Fettbremse

Die Deutschen sind zu dick, eine wesentliche Ursache dafür ist ungesunde Ernährung. Vor allem in Fertigprodukten sind oft viel Zucker, Salz und Fett enthalten. Der Lebensmittelhandel und Verbraucherschutzministerin Julia Klöckner wollen das ändern.

Von 19.03.2019

© BMEL/Janine Schmitz/photothek.net

Für ein gesünderes Leben: Verbraucherschutzministerin Julia Klöckner (CDU) stellt ihre Strategie für weniger Zucker, Salz und Fett in Fertiglebensmitteln vor.

Viele deutsche Männer haben ein gewichtiges Problem: Im Jahr 2017 waren laut Statistischem Bundesamt fast zwei Drittel von ihnen zu dick. Und auch bei den Frauen kämpften knapp über 40 Prozent mit überflüssigen Kilos. Julia Klöckner, Ministerin für Ernährung und Verbraucherschutz, setzt ihre Strategie zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertiglebensmitteln dagegen, die das Bundeskabinett im Herbst 2018 verabschiedet hat. „Fertigprodukte müssen gesünder werden, damit für den Verbraucher im Alltag die gesunde Wahl zur leichten Wahl wird“, erklärt die Ministerin. Das Ziel: weniger Übergewicht, aber auch weniger Diabetes und weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Klöckner setzt dazu auf freiwillige Vereinbarungen mit den Branchenverbänden statt auf Steuern oder Verbote. Die Lebensmittelhändler habe sie dabei hinter sich, betont Christian Böttcher, Sprecher des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). „Ernährungsmitbedingte Krankheiten verursachen jährlich bei Tausenden Menschen zum Teil erhebliche gesundheitliche Probleme, deren Behandlung der Solidargemeinschaft hohe Kosten auferlegt“, sagt er. Das Problem müsse die Gesellschaft als Ganzes angehen, der Lebensmittelhandel sehe sich als Teil der Lösung.

Handelsunternehmen haben dabei vor allem ihre Eigenmarken im Blick: Sie sollen künftig weniger Zucker, Salz und Fett enthalten. „Die Ziele sind sehr ambitioniert“, lobt Verbandssprecher Böttcher. Kaufland etwa will bis 2021 eine Reduzierung von Zucker, Salz und Fett um bis zu 35 Prozent schaffen, Rewe hat bereits bei 100 Produkten den Zuckergehalt gesenkt und kündigt an, bis 2020 alle seine Eigenmarken zu überprüfen. Lidl will Salz und Zucker in allen Eigenmarken bis 2025 um je 20 Prozent reduzieren.

Ehrgeizige Ziele

Das Ministerium bewertet die gesteckten Ziele ebenfalls als ehrgeizig. Denn, wie eine Sprecherin erklärt, Zucker, Fette und Salz erfüllten während der Herstellung und Lagerung auch technische Funktionen. „Kochsalz beispielsweise sorgt nicht nur für Geschmack, sondern hindert auch Bakterien an der Vermehrung“, bestätigt Professor Pablo Steinberg, Präsident des Max-Rubner-Instituts. Es forscht im Auftrag der Bundesregierung an Möglichkeiten, wie der Einsatz von weniger Salz eben doch gelingen kann. Fest steht laut Ministerium: „Eine Reduktion stellt die Unternehmen vor technologische, lebensmittelsicherheitsrelevante und rechtliche Herausforderungen.“ Nicht zuletzt müssten die Vereinbarungen für kleine und mittlere Handwerksbetriebe umsetzbar bleiben.

Vor allem Jugendliche sollen sich gesünder ernähren, das betonen sowohl das Ministerium als auch der BVLH. Böttcher: „Zum einen ist im Wachstum eine ausgewogene Ernährung besonders wichtig für die körperliche und geistige Entwicklung. Zum anderen werden in diesem Alter die Präferenzen gebildet, die den Geschmack mitunter ein Leben lang prägen.“ Deshalb sollen besonders die Eigenmarkensortimente überprüft werden, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Aber was, wenn der Kunde die neuen Produkte nicht mehr kauft? „Bei der Reduktionsstrategie müssen wir unsere Kunden mitnehmen“, betont Böttcher. Das sei eine der Kernforderungen des Lebensmittelhandels in Gesprächen mit der Bundesregierung gewesen. Mit Augenmaß müssten die Unternehmen vorgehen, so Böttcher.

Das sieht die Ministerin genauso. „Wir wollen keine Ladenhüter, sondern konkrete Hilfen im Alltag für die Verbraucher“, sagt Klöckner. Im Klartext: Gesünder soll es sein, aber schmecken muss es auch noch. Im Herbst dieses Jahres sollen die Fortschritte erstmals überprüft werden; zuständig dafür ist das Max-Rubner-Institut. Dass sich mit der Verbesserung von Fertiglebensmitteln einiges erreichen lässt, glauben jedenfalls auch Ernährungswissenschaftler. Der Paderborner Professor Helmut Heseker etwa gibt in einem Interview zu bedenken: „In manchen Bevölkerungsgruppen beträgt der Anteil von Fertiglebensmitteln an der Ernährung 80 bis 90 Prozent.“ Entsprechend groß sei die positive Wirkung, wenn diese Lebensmittel gesünder würden.

Debatte über Ampelkennzeichnung

Ministerium und BVLH betonen aber, es reiche nicht, allein die Zusammensetzung von Fertiglebensmitteln zu verändern. Vielmehr müssten die Menschen von einem gesunden Lebensstil überzeugt werden. „Dazu muss man vor allem wissen, wie man das macht“, sagt Verbandssprecher Böttcher. „Welche Tipps und Tricks für mehr Bewegung im Alltag gibt es? Was sind die ,Do’s and Dont’s‘ einer ausgewogener Ernährung? Wie liest und versteht man Nährwertangaben richtig?“ Dazu wollen der BVLH und die Handelsunternehmen die Verbraucher informieren.

Um besser zu verstehen, was in Lebensmitteln drin ist, soll nach Meinung zahlreicher Verbraucherverbände die sogenannte Ampelkennzeichnung helfen. Sie fordern für Zucker, Fett und Salz Farbsymbole, die auf einen Blick erkennen lassen, wie viel davon im Produkt steckt. Rot wäre demnach ein schlechtes Signal – für sehr viel Zucker, Fett oder Salz. Ernährungsministerin Klöckner und die Lebensmittelbranche dagegen sehen das Konzept gleichermaßen skeptisch. In dasselbe Horn stößt der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft kritisiert die Ampelkennzeichnung als willkürlich: „Die farbliche Bewertung einiger weniger Nährstoffe eines Lebensmittels trägt nicht zu einem besseren Verständnis einer ausgewogenen Ernährung bei. Zumal die Kriterien für die Farbumschläge willkürlich festgelegt werden und intransparent sind. Denn die Verbraucher wissen nicht, ab wann etwas noch grün, schon gelb oder gar rot ist.“

Ist die Ampel nun vom Tisch, seit es die Reduktionsstrategie gibt? „Nein“, sagt BVLH-Sprecher Böttcher. „Auch im Koalitionsvertrag sind das eigenständige politische Projekte. Zur Nährwertkennzeichnung, also zur Ampel, warten wir auf den Evaluationsbericht der EU-Kommission über die bereits am Markt befindlichen Systeme“, so Böttcher. Diesen Bericht wolle auch die Bundesregierung abwarten und darauf aufbauend einen eigenen Vorschlag machen. Dazu will sich der BVLH dann positionieren.

Schlagworte: Verbraucher, Gesundheit, Lebensmittel, Ernährung, Verbraucherschutz

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