Anzeige
Anzeige
Testfahrt

Rollendes Breitwandkino

Auf den einschlägigen Messen sorgte der Honda e bereits als Showcar für Furore. Nun kommt die Serienversion des wendigen Elektroflitzers auf den Markt und besticht durch eine Vielzahl innovativer Details.

Von Frank Heide 15.03.2021

© Honda

Honda e

Wer bereits 2021 einen Blick in ein Auto des Jahres 2030 werfen möchte, setzt sich in einen japanischen Kleinwagen. Der nur 3,90 Meter lange und rein batterieelektrisch angetriebene Honda e ist prall gefüllt mit Innovationen. Ich komme in den ersten Tagen mit diesem Testwagen aus dem Staunen nicht heraus – und obwohl er nur als Stadtfahrzeug konzipiert ist, vermittelt der knuffige Zweitürer viel Fahremotion.

Fangen wir außen an: Das eigenständige und moderne Erscheinungsbild des Honda e begeisterte viele Autofreunde bereits als Showcar auf Messen. Umso erfreulicher, dass die Serienversion nun ebenso mutig umgesetzt wurde. Akzente setzen etwa die kreisrunden LED-Scheinwerfer, die front- wie heckseitig, wie große Babyaugen anmutend, das Kindchenschema bedienen.

Fülle an Informationen und Animationen

Außenspiegel sucht man vergebens, die hat Honda durch ein Kamerasystem ersetzt, das seine Bilder auf Monitore im Armaturenbrett überträgt. Die Türgriffe sind bündig versenkt und surren automatisch heraus, wenn sich der Schlüsselbesitzer nähert. Auf der Motorhaube findet sich eine große unübersehbare Klappe, unter der zwei Steckdosen auf Anschluss warten. Die ganze Karosse strahlt Minimalismus aus, jedoch mit einem spaßorientierten Augenzwinkern.

Das Interieur wirkt geräumiger und komfortabler, als man es von einem Kleinwagen erwartet. Die Materialien sind hell und modern, gleichzeitig wohnlich dank Holzeinlagen im Retrochic. Sofort fängt das Armaturenbrett alle Blicke ein, es präsentiert sich als nahezu nahtlose Ansammlung von riesigen Displays. Sie vermitteln den Eindruck eines Breitwandkinos.

Dank der Fülle an Informationen und netten Animationen kann ich mich erst einmal gar nicht sattsehen: Es gibt farbenprächtige Herbstwälder und ein belebtes Aquarium. Der Beifahrer kann einen Film anschauen oder schließt beim Pausenstopp eine Playstation an und zockt ein wenig. Denn der Honda tankt nicht nur Strom, er gibt auch welchen ab: per klassischer Schuko-Steckdose in der Mittelkonsole.

Wer gerne voll vernetzt wischt und tatscht, ist im Honda e im siebten Himmel. Die Inhalte der Displays lassen sich individuell konfigurieren und untereinander austauschen, dem Spieltrieb sind fast keine Grenzen gesetzt. Wer sich im Dschungel der Apps, Hotspots und Multimediaangebote verirrt, kann dem Auto dank Sprachsteuerung auch frei formulierte Fragen stellen. Man sollte aber keine Wunder erwarten: Das System wollte mich meist einfach nicht verstehen.

Lenkt der ganze moderne Schnickschnack nicht vom Fahren ab? Erstaunlicherweise nicht. Denn zum Glück kann der Fahrer auch optisch auf Minimalismus umschalten. Allein an die Perspektive der Rückspiegel-Displays musste ich mich erst gewöhnen. Sie sind zwar gut einstellbar, zeigen aber auf Wunsch eine breitere Sicht als ein analoger Spiegel – und dies samt Abstandsmarkierungen. Das soll beim Spurwechsel hilfreich sein, ich fand es eher verwirrend.

Regenplane schützt den Ladeanschluss

Eine Enttäuschung nach dem Hightech-­Feuerwerk erwartet mich beim Anschluss des Ladekabels, und zwar weil es regnet. Die Ladeanschlüsse sind schön in die Motorhaube integriert, aber hier ging Design vor Funktion. Bei Regen läuft Wasser auf die Technik, weswegen Honda eine faltbare Regenplane beigelegt hat, die wie ein kleines Zelt um die Kabel herum zu spannen ist. Das Ganze atmet den Chic einer großmütterlichen Trockenhaube.

Niemand wird von einem Kleinwagen Volumenwunder erwarten, weshalb es reicht, sich über das gute Raumgefühl auf den Vordersitzen zu freuen. Fond und Kofferraum bieten wenig Platz. Sitzen die Batterien im Fahrzeugboden, ruht der stramme 154 PS starke E-Motor unter dem Laderaumboden und lässt Platz für lediglich 171 Liter Gepäck.

Mehr Spaß als das Beladen machen Wendemanöver. Mit nur 8,60 Metern Wendekreis dreht der Honda e gefühlt wie auf einem Bierdeckel. Ideal für den Stadtverkehr, in dem er sich auf schmaler Serienbereifung agil und spurtstark präsentiert und per Parkpilot automatisch in kleine Lücken schlüpft. One-Pedal-Driving ermöglicht es zudem, allein mit dem Gaspedal zu beschleunigen und zu verzögern, was enorm zum entspannten Fahrerlebnis beiträgt.

Die Reichweite der 35,5-kWh-Akkus soll bis zu 222 Kilometer betragen. In der Praxis waren für mich eher 160 bis 180 Kilometer drin, bevor der Honda e an die Stromtankstelle musste. Findet man eine Schnelllademöglichkeit mit 100 Kilowatt, so sind die Akkus in 30 Minuten zu 80 Prozent gefüllt. An der Wallbox dauert das bis zu vier Stunden.

Antrieb schiebt mit sanfter Gewalt

Aus dem Stand auf Tempo 100 kommt der kleine Japaner in 8,3 Sekunden, bei 145 km/h ist Schluss. Dass sich die Beschleunigung schneller anfühlt, liegt am für E-Autos typischen sofortigen Abruf der 315 Newtonmeter Leistung per Ein-Gang-Automatik-Getriebe. Dies treibt beim Honda nur die Hinterräder an. Anders ausgedrückt: Man fühlt sich von sanfter Gewalt angeschoben.

Ein billiges Vergnügen ist der von Fachjournalisten zum „German Car of the Year 2021“ gewählte Honda e nicht, vor allem als stärkere und besser ausgestattete Advance-Version. Ohne Abzug der staatlichen Innovationsprämie (in Höhe von 9.000 Euro für Batterie-E-Autos) kostet die Basisversion des Honda e zwischen 33.850 und 38.000 Euro.

Heides Testurteil

Der kleine Honda e fällt positiv auf, liefert Gesprächsstoff und macht trotz mancher Kinderkrankheiten viel Spaß. Denn die mag man dem knuffigen und agilen Cityflitzer lächelnd verzeihen. Preis und Reichweite hingegen könnten manchen Interessenten abschrecken.

Schlagworte: Autokauf, Auto, Automobile

Kommentare

Ihr Kommentar