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Data Sharing

Teilerfolg wagen

Die Algorithmen des Start-ups Aifora helfen Modehändlern dabei, ihr Preis- und Bestandsmanagement zu automatisieren. Die Plattform liefert Prognosen zum Kaufverhalten der Kunden. Um eine größere Datenbasis bilden zu können, setzen die Gründer auf Kooperation.

Von Ralf Kalscheur 09.03.2021

© Aifora

Aifora CEO Thomas Jesewski (rechts) und CTO David Krings.

Wie kann man sich einen Berg von 500 Millionen Kleidungsstücken und Schuhen vorstellen? So groß ist laut einer aktuellen Berechnung des Handelsverbands Textil (BTE) die Menge an unverkauften Mode-Artikeln, auf der der stationäre Fashionhandel infolge des zweiten coronabedingten Shutdowns sitzen bleibt. Die überschüssige Winterware räumen die Händler zu der liegen gebliebenen Frühjahrsmode, die schon seit dem ersten Shutdown in ihren Lägern verstaubt und Kapital bindet. Spätestens ab Februar müssen sie ihre Orderrunden für die nächste Herbst-­Winter-Saison planen und finanzieren.

Die Unternehmen sind wie nie zuvor darauf angewiesen, in den Phasen, in denen ihre Geschäfte geöffnet sind, neue Kollektionen effizient abzuverkaufen und Preisabschriften möglichst rentabel zu managen, um sich Liquidität zu sichern. Wer als Händler in Zukunft auf diesem volatilen Markt bestehen will, darin sind sich Beratungsunternehmen wie McKinsey & Company oder Gartner einig, kann dabei nicht mehr auf intelligente Retail-Automation verzichten.

„Während Online-Pure-Player ihr Geschäft datengetrieben steuern und exponentiell wachsen, setzen die meisten klassischen Modehändler beim Preis- und Bestandsmanagement weiter auf Bauchgefühl und Excel-Listen“, beschreibt Thomas Jesewski den Wettbewerbsnachteil, der die Branche schon seit Jahren immer weiter in die Enge treibt.

Den Retailern fehlen die Mittel, um State-of-the-Art-IT-Strukturen zu etablieren. Das Start-up Aifora, das CEO Jesewski zusammen mit CTO David Krings 2018 in Düsseldorf gegründet hat, will den Traditionsbetrieben einen günstigen und innerhalb von vier Wochen nach dem Onboarding amortisierten Zugang zu intelligenten Automatisierungslösungen bieten.

Abschriftenoptimierung in Echtzeit

Dafür unterhält Aifora eine cloudbasierte Big-Data-Plattform, auf der Händler per Schnittstelle zu ihrem Warenwirtschaftssystem Transaktions- und Artikelstammdaten zur Verfügung stellen. „Mithilfe selbstlernender Algorithmen berechnen wir in Echtzeit für jedes Produkt und jede Produktausführung, wie etwa unterschiedliche Farben und Größen, den optimalen Einstands​preis“, sagt Jesewski. Darüber hinaus empfehle die Künstliche Intelligenz Strategien für das dynamische Preismanagement und artikelindividuelle Abschriften sowie Promotions. Das System sei dabei in der Lage, verschiedene interne Kriterien, die etwa einen einzelnen Standort und den Bestand vor Ort betreffen, mit externen Faktoren, wie Wetterdaten, Trends und Events, sowie der Wettbewerbssituation im direkten Umfeld zu verheiraten.

„Der Algorithmus schlägt auf dieser objektiven Datenbasis Strategien vor, die alte Geschäftsgewohnheiten infrage stellen. Das führt aufseiten des Menschen nicht selten erst mal zu Abwehrreaktionen“, sagt Krings. Beispielsweise zögerten Händler eine Preisreduzierung zu lange hinaus in der Hoffnung, mehr Artikel zum Originalpreis verkaufen zu können. Krings müsse daher immer wieder um Vertrauen bei neuen Kunden werben: „Der Händler gibt dem Algorithmus individuelle Geschäftsregeln vor und behält zu jeder Zeit die Kontrolle auf der Kommando­brücke.“

Thomas Jesewski (51, rechts), CEO und Mitgründer von Aifora, war von 1998 bis 2004 Global CIO von Esprit und verantwortete die digitale Transformation der Mode­marke. Der gelernte Informatiker gründete 2005 die auf die Bereiche Retail, Fashion und Lifestyle spezialisierte Unternehmensberatung Tailorit, zu deren Kunden Brands wie H & M, Karstadt und C & A gehören.

David Krings (35), CTO und Mitgründer von Aifora, absolvierte den ingenieur­wissenschaftlichen Studiengang Technomathematik in Jülich und arbeitete im Anschluss am Forschungszentrum Jülich an statistischen Algorithmen. Im Jahr 2014 gründete Krings das Unternehmen Krid Solutions, um Big-Data-Architekturen und Machine-Learning-Algorithmen für Unternehmen zu entwickeln.

Mehr Umsatz, weniger Bestand

Wie hoch dürfen Abschriften ausfallen? Wie lange soll die Abverkaufsperiode dauern? Welcher Lagerbestand wird angestrebt? Der Nutzer reichert den Algorithmus durch eigenes Know-how an, bestimmt Schwellenwerte sowie Ausnahmen und kann den Automatisierungsgrad schrittweise erhöhen. Je mehr Beobachtungen die lernende Maschine mit der Zeit sammelt, desto genauere Nachfrage- und Abschriftenprognosen kann sie unter flexibler Anpassung an sich verändernde Marktgegebenheiten ausgeben. Die Automatisierung der Prozesse spart Zeit und reduziert den Bestand: Aifora verspricht drei bis sechs Prozent mehr Umsatz, zwei bis acht Prozent mehr Ertrag und eine Reduzierung des Working Capitals um fünf bis 25 Prozent. Das Software-as-a-Service-­Angebot ist gefragt: In den vergangenen zwei Jahresquartalen verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben jeweils 25 Prozent Wachstum.

