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Deep Dive

„Sorgfalt geht vor Schnelligkeit“

Weltweit arbeiten rund 80 Zentralbanken an der Einführung digitaler Währungen. Über den digitalen Euro berät bis 2023 eine von der EZB eingesetzte Taskforce. Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz über die Chancen des neuen Geldes.

Von Mirko Hackmann 21.06.2022

© iStockphoto/Eoneren

Die Geldwelt in Einsen und Nullen: Die Bahamas haben bereits den digitalen „Sand Dollar“ eingeführt, China testet in mehreren Städten den E-Renminbi. Und auch Europa arbeitet bereits am digitalen Euro.

Herr Balz, Sie nennen den digitalen Euro ein Jahrhundertprojekt, in seiner historischen ­Dimension vergleichbar mit der Einführung ­des Papiergeldes. Warum ist das Projekt so eine große Sache?
Mit dem digitalen Euro gäbe es eine dritte Form von Zentralbankgeld, das bislang ausschließlich in zwei Formen existiert: als Bargeld, wie es die Bürgerinnen und Bürger nutzen, und als Kontoguthaben von Geschäftsbanken bei einer Zentralbank. Der digitale Euro würde das Zentralbankgeldangebot komplettieren. Für die nationalen Zentralbanken und die EZB wäre das ein großer Schritt.

Im Juli 2021 hat die EZB entschieden, eine zweijährige Untersuchungsphase zum ­digitalen Euro zu starten. Sie sind der deutsche Vertreter in der dafür zuständigen Taskforce. Was genau ist deren Aufgabe?
Die High-Level-Taskforce des Eurosystems ist verantwortlich für das Projekt. Sie gibt die Leitlinien vor, welche der möglichen Konzepte für einen digitalen Euro genauer untersucht werden sollen. Zur Taskforce zählen 60 Mitarbeiter. Seit Januar leitet ­Evelien Witlox aus den Niederlanden das Projekt. Sie war zuvor global für die Zahlungsverkehrsprodukte bei der ING zuständig. Ziel ist es, bis zum 30. September 2023 einen konkreten Beschlussvorschlag zu erarbeiten und diesen dem EZB-Rat zur Entscheidung vorzulegen.

Wozu brauchen wir einen digitalen Euro?
Als Zentralbank geht es uns darum, die praktischen Vorteile des Bargelds in die digitale Welt zu übertragen. Bislang können Bürgerinnen und Bürger digital ausschließlich mit Geschäftsbankengeld bezahlen. Wenn in Zukunft das Digitale normal ist, dann sollte es auch einen digitalen Euro als Zahlungsmittel geben. Dieser hätte den Vorteil, dass er – als Verbindlichkeit der Zentralbank – ausfallsicheres Geld wäre. Zudem profitierten die Verbraucherinnen und Verbraucher davon, dass die Zentralbank kein kommerzielles Interesse an ihren Nutzerdaten hat.

Können Sie skizzieren, welche Anforderungen der digitale Euro wird erfüllen müssen?
Allzu sehr ins Detail gehen kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Aber eines ist für mich gesetzt: Ob digitaler Euro oder Euro-Bargeld, beides muss den identischen Wert haben. Zudem muss er für die gängigen Zahlungsformen anwendbar sein, insbesondere für jene im E-Commerce. Dazu brauchen wir Lösungen, die technologisch dem neuesten Stand entsprechen und für die Nutzerinnen und Nutzer äußerst bequem sind.

Mit Kreditkartensystemen und Anbietern wie PayPal, Google Pay und Apple Pay gibt es bereits eine Reihe von Dienstleistern, die digitale ­Zahlungen ermöglichen und mit hochwertigen Angeboten am Markt etabliert sind. Welchen ­Zusatznutzen böte ein digitaler Euro?
Sie haben vollkommen recht, es gibt etablierte Systeme, die sehr gut angenommen werden. Ein digitaler Euro wäre europaweit überall einsetzbar, kostengünstig und einfach in der Handhabung. Ich sehe es ausdrücklich nicht als Aufgabe der Zentralbanken, neue Services zu entwickeln, die für Verbraucherinnen und Verbraucher von Nutzen sind. Das sollten Banken und Sparkassen machen, ohne dass ich darüber spekulieren will, welche Services das im Detail sein könnten. Wir suchen aktiv die Partnerschaft mit dem privaten Finanzsystem – und ebenso mit dem Handel, der ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz des digitalen Euro ist.

