur für Arbeit. In Verbindung mit beruflichen Teilqualifizierungen ermöglicht es den Unternehmen, genau die Arbeitskräfte zu finden, die passend qualifiziert sind. Noch fehlt es aber an einem strukturierten System an berufsbezogenen und abschlussorientierten Teilqualifizierungen. Bestehende Qualifizierungsangebote sind weder aufeinander abgestimmt, noch führen sie gezielt zum Berufsabschluss. Zudem sind sie nicht mit der klassischen Berufsausbildung verknüpft. Das heißt, Änderungen in den Ausbildungsordnungen fließen nicht automatisch in die Teilqualifizierungen ein.

Die Studie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass betriebliche Einsatzbereiche – beziehungsweise die darin geforderten Kompetenzprofile – eine zentrale Währung für Beschäftigungsfähigkeit sind. Schon das Kompetenzprofil eines betrieblichen Einsatzbereiches kann ausreichen, um eingestellt zu werden. Da überrascht es, dass die Arbeitsvermittlung sich nicht stärker auf Kompetenzen in betrieblichen Einsatzbereiche ausrichtet, so die Studienautoren. Sie zielt damit in ihren Bemühungen am aktuellen Bedarf der Unternehmen vorbei. Stellen bleiben unbesetzt und den Menschen vielfältige Chancen auf Integration in den ersten Arbeitsmarkt verwehrt.

Die vollständige Studie ist hier zu finden.

Schlagworte: Einzelhandel, Personal, Studie, Verkäuferin

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