Textilsiegel

„Jetzt ist es an den Verbrauchern“

Mit der Einführung des Textilsiegels „Grüner Knopf“ will Gerd Müller die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards entlang der textilen Lieferkette gewährleisten. Im Interview spricht er über das Textilbündnis, die Siegelschwemme und ein mögliches Gesetz.

Von Ralf Kalscheur 25.09.2019

© Ute Grabowsky/photothek.net

Überprüfung der Bedingungen vor Ort: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller besucht auf seiner Reise nach Kambodscha eine Textilfabrik in Phnom Penh.

Herr Bundesminister Müller, vor knapp fünf Jahren haben Sie bereits das Textilbündnis für nachhaltige Liefer­ketten initiiert. Warum möchten Sie nun auch noch den Grünen Knopf als neues Textilsiegel einführen?

Das Textilbündnis ist ein großer Erfolg. 50 Prozent des deutschen Textileinzelhandels machen mit. Deswegen bleibt es als Grundlage für den Grünen Knopf wichtig. Jedes Jahr setzen die 120 Mitglieder ganz konkrete Verbesserungen um: Der Wasserverbrauch in den Fabriken wird reduziert, 160 giftige Chemikalien werden aus der Produktion verbannt und der Anteil nachhaltiger Baumwolle wird bis 2020 auf 35 Prozent erhöht – bis 2025 sogar auf 70 Prozent. Der Grüne Knopf zeichnet Unternehmen aus, die besonders anspruchsvolle Kriterien erfüllen.

Es gibt aber doch bereits unübersichtlich viele Textilsiegel …

Genau da liegt das Problem. Eltern, die einen Babystrampler kaufen möchten, blicken angesichts der zahlreichen Siegel gar nicht mehr durch. Einige konzentrieren sich nur auf faire Arbeitsbedingungen, andere Siegel auf strenge Umweltstandards. Mit dem Grünen Knopf schaffen wir jetzt Klarheit. Er steht für sozial und ökologisch hergestellte Textilien. Insgesamt müssen 46 anspruchsvolle Kriterien erfüllt werden, wie Abwassergrenzwerte, das Verbot gefährlicher Chemikalien, Mindestlöhne und das Kinderarbeitsverbot. Der Staat legt die Kriterien fest. Unabhängige Prüfer kontrollieren die Einhaltung. Das schafft Vertrauen. Das Besondere ist: Das gesamte Unternehmen wird überprüft; lediglich einzelne Vorzeigeprodukte anzubieten, reicht nicht aus. In dieser Tiefe prüft sonst keiner.

Wie wird das staatliche Siegel zum Start von der Branche angenommen?

Immer mehr Unternehmen wollen mitmachen. Über 60 Unternehmen haben bereits Interesse angemeldet. Darunter Start-ups, bekannte Nachhaltigkeitsvorreiter und große Unternehmen mit mehreren Tausend Mitarbeitern. Das zeigt mir: Wir sind auf dem richtigen Weg.n Knopf, die andere mitziehen. Und gesetzliche Mindeststandards für alle. Menschenrechte einzuhalten, darf kein Wettbewerbsnachteil sein. In der Bundesregierung haben wir einen Fahrplan vereinbart: Jetzt läuft

Welche Marktabdeckung glauben Sie mit dem Grünen Knopf erreichen zu können?

Drei Viertel der Verbraucher legen Wert auf eine faire Produktion. Das wissen auch die Firmenchefs. Die Menschen wollen kein T-Shirt tragen, das für einen Hungerlohn genäht und mit giftigen Chemikalien gefärbt wurde. Mit dem Grünen Knopf machen wir nachhaltige Textilien in den Geschäften und Onlineshops sichtbar. Jetzt ist es an den Verbrauchern, zuzugreifen.

Anzeige

9 Regeln für Ihren Erfolg im digitalen Handelsmarketing

Sie wollen digitales Marketing wirkungsvoll zur Kundenakquise und Frequenzsteigerung in Ihren Stores einsetzen? Erfahren Sie jetzt, wie Sie Ihr lokales Unternehmen bekannter machen und die Online-Sichtbarkeit Ihrer Stores verbessern. Sichern Sie sich jetzt Ihr kostenloses e-Book!