Jesewski und Krings arbeiten als Berater für Data Science im Handel und lernen sich im Jahr 2017 bei einem Projekt für Reno kennen. Der Informatiker Jesewski war Global CIO von Esprit; Krings ist Techno-Mathematiker und Algorithmiker. Der Schuhfilialist will das Potenzial für Dynamic Pricing auf der Fläche prüfen. Die beiden stellen fest, dass sie imstande sind, den Rohertrag signifikant zu steigern, wenn sie die Daten eines bestehenden ERP-Systems integrieren und analysieren können. Sie gründen Aifora und bieten auf ihrer Cloud-Plattform zunächst ein Softwaremodul zur Abschriftenoptimierung an.

Die Hamm Reno Group wird ihr erster Kunde. Felix Finger, dort zuletzt als geschäftsführender Gesellschafter verantwortlich für die Bereiche IT, Logistik und E-­Commerce, steigt später als COO und CFO in die Aifora-Geschäftsführung ein und wird Gesellschafter. Schnell gewinnt das Start-up auch die Ketten Peek & Cloppenburg Nord und NKD als Nutzer seiner Intelligent Price Automation. Anfang 2019 sammelt Aifora drei Millionen Euro Wachstumskapital ein. Damit weitet das Unternehmen sein Produktportfolio um Softwaremodule für die intelligente Warensteuerung und das Bestandsmanagement aus.

Händler optimieren mit den Algorithmen die Verteilung der Artikel auf die Filialen und Verkaufskanäle, deren nachfrageinduzierte Umlagerung und den Nachschub von Standardartikeln. Die Modekette Adler etwa, die inzwischen Insolvenz anmelden musste, nutzte seit 2019 Allokations- und Replenish­ment-Lösungen von Aifora.

Widerstände überwinden

„Nach einer erfolgreichen Proof-of-Concept-Phase hat SportScheck die Aifora-Lösungen im vergangenen Herbst unternehmensweit ausgerollt“, sagt Krings. Die Kette gehört seit 2019 zu Galeria Karstadt Kaufhof der Signa Holding und übernimmt im Konzern auch die Führung der Karstadt-Sports-Filialen. Im vergangenen Oktober gründet Aifora-Gesellschafter Finger das IT-Beratungsunternehmen Brook Valley. Beiratsvorsitzender ist Professor Helmut Merkel, früherer CEO von Karstadt und ehemaliger internationaler Geschäftsführer bei Deichmann. „Wir haben jüngst einen relevanten Schuhhändler als Neukunden gewonnen“, sagt Jesewski, den Namen könne er aber noch nicht verkünden.

Bislang arbeiten Aiforas Handelskunden auf der Plattform getrennt voneinander. Die Düsseldorfer haben jedoch eine Data-Sharing-Option eingerichtet, damit Unternehmen in Zukunft Daten teilen und mithilfe kollaborativen Machine Learnings von einer größeren Datenbasis profitieren können. „Nur gemeinsam können die Händler kategorie- und markenübergreifende Korrelationen herstellen, um Amazon und Co. die Stirn zu bieten“, sagt Jesewski.

„Wir stoßen beim Data-Sharing leider noch auf Vorbehalte, weil Händler befürchten, Geschäftsgeheimnisse mit der Konkurrenz zu teilen“, sagt Krings. „Doch die Sorge ist unbegründet, denn die Daten sind anonymisiert und kein einzelner Teilnehmer hat Zugriff darauf.“ Kartellrechtliche Bedenken spielen bei der Zurückhaltung ebenfalls eine Rolle, weil Data-Sharing Absprachen unter Wettbewerbern erleichtern könnte.

Verbundgruppen als Partner

Perspektivisch will Aifora Händler und Lieferanten in seiner Daten-Cloud unternehmensübergreifend vereinen, um das Supply-Chain-Management zu verbessern und den Orderzyklen angepasste, langfristige Nachfragevorhersagen zu erstellen. Mit der Verbundgruppe KATAG hat Aifora einen Feldversuch gestartet, an dem sich zehn mittelständische Fachhändler beteiligen und einen Datenpool bilden. Mit der ANWR Group sei ein vergleichbarer Pilot geplant. Langsam, aber sicher nimmt das Data-Sharing-Modell Formen an.

Das Unternehmen

Aifora wird im Jahr 2018 von Thomas Jesewski und David Krings in Düsseldorf gegründet. Das Software­unternehmen beschäftigt dort 28 Mitarbeiter sowie weitere fünf Entwickler in Vietnam. Im Februar 2019 investiert der Early-Stage-Investor Capnamic drei Millionen Euro Seed-Funding in die Merchandising-Optimization-­Platform. Im Mai 2020 investierte die NRW Bank weitere 1,8 Millionen Euro. Im zweiten Jahres­quartal 2021 plant das Start-up, sechs bis zehn Millionen Euro Serie-A-­Finanzierung für die Internationalisierung einzusammeln.

Schlagworte: Start-up, Modehandel, Algorithmus

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