Welche Risiken birgt der digitale Euro?
Auch das wird im Rahmen des Projekts untersucht. Wir diskutieren beispielsweise intensiv, ob wir für den digitalen Euro eine Obergrenze benötigen. Aktuell sind 3.000 Euro als Maximalbetrag im Gespräch. Das ist ein zentraler Punkt, denn wir möchten unbedingt vermeiden, dass es nach der Einführung eines digitalen Euro in großem Maße zu Umschichtungen vom privaten Bankensystem in Richtung der Zentralbanken kommt.

Mit Kryptotoken, wie Bitcoin oder Ether, ist jenseits der Zentralbanken ein Geldmarkt entstanden, der nach eigenen Regeln operiert und beträchtliche Finanzvolumina bewegt. Unterminiert dies das Währungsmonopol der Zentralbanken?
Ich würde hier nicht von Geld sprechen und sehe auch nicht, dass das staatliche Währungsmonopol dadurch aufgeweicht wäre. Richtig ist allerdings, dass dieser hochvolatile private Markt sich gerade sehr dynamisch entwickelt. Insofern kann man das nicht einfach beiseitewischen. Untersuchungen zufolge gibt es auf der ganzen Welt bereits 16 000 private Kryptotoken, täglich kommen zehn bis 15 weitere hinzu. Das ist einer der Gründe, warum Zentralbanken an digitalen Währungen arbeiten. Unabhängig davon braucht es globale Regeln für Kryptotoken, weil viele Vorschriften zum Schutz vor Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung unterlaufen werden. Mit der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) ist die Europäische Union gerade dabei, eine entsprechende Regulierung auf den Weg zu bringen.

Automatisierte Bezahlprozesse in der Blockchain sind bislang in der Regel an Kryptowährungen gebunden. Wäre auch der digitale Euro programmierbar und wenn ja, welche Funktionen müsste er abbilden?
Das ist eine der Fragen, die in der High-Level-Taskforce kontrovers diskutiert werden. Nach vielen Gesprächen mit der hiesigen Wirtschaft setze ich mich als Vertreter der Bundesbank für die Programmierbarkeit ein, weil es einen großen Bedarf dafür gibt. Zahlreiche Industrieunternehmen haben angekündigt, ihre Prozesse auf Basis von Smart Contracts über die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) abwickeln zu wollen. Ein Beispiel sind Machine-to-machine-Zahlungen in Form von Pay-per-use-Modellen. Solchen Anforderungen sollte der digitale Euro gerecht werden.

Sie haben bereits angesprochen, dass weltweit zahlreiche Zentralbanken an digitalen Währungen arbeiten. Droht ­Europa ob der langen Prüfungszeit für den digitalen Euro den Anschluss zu verlieren?
Der digitale Euro muss von der ersten Stunde an bei den Menschen genau dasselbe Vertrauen genießen wie das Bargeld. Das heißt, es darf absolut nichts schiefgehen. Daher gilt für das Projekt insbesondere: Sorgfalt geht vor Schnelligkeit. Wir haben uns dafür einen Zeitrahmen gegeben – und fühlen uns damit gut aufgestellt.

Würde sich mit dem digitalen Euro die Rollenverteilung zwischen klassischen Kundenbanken und Zentralbanken ändern?
Die privaten Institute haben entsprechende Bedenken. Doch weder die EZB noch die nationalen Zentralbanken des Eurosystems streben eine Änderung des bestehenden Modells an. Wir Zentralbanken wollen auch beim digitalen Euro wie bisher nur die grundlegende Infrastruktur bereitstellen. Das direkte Kundengeschäft soll weiterhin bei den Banken und Sparkassen bleiben.

Was entgegnen Sie jenen, die fürchten, mit dem digitalen Euro drohe das Bargeld zu verschwinden?
Im Eurosystem besteht vollkommene Einigkeit, dass wir so lange Bargeld anbieten, wie die Verbraucherinnen und Verbraucher es wünschen. Der digitale Euro wird das Bargeld nicht ersetzen.

Könnte Europa es sich überhaupt leisten, keinen digitalen Euro einzuführen?
Jedes Projekt trägt die Möglichkeit des Scheiterns in sich. Aber wir werden alles tun, dass dieses Projekt ein Erfolg wird. 

Burkhard Balz

Seit September 2018 ist Burkhard Balz (52) im Vorstand der Bundesbank für die Bereiche Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme sowie ökonomische Bildung zuständig. Nach Banklehre und Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen durchlief er mehrere Stationen bei der Commerzbank. Von 2009 bis 2018 war Balz Mitglied des Europäischen Parlaments (CDU), ab 2014 finanzpolitischer Sprecher der EVP-­Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Währung.

Schlagworte: Europa, Währung, Digitalisierung, Payment

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