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Existenzgründung

Unter erschwerten Bedingungen

Keine Rücklagen, laufende Kosten: Einzelhändler in der Startphase hat die Coronapandemie kalt erwischt. Gefragt waren Staatshilfen und kreative Konzepte für den kontaktlosen Verkauf. Wie Jungunternehmer in schwerer Krise ihre wirtschaftliche Existenz sichern.

Von Eva Neuthinger 04.11.2020

© Akunzt Vinothek

Doppelstrategie: Die "Vinothek Vintage 1989" ist eine Kombination aus Weinhandlung und Café.

Den Umsatz des Ostergeschäftes hatte Anne-Katrin Cekli-Schnell in ihrem Business​plan fest eingeplant. Dann kam der Shutdown. Seit Juni vergangenen Jahres führt die Einzelhändlerin das Spielwarengeschäft Kunterbunt mit einer Fläche von rund 70 Quadratmetern in Achim bei Bremen, einer Stadt mit rund 30 000 Einwohnern. „Den April haben wir überstanden, weil unsere Stammkunden sich uns gegenüber sehr loyal verhalten haben“, sagt die Jungunternehmerin.

Innerhalb von wenigen Tagen, nachdem sie das Geschäft schließen musste, stellte sie einen Bringservice auf die Beine. „Das Feedback war deutlich besser als erwartet“, sagt Cekli-Schnell. Über soziale Medien wie Facebook informierte sie ihre Kunden über die neue Dienstleistung. Diese bestellten telefonisch oder per E-Mail. Cekli-Schnell lieferte bis zur Haustür. Im Gegenzug legten die Kunden den fälligen Betrag unter die Fußmatte oder den Blumentopf am Eingang. Alternativ wurde die Rechnung überwiesen. „So konnten wir den komplett kontaktlosen Verkauf gewährleisten“, sagt die Spielwarenhändlerin.

Cekli-Schnell glaubt, das Interesse der Verbraucher war auch deshalb groß, „weil die Kunden während der Zeit der Kontaktbeschränkungen sehen konnten, wie sich die Stadt und das Leben ohne uns stationäre Einzelhändler verändern“. Die Kunden wollten den einzigen Spielwarenladen in Achim unterstützen. „Wir haben sicherlich auch davon profitieren können, dass viele Eltern ihren Nachwuchs in dieser Zeit zu Hause betreuen und beschäftigen mussten. Spielwaren waren deshalb natürlich gefragt“, sagt die Einzelhändlerin. Der erzielte Umsatz reichte aber nicht aus, um die betrieblichen Fixkosten wie die Miete des Geschäfts zu decken. „Meine Mitarbeiterin, die auf 450-Euro-Basis arbeitet, musste ich nach Hause schicken. Überdies habe ich staatliche Hilfen beantragt“, so Cekli-Schnell.

Stationäre Existenzgründer stehen damit vor ähnlichen Problemen wie am Markt längst etablierte Händler. „Welchem Druck sie momentan unterliegen, hängt vom jeweiligen Geschäftskonzept sowie vom Liquiditätsbedarf für die Fixkosten ab“, sagt Sigurd Wasmund, der als Mitglied des Wirtschaftsbeirats in Achim und des Bremer Senior Service ehrenamtlich Existenzgründer im Einzelhandel bei ihrer Projektplanung unterstützt. Für jeden Newcomer stellt sich die Frage, inwieweit sich der Start in die Selbstständigkeit realisieren lässt. „Die Gründeraktivitäten haben in den vergangenen Monaten zwar deutlich nachgelassen. Aber nicht alles liegt brach“, sagt Wasmund.

Interessenten rät er, ihre Idee vorab schriftlich zu formulieren. So setzen sie sich automatisch detailliert mit dem Vorhaben auseinander, erkennen potenzielle Schwachstellen und mögliche Probleme. Das schriftliche Konzept diskutieren sie anschließend mit Dritten, um das Potenzial des Gründungsprojektes auszuloten. „Existenzgründer überschätzen oft die Chancen und unterschätzen die Risiken“, warnt Wasmund. Die schriftliche Expertise dient später als Grundlage für den detaillierten Businessplan, den jede Bank ohnehin bei einer Fremdfinanzierung erwartet.

