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Tesfahrt

Aufgehender Stern

Nur selten kommt es bei ­Testfahrten vor, dass der ­Fahrer auf den ersten Kilometern auf ein halbes Dutzend Interessenten trifft, die ihm Fragen stellen. Früher passierte das bei teuren, meist lauten und leistungsstarken Exoten. Heute reicht ein stilles, weißes E-Auto wie der Polestar 2.

Von Frank Heide 08.10.2020

© Polestar

Polestar ist eine Volvo-­Tochter. Und sie tritt – mit chinesischem Kapital und reichlich technischem Know-how gewappnet – voller Selbstbewusstsein an, um Tesla, Audi, BMW und Mercedes Marktanteile wegzuschnappen.

Ein Tesla?“, „Wie viel PS hat der?“, „Was kostet der?“, „Wie sieht es mit der Förderung aus?“ So lauten einige der Fragen, die mir Fußgänger, Rollerpiloten und Autofahrer stellen, weil sie mein lautloser Testwagen mit dem ungewöhnlichen „Kühlergrill“ neugierig gemacht hat. Man kann den Wagen nicht parken, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

Ein Wunder ist das nicht, denn zum einen sieht der Polestar 2 wirklich ungewöhnlich gut aus, und zum anderen kennt noch fast niemand die Marke. Polestar ist eine Volvo-­Tochter. Und sie tritt – mit chinesischem Kapital und reichlich technischem Know-how gewappnet – voller Selbstbewusstsein an, um Tesla, Audi, BMW und Mercedes Marktanteile wegzuschnappen. Dabei macht der Hersteller vieles anders als die Arrivierten. So unterhält Polestar keine Autohäuser, sondern setzt auf boutiqueähnliche Showrooms in bester Innenstadtlage. Der erste von sieben geplanten Standorten in Deutschand wurde jüngst auf der Düsseldorfer Kö eröffnet und besticht durch Minimalismus.

Beim Einstieg in die fünftürige Limousine glaubt man, einige Zutaten aus dem Volvo-­Teilelager zu erkennen, gleichwohl ist das Cockpit sogar noch reduzierter als bei der Muttermarke. Ein zentral positioniertes, großes Display im Stile eines Tablets zieht die Blicke auf sich. Wer Ausschau nach Knöpfen oder Schaltern hält, sucht vergebens. Edle Materialien und aufgeräumt-nordische Coolness vermitteln Understatement und sorgen für ein großzügiges Raumgefühl.

Nichts drängt sich auf in diesem Fahrzeug, sogar den Automatikwahlhebel hat Polestar aufs Notwendigste geschrumpft. Der Minimalismus geht so weit, dass der Fahrer weder die Zündung einschalten noch die Parkbremse lösen muss, um loszufahren. Um loszufahren, genügt es, den Zugangsschlüssel in der Tasche zu haben. Gut festgehalten von sportlich straffen Sitzen, überrascht mich das nächste Erlebnis beim Blinken: Das künstlich erzeugte Geräusch klingt wie der basslastige Beat elektronischer Tanzmusik.

Gewaltiges Drehmoment

Zugegeben, etwas behäbig rollt der Polestar 2 los – das Fahrzeug wiegt dank des gewaltigen 78-kW-Akkus 2,1 Tonnen und liegt mit 4,61 Metern Länge etwas über den üblichen Kompaktwagenabmessungen. Wer fest aufs Gaspedal tritt, wird sich allerdings unwillkürlich am Lenkrad festhalten, während der Schub den Körper tief ins Polster presst. 408 Pferdestärken (300 Kilowatt) Systemleistung aus zwei Elektromotoren treiben die Karosse ebenso unnachgiebig wie geschmeidig und souverän summend voran, während sich Gegenwind- und Abrollgeräusche mit zunehmender Geschwindigkeit erhöhen.

In 4,7 Sekunden geht es von null auf 100 km/h – doch es fühlt sich noch schneller an. Das liegt am gewaltigen Drehmoment von 600 Newtonmetern, das wie bei allen Performance-E-Autos sofort abrufbar ist. Die dynamische Übersetzung dieser Leistung per Allradantrieb darf auch in punc-to Lang­strecken-Reisekomfort (bis maximal 205 km/h!), Federung, Bremsen und Fahrverhalten als absolut gelungen gelten. Nur in sehr engen und schnellen Kurven drängt das hohe Gewicht die Karosse etwas nach außen. Zudem gibt sich die Lenkung im Stadtverkehr etwas zu progressiv.

Unterwegs im Polestar 2, überzeugt einmal mehr der Pilot Assist, also Fast-Autopilot, der natürlich von Volvo kommt. Nur zwei Tastendrücke im Lenkrad sind nötig, um ihm das Steuer zu überlassen. Und man macht das schon nach ein paar Kilometern wirklich gern, denn die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Systems war im Alltag stets beeindruckend.

Trotz aller Coolness und beeindruckenden Fahrleistungen bleibt die Frage nach dem Preis. Die Launch-Edition kostet 56.440 Euro, abzüglich der seit Juli geltenden Innovationsprämie, die es vom BAFA gibt, wenn das Fahrzeug bis Jahresende 2020 zugelassen wird: 5.000 Euro vom Staat und 2.500 Euro vom Händler (wie bei allen BEV über 40.000 Euro Nettolistenpreis). Wer weniger Leistung und womöglich mehr Förderung haben möchte, muss warten: 2021 soll ein abgespecktes Modell mit nur einem E-Motor kommen, ab 39.900 Euro. 

Heides Testurteil

Vor zehn Jahren ­flößten Autos aus chinesischer ­Produktion Käufern zu Recht noch Furcht ein. Doch die Zeiten haben sich geändert! Und: Wer einen Polestar 2 erwirbt, erhält viel positive Aufmerksamkeit. Nur wenige kennen die junge Volvo-Tochter, die voller Selbstbewusstsein antritt, Tesla das Leben schwer zu machen. Die elektrische Business-Limousine überzeugt durch frisches, dynamisches Design, perfekte Bedienbarkeit und überragende Fahrleistungen. Der Premium-Preis dürfte für eine gewisse Exklusivität sorgen.

Schlagworte: Auto, Fuhrpark

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