Lebensmitteleinzelhandel

Supermarkt der Genossen

Kunden, die als Kassierer und Lagerhelfer arbeiten? In Deutschlands erstem Mitmach-Supermarkt ist das bald Wirklichkeit. Im Juli öffnet der Münchner Vollsortimenter Foodhub, von dem auch der konven­tionelle Einzelhandel manches lernen kann.

Von Christine Mattauch 29.06.2021

© Foodhub München

Kooperative: Wer wie diese drei Mitglieder Teil von Foodhub wird, zahlt nicht einfach Geld ein, sondern verpflichtet sich zudem zu einer Schweißeinlage in Form aktiver Mitarbeit im Markt.

Der Anspruch ist hoch: Zu einer „lebenswerten Welt heute und morgen“ will der Foodhub München beitragen. Auch sonst wird in diesem Supermarkt vieles grundlegend anders sein als gewohnt: Shopper sind Miteigentümer und Lieferanten sind Partner, die über die Höhe der Preise mitbestimmen. Einen Laden gibt es schon, in einer ehemaligen Plus-Filiale im Stadtteil Giesing, Verkaufsfläche 300 Quadratmeter. Und, Stand Mitte Mai, mehr als 520 Kunden, pardon, Genossen.

Zu den Initiatoren des Projekts gehört der Wirtschaftsingenieur Quentin Orain, 29 Jahre. Seit mehr als einem Jahr treiben der gebürtige Franzose und seine Mitstreiter den Foodhub voran, zuvor war er Projektleiter bei einem Autozulieferer. „Das war eine spannende Arbeit, aber mir hat eine Vision gefehlt.“ Die fand er mit dem Konzept der kooperativen Direktvermarktung und dem Ziel, „nachhaltig und gerecht“ zu wirtschaften. In anderen Städten gibt es ähnliche Initiativen (siehe Infokasten unten: „Wachsendes Interesse“).

Wächst da eine ernsthafte Konkurrenz zu Aldi und Edeka heran? Wohl kaum. Aber: Die Entwicklung spiegele einen Trend, sagt Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung beim Institut für Handelsforschung Köln (IFH Köln). „Es geht um Nachhaltigkeit, auch in ihrer sozialen Dimension. Kundinnen und Kunden möchten sich einbringen, verstehen, woher die Dinge kommen, Teil einer Gemeinschaft werden.“ Im Handel sei Partizipation noch ein Nischenthema, das jedoch beständig an Relevanz gewinne – gerade bei der Generation Z.

Gemeinsame Wertebasis

Vorbild ist die Park Slope Food Coop im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Mit Gründungsdatum 1973 gehört sie noch zur ersten Generation der Selbstversorger. Über die Jahrzehnte hinweg hat sich die Kooperative zu einer beliebten Adresse für Leute entwickelt, die gut und gesund essen wollen. Über 17 000 Mitglieder kaufen und arbeiten in dem an sieben Tagen geöffneten Vollsortimenter; immer wieder gibt es Aufnahmestopps, weil der 550 Quadratmeter große Laden chronisch überfüllt ist.

Während die Kooperativen der 1970er-Jahre auch durch erbitterten ideologischen Streit geprägt waren und nicht selten an diesem zerbrachen, geben sich die Macher der Food­coop 2.0 pragmatisch. „Die Leute kommen aus unterschiedlicher Motivation zum Projekt“, sagt Orain. Manchen gehe es vor allem um die Gemeinschaft, für andere sei günstige Bioqualität wichtig oder ein „Grundvertrauen“ ins Sortiment. Das kann funktionieren, wenn es eine gemeinsame Wertebasis gibt, meint Expertin Stüber.

Seine Startkosten von 675.000 Euro finanziert der Foodhub München aus Einlagen und Darlehen der Mitglieder sowie einem 500.000­­ Euro-Kredit der GLS Bank. Schwarze Zahlen wollen sie schreiben, jedoch stehe die Rendite nicht im Vordergrund, sagt Orain: „Gewinne werden reinvestiert.“ Das Sortiment soll zunächst zwischen 2000 und 3000 Produkte umfassen – die Mitglieder dürfen es mitbestimmen – und überwiegend von Erzeugern aus der Region stammen.

Plattform der Interaktion

Da fügt es sich, dass zum Gründungsteam der gut vernetzte Karl Schweisfurth gehört, Sohn von Ökopionier Karl Ludwig Schweisfurth, Gründer der in Süddeutschland populären Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Auf die Einkaufspreise sollen pauschal 30 Prozent aufgeschlagen werden. Die Schweißeinlage der Mitglieder – drei Stunden monatlich – spart Personalkosten. Freikaufen kann man sich übrigens nicht, jeder Erwachsene muss ran.

Den Laden mietet die Genossenschaft zu Vorzugskonditionen: unter zehn Euro pro Quadratmeter. „Da konnten wir nicht Nein sagen, auch wenn uns die Fläche eigentlich etwas zu klein war“, sagt Orain. Er wird einer von anfangs vier hauptamtlichen Mitarbeitern sein. Um rentabel zu wirtschaften, brauche der Foodhub langfristig rund 3000 Genossen, so Orain. „Es wird aber auch davon abhängen, wie hoch der Pro-Kopf-Umsatz ist.“

Der Foodhub-Genosse sieht konventionelle Lebensmittler „weit weg von unserem Konzept“. IFH-Analystin Stüber hingegen findet, dass sich von diesem durchaus lernen lässt: „Es geht um ein neues Verständnis von Transparenz und Fairness und ein anderes Miteinander in der Kommunikation.“ Ob man Kochabende veranstaltet, zum Ernährungsvortrag einlädt oder Schülergruppen hinter die Kulissen blicken lässt: „Der stationäre Handel wird zur Plattform für Interaktion – mit einer Vielfalt von Modellen.“ Das steigert zugleich seine Überlebenschance. Die reine Bedarfsdeckung wird, glaubt die Expertin, zunehmend automatisiert oder übers Internet stattfinden.

WACHSENDES INTERESSE

Nicht allein in München, auch in anderen deutschen Großstädten steigt das Interesse an genossenschaftlichen Supermärkten. So will in Berlin die Supercoop einen 250 Quadratmeter großen Laden in den Osram-Höfen im Stadtteil Wedding betreiben, er soll an mindestens vier Tagen in der Woche geöffnet sein. Die bislang rund 150 Genossenschafter haben eine Kampagne auf dem Crowdfunding-­portal Startnext initiiert, mit der sie mindestens 50.000 Euro und 350 neue Mitglieder gewinnen wollen. In Köln hat sich vor gut einem Jahr das Köllektiv gegründet („Kölns kollektiver Supermarkt“). Mehr als 70 Leute diskutieren im Zwei-Wochen-Rhythmus über Vision und Umsetzung, Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit Themen wie Sortiment und Standort. Kleinere Foodcoops mit eigenen Lieferanten und Abholstellen gibt es bereits unter anderem in Hamburg, Karlsruhe und Frankfurt.

Schlagworte: Einzelhandel, Lebensmittelhandel, Supermarkt, Interaktiver Handel

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