Schwierige Drei-Jahres-Prognose

Der Gründer muss sich die Mühe machen, eine Markt- und Wettbewerbsanalyse sowie eine Vorausschau perspektivisch für die nächsten drei Jahre aufzustellen. Das wird schwer, weil sich die weitere Entwicklung mit Blick auf das Virus kaum abschätzen lässt. „Eine detaillierte Unternehmensplanung zeigt aber, ob die Erträge des Vorhabens den Lebensunterhalt decken können“, sagt Klaus Hofbauer, Existenzgründungsberater der IHK für München und Oberbayern im Münchner Existenzgründungsbüro.

Gründerin Marleen Sturm ging vorbildlich akribisch vor. Im September 2019 eröffnete sie in Friedrichshafen die Vinothek Vintage 1989, einen Weinhandel mit integriertem Café und Weinverkostung, auf einer Fläche von rund 100 Quadratmetern. „Um das Risiko zu minimieren, basiert mein Geschäftskonzept auf zwei Standbeinen“, sagt die Sommelière. Falls das Interesse der Kunden am Café nachlässt, sichert der Weinhandel ihre Erträge – und umgekehrt.

Davon profitierte sie während der Phase der Kontaktbeschränkungen. Viele Stammkunden nutzten den Lieferservice ihres Weinhandels, den sie ab einem Bestellwert von 40 Euro in Friedrichshafen kostenfrei anbot. Um die Kundenbindung zu stärken, legte sie jedem Paket entweder ein Brot vom Bäcker, Blumen vom Floristen oder andere Produkte regionaler Partner bei.

Die 31-Jährige nimmt die Krise aktuell noch relativ gelassen. „Allerdings lebe ich nicht auf großem Fuß“, sagt sie. Der Laden liegt in 1-b-Lage am Stadtrand, mit entsprechend niedrigen Mietzahlungen. Ihren Lagerbestand kann sie minimieren, weil ihre Winzer sie kurzfristig beliefern. Sturm: „Jetzt wird es darauf ankommen, dass sich das Geschäft dauerhaft normalisiert und keine neuen Beschränkungen folgen.“

Ein Interview mit dem Existenzgründungsberater Klaus Hofbauer über die spezifischen Schwierigkeiten von Unternehmensgründern in Zeiten der Coronapandemie finden Sie hier.
 

Starten in Krisenzeiten: Worauf Gründer jetzt achten müssen

Die aktuelle Situation verändert die Vorbereitung und den Prozess der Gründung – egal, ob der Jungunternehmer stationär oder online in den Markt einsteigt. Welche Besonderheiten zu berücksichtigen sind.

Onlinerecherche

Auch wenn Portale einen persönlichen Coach nicht ersetzen können, suchen vor allem junge Gründer häufig zunächst nicht den direkten Kontakt mit Beratern einer IHK, eines Handelsverbands oder einer Bank. Stattdessen laufen die Planungen verstärkt über Gründungsplattformen im Internet, wie zum Beispiel: gruenderplattform.de oder smartbusinessplan.de

Banken

Kreditinstitute erwarten detaillierte Planzahlen. Gründer sollten sicherheitsorientiert kalkulieren und entsprechend erhöhtes Eigenkapital mitbringen. Wichtig: Fördergelder abfragen über kfw.de oder foerderdatenbank.de

Marktanalyse

Momentan sollte jedes Projekt äußerst kritisch geprüft werden. Im Zweifel raten Berater dazu, besser noch einige Monate länger im festen Job zu bleiben oder vom staatlichen Arbeits­losengeld zu profitieren – und die weitere Marktentwicklung zu beobachten.

Schlagworte: Existenzgründung, Coronakrise, Coronavirus

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