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Logistik

Boxenstopp auf der letzten Meile

Den Markt der Kurier-Express-Paketdienste (KEP) dominieren nur ­wenige Zusteller, die bevorzugt in ihren eigenen Prozessketten verharren. Um die Erstzustellquoten zu erhöhen, setzt sich nun eine neue Initiative für anbieterneutrale Paketboxen am Wohnsitz ein.

Von Ralf Kalscheur 12.01.2021

© Lippert

Annehmbar: Mithilfe smarter, für alle Liefer- und Zustelldienste offenen Paketboxen am Wohnsitz lassen sich Sendungen rund um die Uhr empfangen.

Das Paketaufkommen in Deutschland wird laut Prognose des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik (BIEK) von 3,65 Milliarden Sendungen im Vorjahr auf bis zu 4,48 Milliarden Sendungen im Jahr 2024 weiter anwachsen. Die Pandemie befeuert insbesondere das immer kleinteiligere B2C-Geschäft. Stadtbewohner leiden unter dem erhöhten Lieferverkehr, während die Paketdienste mit der im Vergleich zum B2B-Segment weniger lukrativen, da zeit- und kostenaufwendigen Endkundenzustellung ringen.

DHL kündigte im November an, die Anzahl seiner Packstationen bis Ende 2023 auf mehr als 12 000 zu verdoppeln. Amazon entwickelt sich mit seinem eigenen Liefersystem dynamisch zu einem schlagkräftigen Wettbewerber und Hermes und DPD treiben mit dem IT-Joint-Venture ParcelLock ihre Alternative für die letzte Meile voran.

Insbesondere anbieteroffene Paketboxen am Wohnsitz, die wie ein Briefkasten für Pakete funktionieren, könnten Entlastung bringen, weil sie die Erstzustellquote deutlich erhöhen. Doch verschiedene Initiativen, die Prozessketten der dominierenden Player zu lockern, liefen bislang ins Leere. Eine Studie im Rahmen des Forschungsprojekts Smile unter Federführung von GS1 Germany kommt zu dem Ergebnis, dass sich rund 40 Prozent der Studienteilnehmer für eine dienstleisterneutrale Paketbox direkt am Wohnsitz aussprechen, jedoch nur zwei Prozent bereits eine solche besitzen.

Neubauten mit Boxen ausstatten

Die im Juni gegründete Initiative ProPaketBox will einen neuen Versuch unternehmen, um Boxen durchzusetzen, die von allen Paketdiensten gleichberechtigt sowie auch von regionalen Händlern und Lieferdiensten genutzt werden können. Zu den Gründungsmitgliedern gehören fünf Hersteller, Anbieter und Betreiber von rund 250 000 anbieteroffenen Paketboxlösungen, die rund 400 000 Nutzer finden. „Wir planen, weitere Mitstreiter ins Boot holen“, sagt Sprecherin Kathrin Zabel.

Die Initiative wolle um Investitionsbereitschaft bei Vermietern sowie um politische Unterstützung werben, dass Neubauten künftig mit offenen Paketboxsystemen ausgestattet werden – ähnlich der Vorgabe bei Ladestationen für Elektroautos. Zabel setzt darauf, dass der „wachsende Druck die Carrier dazu bewegt, künftig vermehrt offene Boxen zu nutzen, um ihre Kapazitäten besser auszulasten und ihre Zustelleffizienz zu steigern“.

„Wir schätzen, dass DHL 60 Prozent der B2C-Sendungen zustellt“, sagt Andreas Schumann, Vorsitzender des Bundesverbands der Kurier-, Express- und Postdienste (BdKEP). Hermes (22 Prozent) und DPD kämen zusammen auf knapp 30 Prozent. Das Dilemma: „DHL hat kein Interesse daran, in Paketboxen von ParcelLock zuzustellen, denn das würde den Wettbewerb stärken.“

Hermes und DPD öffneten sich mit ParcelLock zwar anderen Anbietern, bevorzugten bei der Zustellung aber ebenfalls das eigene Ökosystem. Das Nachsehen hätten Drittsystem-Anbieter, die von den großen Playern keine Einlieferungszusage erhielten. Ein neutraler Standard ist vonnöten, eine DIN-Spezifikation für offene Boxen gibt es bereits: „Von einem interoperablen System sind wir aber leider noch weit entfernt“, sagt Schumann.

Schlagworte: Paketdienst, Logistik, Initiative

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