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Über die Krise nach der Krise

Wer von einer großen Karriere träumt, versucht es in der Regel nicht zuallererst im Einzelhandel. Das galt zumindest für eine lange Zeit.

Von Ian McGarrigle 26.10.2021

© stock.adobe.com/Jozef Micic

Es braucht ein Umdenken hinsichtlich der Personalpolitik in den Führungsetagen.

Sicher, unsere Branche bietet denen, die gern mit Menschen zu tun haben oder bereit sind, an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten, von jeher großartige Jobs. Gerade Studenten schätzen die flexiblen Möglichkeiten des Geldverdienens im Handel. Doch wenn es darum geht, diese Studenten nach Abschluss ihrer Ausbildung zu gewinnen, zieht der Einzelhandel im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftszweigen normalerweise den Kürzeren. Das Gleiche gilt für andere Fachkräfte mit besonders nachgefragten Kompetenzen.

Kurzum: Der Handel hat insbesondere bei Hochschulabsolventen ein Attraktivitätsproblem – trotz der fraglos bestehenden Aufstiegsmöglichkeiten, mit denen es die klügsten und besten Aspiranten rasch an die Spitze von Handelsunternehmen schaffen können. Beispiele dafür gibt es zuhauf.

Mit abklingendem Pandemiegeschehen und zunehmender Normalisierung der Wirtschaft zeichnet sich ausgerechnet in einer Zeit, in der die Handels­unternehmen über alle Ebenen hinweg auf Fachkräfte angewiesen sind, eine neue Krise ab: Personalnotstand. Viele Branchen, darunter auch der Handel, haben mit der wachsenden Zahl unbesetzter Stellen zu kämpfen. Die Branche steht vor der Aufgabe, Beschäftigte zu finden – und zwar für alle Bereiche: vom Verkauf über die Logistik bis hin zur Verwaltung. Schlimmer trifft es derzeit nur die Gastronomie, wo nicht mal Sternerestaurants noch Küchenchefs finden.

Wer in diesen Tag mit Personalberatern spricht, wird den Eindruck nicht los, dass der Fachkräftemangel besorgniserregende Ausmaße annimmt. Tausende Mitarbeiter, die während der Lockdowns ihre Arbeit verloren haben oder auf Kurzarbeit gesetzt wurden, sahen sich gezwungen, nach anderen Erwerbsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Und nicht wenige haben inzwischen neue berufliche Aufgaben mit besseren Aufstiegschancen gefunden. Für viele war der erzwungene Wechsel zugleich mit der Erkenntnis verbunden, dass sich anderswo bei weniger Arbeitszeit deutlich mehr Geld verdienen lässt. Entsprechend sind jetzt viele junge Leute beispielsweise für Lieferdienste wie Getir, Gorillas oder Lieferando im Einsatz.

Fachkräfte als Gewinner

Dass sich mittlerweile auch zahlreiche (frühere) Angestellte trauen, den schlechten Umgang mit Personal in vielen Unternehmen öffentlich anzuprangern, sollte die Personalchefs aufhorchen lassen. Wenn einer Firma erst mal der Ruf vorauseilt, ihre Mitarbeiter zu schikanieren, ist das Image als Arbeitgeber schnell ruiniert.

Gewinner dieser Entwicklung sind eindeutig die Fachkräfte. Sie können sich inzwischen aussuchen, wo sie arbeiten und – viel wichtiger – wie sie arbeiten wollen. Ein weiterer unmittelbarer Effekt ist das steigende Einkommensniveau. In etlichen Ländern können Arbeitgeber, darunter auch der Handel, gar nicht mehr anders, als ihr Personal über bessere Bezahlung zum Bleiben oder zum Einstieg zu motivieren.

Was heißt das für unsere Branche, der es ja schon vor der Pandemie schwerfiel, Talente zu gewinnen? Das Umdenken hinsichtlich der eigenen Personalpolitik muss in den Führungsetagen beginnen. Um den Einzelhandel als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren, sind gezielte Verbesserungsmaßnahmen im Hinblick auf Bezahlung, Förderung und Aufstiegsmöglichkeiten nötig. Der beschleunigte Wandel durch Digitalisierung und strukturelle Verschiebungen erfordert Fachkräfte aus nahezu allen Bereichen. Die Transformation wird auch vor überlieferten Unternehmenshierarchien und Managementtraditionen nicht haltmachen.

In den vergangenen 18 Monaten haben wir viel hinzugelernt. Jetzt ist die Zeit, auf Basis der gewonnenen Einsichten unser Handeln zu überdenken und die Weichen neu zu stellen. Denn ein Zurück zum Status quo ante ist ausgeschlossen.

Hier geht es zum Blogger-Profil von Ian McGarrigle.

Schlagworte: Personal, Human-Resource-Management, Jobangebote, Talente

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