Digitalmarketing

Nutzerströme kanalisieren

Seit September unterstützt das Start-up Cmmrcl.ly Händler dabei, ihr Sortiment über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Tiktok zu vertreiben. Denn die Gründer sind überzeugt: Dem In-App-Shopping gehört die Zukunft.

Von Christine Mattauch 16.03.2021

© Cmmrcl.ly

Mobile Shopping via Instagram: Für Händler gilt es, ihre jüngeren Kunden über Social-­Media-Kanäle in den eigenen Webshop zu locken oder direkt über die Plattformen zu verkaufen.

Robin Göbelshagen, Jakob Diener, Manuel König und Max Poth heißen die vier jungen Chefs, keiner von ihnen ist älter als 34. Schon einmal haben sie zusammengearbeitet, bei einem Social-Media-Advertising-Unternehmen namens Esome. Es wurde 2018 an ProSiebenSat1 verkauft. Branchenkenntnisse bringen die Gründer also mit, ebenso die Erfahrung, bei null anzufangen. „Wir wissen, dass wir unsere Marke erst etablieren müssen“, sagt Robin Göbelshagen, zuständig für Client Management und Sales.

Schließlich sind sie nicht die Einzigen, die mit dem Etikett Social Commerce reüssieren wollen. Die Alleinstellung von Cmmrcl.ly soll die Hyperspezialisierung sein: Die Gründer bauen keine Webshops, pflegen keine Facebook- oder Instagram-Präsenzen und sie produzieren auch keine Texte oder Videos. Vielmehr konzentrieren sie sich ausschließlich darauf, Social-Media-Kampagnen zu optimieren und Nutzerströme zu lenken. Der Ansatz hat zwei Investoren aus der Tech-Industrie so überzeugt, dass sie Cmmrcl.ly einen siebenstelligen Betrag als Startkapital zur Verfügung stellten.

Neue Zielgruppen erschließen

Potenzielle Kunden über Social Media in den eigenen Webshop locken, womöglich auch direkt über die Plattformen verkaufen ­– das große Vorbild ist China. Mehr als jeder zehnte Online-Einkauf findet dort über soziale Medien statt, der Retailumsatz durch Social Commerce wird 2021 auf mehr als 272 Milliarden Euro steigen, so die New Yorker Researchfirma eMarketer. Das liegt auch daran, dass Kunden dort auf populären Plattformen wie dem Messenger WeChat einkaufen können, ohne die App zu verlassen.

In Deutschland steht Social Shopping hingegen noch am Anfang. Zwar richten Händler zunehmend Präsenzen auf Facebook und Instagram ein, doch die Kauffunktion leitet über zum Webshop. Das wird sich in naher Zukunft ändern: In den USA ist In-App-Shopping via Instagram und Facebook bereits verfügbar, künftig werden wohl auch andere Kanäle wie Pinterest, TikTok oder SnapChat eigene Check-outs installieren.

„Für Händler ist das eine riesige Chance, weil die Einstiegshürden für einen Kauf niedriger sind“, sagt Göbelshagen. Der Grund: Die Kunden müssen sich nicht erneut registrieren oder einloggen. Für Händler ergeben sich aber auch Nachteile: Sie verlieren die Hoheit über Kundendaten und werden weniger als eigenständige Marke wahrgenommen. Göbelshagen: „Deshalb ist die Frage so wichtig, welche Konsumenten ich wie erreichen will.“ Mit anderen Worten: Stammkunden idealerweise über den eigenen Webshop ansprechen, neue Zielgruppen über soziale Kanäle erschließen.

Noch freilich steht das Geschäftsfeld am Anfang, ebenso wie Cmmrcl.ly selbst. Damit der Markteinstieg gelingt, wollen sich die Gründer mit Kundenfreundlichkeit profilieren: erst fragen, welchen Ergebnisbeitrag die jeweiligen Social-Commerce-Kanäle leisten sollen – dann die Budgets festgelegen. „Wir drehen die Planung um“, bekräftigt Göbelshagen.

Da Cmmrcl.ly nicht auf feste Verträge besteht, können Kunden bei Unzufriedenheit die Zusammenarbeit von jetzt auf gleich beenden. Die Firma arbeitet auch nicht, wie es in der Branche häufig üblich ist, auf Basis von Stundensätzen oder budgetabhängigen Gebühren. Vielmehr wird das Honorar an konkrete Kundenziele gekoppelt, etwa eine bestimmte Zahl neuer Onlinekäufer. Die Agentur arbeitet so lange, bis das Ziel erreicht ist. „Wir gehen mit jedem Kunden ins Risiko.“

Einer von Cmmrcl.lys ersten Kunden, Özgür Aylikci, ist jedenfalls zufrieden. „Die machen einen guten Job“, findet er. Seit 2007 hat der Händler im Hamburger Schanzenviertel drei Modeläden aufgebaut, den Mono Concept Store, den Mono Room und das Mono Outlet. Vergangenen Sommer ging er mit einem Webshop online und experimentierte mit kleinen Social-Media-Kampagnen, der Erfolg blieb jedoch aus: „Ich habe gemerkt, das muss man systematisch aufziehen.“

Kanalwahl an Konsumenten orientieren

Mit Cmmrcl.ly vereinbarte er das Ziel höherer Konversionsraten. „Für User, die auf unsere Werbung geklickt und unseren Shop direkt wieder verlassen haben, zahlen wir nichts“, erklärt Aylikci. „Das gibt uns die Sicherheit, dass wir besonders qualifizierte Nutzer auf den Shop bekommen.“ Der E-Commerce-Umsatz habe sich dadurch „vervielfacht“. In diesem Jahr will er einen Mitarbeiter einstellen, der mit Cmmrcl.ly neue Kampagnen ausarbeiten soll: „TikTok steht ganz oben auf unserer Liste.“

Und was wird 2021 für Cmmrcl.ly bringen? Neue Kollegen, so viel steht schon fest. Um Technologie aufzubauen, die Händlern mit harten Daten beim Plattformvergleich hilft. Das entschärft möglicherweise auch ein ganz anderes Problem: Vorbehalte gerade älterer Entscheider gegenüber neuen Medien. „Wir hören oft: Dieser oder jener Kanal ist doch nichts für uns“, sagt Gründer Göbelshagen. „Aber es sind nicht die Unternehmen, die darüber entscheiden. Es sind die Konsumenten.“

Schlagworte: Start-up, soziale Netzwerke, Social Commerce, In-App-Shopping

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