Gastbeitrag

Den Brexit-Sturm überstehen

Der Brexit wird am 1. Februar 2020 politische Realität – und mit ihm höhere Zölle, verbunden mit großen Planungsunsicherheiten für Unternehmen. Wie sie sich darauf einstellen können, erklärt Supply-Chain-Experte Wolfgang Bartsch im Gastbeitrag.

Von Wolfgang Partsch, Senior Executive Advisor bei mSE-Solutions 31.01.2020

© Pro Imago Life

Der Brexit stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen.

Das Vereinigte Königreich verlässt die Europäische Union – damit wird der Brexit am 1. Februar 2020 Realität. Die politische Entscheidung betrifft die internationalen Versorgungsketten ganzer Industriezweige und aller Branchen. Mit den neuen Mechanismen, die bei Zoll- und Einfuhrabläufen greifen, werden Produktionsrückstaus und Verzögerungen in den Lieferketten einhergehen. Preise werden wegen der höheren Zölle drastisch steigen und Hamsterkäufe die Planung beeinflussen. Der Brexit bringt nicht nur Verzögerungen, sondern auch eine große Planungsunsicherheit mit sich.

Doch die Systeme von Unternehmen sind auf diese Instabilität häufig noch gar nicht ausgerichtet. Allzu oft liegt keine einheitliche Datenbasis vor: Bei Planungsprozessen, die in der Regel mehrstufig erfolgen und vom Einkauf, über die Produktion bis zum Kunden reichen, birgt dies ein nicht abschätzbares Risiko. Gerade Betriebe, die noch mit Excel und Handzetteln arbeiten, haben jetzt das Nachsehen. Viele haben die durchgängige Transformation der Supply Chain versäumt und nur Teile wie Transport, Lager oder Planung im Einkauf verkettet. Zwar sind die technologischen Möglichkeiten mit Cloud Computing sowie einer preiswerten und schnellen Datenverarbeitung vorhanden. Doch über 90 Prozent der Firmen können dies nicht abbilden: Große Unternehmen haben sich zu wenig auf den Brexit oder ähnliche Überraschungen vorbereitet und der Mittelstand ist überfordert, da ihm die Experten fehlen. Es herrscht Ratlosigkeit.

Zwei Hebel in der Supply Chain

Unternehmen müssen ihre Versorgungsketten nach Großbritannien so planen, dass die vom Brexit verursachten Ausschläge den Betrieb nicht gefährden. In der Supply Chain gibt es dafür nur zwei Hebel: Entweder man kann die Zukunft gut voraussagen, was in diesem Fall eher unwahrscheinlich ist, oder man ist in der Lage, schnell zu reagieren. Die Alternative dazu sind Über- oder Unterbestände, die sehr rasch viel zu hohe Kosten verursachen.

Eine moderne Supply Chain basiert deswegen auf einer einzigen Planungsbasis. Um den Brexit händeln zu können, müssen Unternehmen ihre Planungs- und Steuerungssysteme vereinheitlichen und die Verantwortung dafür in eine Hand legen. Neue, längere Zeitfenster – wenn eine Lieferung nicht in 24, sondern zuverlässig in 48 Stunden erfolgt – müssen in die Planung eingebracht werden. Ist das möglich, bleiben auch die Kosten stabil. Auf dieser Basis können Auswirkungen und Handlungsalternativen schnell eruiert und die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Supply Chain muss heute agil sein.

Die Galgenfrist ist denkbar kurz

Die Probleme, vor die der Brexit Unternehmen stellt, konnten vor dem 1. Februar nicht gelöst werden, weil Informationen fehlten. Jedoch werden die Details innerhalb rund eines Jahres bekannt und dann nach dieser Übergangsfrist obligatorisch. Egal ob geregelter oder harter Brexit, in spätestens einem Jahr treten für jedes Unternehmen, welches Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien pflegt, erhebliche Veränderungen und Unsicherheiten ein, die rasches und sicheres Handeln erfordern werden. Die Uhr beginnt erbarmungslos zu ticken und die Galgenfrist ist denkbar kurz für alle, die ihre Versorgungsketten nicht darauf vorbereitet haben.

Doch perspektivisch gesehen ist es gerade im Mittelstand möglich, innerhalb eines Jahres die Planungssysteme so aufzustellen und die End-to-End Supply Chains so zu transformieren, dass sie zuverlässig die Notwendigkeiten abbilden können. Da jedes Unternehmen anders ist, müssen dabei die Probleme analysiert und die technologischen Möglichkeiten bewertet werden. Durch die richtigen Partner mit der nötigen Expertise können die Belastungen und Kosten, die der Brexit verursachen wird, auf jeden Fall abgemildert werden. Es ist Zeit, zu reagieren.

Dr. Wolfgang Partsch (Senior Executive Advisor bei mSE-Solutions) ist ein Pionier auf dem Gebiet des Supply Chain Managements. Bereits 1982 beschrieb er in einem Artikel der Wirtschaftswoche zum ersten Mal die Grundzüge und einen Anwendungsfall dieses neuen Ansatzes. Es folgten Beratertätigkeiten für internationale Großkonzerne wie Volkswagen AG, Nestle und Coca-Cola.

Schlagworte: Supply Chain Management, Brexit

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