Kleinere, exklusive Marken positionieren sich häufig als besonders nachhaltig. Gleichwohl überfordert viele der für eine Zertifizierung notwendige Bürokratie­aufwand …

Auch die machen mit. Mit dem Grünen Knopf können sie ihr Engagement für nachhaltige Mode noch deutlicher zeigen. Sie erlangen so einen Wettbewerbsvorteil. Im Übrigen bestätigen uns gerade diese Vorreiter-​unternehmen, dass die Anforderungen des Grünen Knopfes ambitioniert sind und die Prüfungen unbürokratisch ablaufen.

Kritiker des neuen Siegels fürchten, dass hiesige Marken im Wettbewerb mit Herstellern aus Ländern, die Nachhaltigkeitsaspekte nachrangig behandeln, zurückfallen.

Im Gegenteil: Nachhaltigkeit ist der neue Megatrend. Vorreiterunternehmen haben daher einen Wettbewerbsvorteil. Ohnehin ist der Grüne Knopf ein freiwilliges Siegel. Aber jedes Unternehmen sollte sich heutzutage fragen, warum es sein Engagement beim Schutz von Mensch und Natur nicht transparent darstellen will.

Angesichts der hohen Komplexität globaler Lieferketten könne die Ein­haltung aller sozialen und ökologischen Standards ohnehin nicht lückenlos garantiert werden. Was entgegnen Sie?

Die vielen Unternehmen, die jetzt mitmachen, zeigen, dass nachhaltige Lieferketten möglich sind. Selbst kleinen Start-ups gelingt das. Im Zeitalter der Digitalisierung ist dies mit angemessenem Aufwand zu organisieren. Ein Unternehmer sagte mir: „Wer sagt, es sei zu kompliziert, der hat einfach keine Lust, sich damit zu beschäftigen.“ Die Kriterien des Grünen Knopfes werden übrigens von unabhängigen Prüfern kontrolliert. Wenn notwendig, suchen sie die Produktionsstätten in Bangladesch oder Rumänien auf. Mit der Deutschen Akkreditierungsstelle haben wir zusätzlich eine unabhängige staatliche Behörde an Bord. Als „Prüfer der Prüfer“ stellt sie sicher, dass diese wissen, worauf es ankommt.

„Nachhaltigkeit ist der neue Megatrend. Vorreiterunternehmen haben einen Wettbewerbsvorteil.“ ­­– Gerd Müller, Bundesentwicklungsminister

Deutsche Verbraucher sind preissensibel. Wie wollen Sie die Konsumenten dazu bewegen, für Textilien mit dem Grünen Knopf mehr Geld auszugeben?

Fair muss nicht teuer sein! Eine Jeans wird in Äthiopien für fünf Euro hergestellt und in Deutschland für bis zu 100 Euro verkauft. Die Näherin schuftet 16 Stunden am Tag und verdient 16 Cent die Stunde. Unmöglich, davon zu leben! Eine Verdopplung des Stundenlohns reichte schon aus; die Jeans verteuerte sich in der Produktion um lediglich einen Euro.

Stellen Sie Ihre Pläne für ein Gesetz, das die unternehmerische Sorgfaltspflicht rund um nachhaltige Wertschöpfungsketten regelt, zurück, wenn der Grüne Knopf sich durchsetzt?

Mit der Textillieferkette setzen wir jetzt einen hohen Standard und zeigen, dass es geht. Das kann niemand mehr infrage stellen. Andere Lieferketten müssen folgen. Am Ende brauchen wir beides: freiwillige Vorreiterinitiativen wie den Grüne eine Umfrage unter Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, ob sie ihrer Verantwortung in der Lieferkette nachkommen. Tun sie dies nicht, kommt ein Gesetz – da ist der Koalitionsvertrag eindeutig.

Schlagworte: Textilsiegel, Siegel, Textilbündnis, Textilhandel, Lieferkette

Kommentare

Ihr Kommentar