Consumer Electronics

„Umsätze haben überraschend stark angezogen“

Während der Coronapandemie ist es Technikfachhändlern gelungen, Kunden zu halten. Steffen Kahnt, Geschäftsführer des Bundesverbands Technik des Einzelhandels (BVT), spricht im Interview über ­Sondernachfrage-Effekte, den Schock durch den Lockdown und die Branchenmesse IFA.

Von Jens Gräber 05.12.2020

© Picture Alliance/Keystone/Salvatore di Nolfi

Ratgeber: Die Expertise der Technikfachhändler ist bei Kunden gefragt und führt sie auch während der Pandemie in die Läden.

Der Markt für technische Gebrauchs­güter wächst Ihrer Prognose nach dieses Jahr um 1,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei Tablets etwa können sich Händler über ein Wachstum von 18 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres freuen, bei Fernsehern mit besonders hochauflösenden OLED-­Displays sind es gar 37 Prozent ­– Auswirkungen der Coronapandemie?

Tatsächlich erleben wir eine coronabedingte Sonderkonjunktur, in deren Folge wir für das laufende Jahr einen Umsatz von 63,6 Milliarden Euro erwarten. Wir waren überrascht, wie stark die Verkäufe angezogen haben. Zwei Lockdowns und die andauernde Arbeit im Homeoffice haben dazu geführt, dass die Menschen mehr Arbeits- und Freizeit zu Hause verbringen. Entsprechend investierten sie ihr Geld in IT-Ausstattung oder in neue, größere Fernseher.

Betrifft dieser Effekt alle Produktgruppen?

Nein, leider nicht. Zwar sehen wir Sondernachfrage-Effekte in vielen Kategorien: So haben sich etwa mehr Verbraucher hochwertige Kaffeemaschinen für ihr Zuhause gegönnt, um auch im Homeoffice nicht auf Kaffeegenuss verzichten zu müssen. Auch dass die Deutschen während der Heimarbeit mehr Mahlzeiten selbst zubereiten, hat sich positiv auf den Absatz von Haushaltsgroßgeräten wie Gefrierschränken ausgewirkt. Es existieren aber auch Gegenbeispiele: Der Markt für Foto- und Videokameras schrumpft 2020 aufgrund der anhaltenden Reisebeschränkungen laut unserer Prognose um 22 Prozent.

Welche Bedeutung kommt unter diesen Umständen noch dem Weihnachts­geschäft und den großen Rabattaktionen im November zu?

Da zum Jahreswechsel die Mehrwertsteuersenkung ausläuft, gehen wir insgesamt von einer starken Jahresendrallye mit positiven Effekten auf das Weihnachtsgeschäft aus. Mit einer Absatzdelle rechnen wir dann eher im Januar. Auch Rabattaktionen wie Black Friday und Cyber Monday haben nach wie vor eine hohe Relevanz für die Händler – egal ob online oder stationär. Wenn die Leute erst einmal wegen eines Superschnäppchens im Laden stehen, besteht die Chance, ihnen auch noch andere Produkte zu verkaufen.

Geht dieses Kalkül denn trotz des Teil-Lockdowns im November auf? In vielen Handelsbranchen zählen die stationären Händler zu den Verlierern …

Im November haben wir geringere Kundenfrequenzen in den Läden registriert, aber die Menschen haben gezielter eingekauft. Die Bons waren sogar höher, der Umsatz blieb vielerorts stabil. Es stimmt schon, für den stationären Handel bedeutete der erste Lockdown im Frühling einen Schock. Aber die meisten Händler konnten schnell Lösungen finden, um für ihre Kunden durchgehend erreichbar zu sein – wenn sie nicht ohnehin schon zuvor eine Multichannel-Strategie verfolgt hatten. Der Online-Umsatz der stationären Händler legt während der Pandemie zu. Fest steht allerdings auch, dass Unternehmen mit starker Onlinepräsenz und Pure Player besonders stark profitiert haben – Letztere konnten ihre Jahresziele teils schon im November erreichen.

Das Alleinstellungsmerkmal des Elektronikfachhandels, die Beratung zu oft komplexen Produkten, lockt also auch im Coronajahr die Kunden?

Ja, das haben wir schon während des ersten Lockdowns gesehen. Vor allem Händler, die Beratung auch jenseits ihrer stationären Läden bieten – im Zweifel über das Telefon, WhatsApp, Skype oder einen anderen Kanal –, sind oft besser durch die Pandemie gekommen. Größere Märkte, die eine gute Kundenfrequenz wie die Luft zum Atmen brauchen, waren durch die Zwangsschließungen stärker herausgefordert.

Die Branchenmesse IFA setzt üblicherweise Trends und Impulse für den Gesamtmarkt. Ist ihr das im Jahr 2020 gelungen?

Ja, die Messe Berlin hat auch unter den schwierigsten Bedingungen geliefert: Unter strengen Hygienevorkehrungen hat sie ein großes Medienecho ausgelöst und damit Trends und wichtige Impulse für das Jahresendgeschäft gesetzt.

Welche können Sie ausmachen?

Eine echte Neuheit stellen zum Beispiel faltbare Smartphones dar, deren Bildschirmgröße sich durch Aufklappen verdoppeln lässt. Sie bringen frischen Wind in den Markt, nachdem die Geräte in den vergangenen Jahren alle einem ähnlichen Formmuster folgten. Dadurch sowie durch den jüngst eingeführten Mobilfunkstandard 5G, der eine schnellere Internetverbindung ermöglicht, aber nur von neuen Geräten unterstützt wird, erwarten wir eine Belebung des Mobilfunkmarktes. Dass der Smart-home-Trend ungebrochen ist, zeigt die Agilität der Hersteller, die immer neue Produkte anbieten. Vor fünf Jahren galt das noch als nerdig – jetzt ist es ein Massenmarkt, und es werden immer mehr Geräte wie Waschmaschinen und Kühlschränke mit smarten Komponenten ausgerüstet.

Schlagworte: Coronakrise, Coronavirus, Technikhandel, Bundes­verband Technik des Einzelhandels (BVT)

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