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Vordenker

Mission Innenstadtrettung

Stationäre Händler haben massiv unter der Pandemie ­gelitten, etliche mussten aufgeben. Politiker, Stadtplaner und die Branche suchen nach Mitteln zur Stärkung des lokalen Handels. Vier innovative Lösungen, die Wege aus der Krise weisen.

Von Jens Gräber 30.08.2022

Hier geht's lang: Innovative Ideen zur Stärkung des lokalen Handels und damit der ­Zentren sind gefragt.

Frequenzmesser

Wie viele Menschen befinden sich auf den Plätzen und Einkaufsstraßen einer Stadt? Wie lange halten sie sich dort auf? Welche Läden betreten sie? Und welche Wege legen sie in der Stadt zurück? Antworten auf diese Fragen beschafft das Unternehmen Ariadne Maps allein durch die Analyse der Daten, die mobile Geräte aussenden – deren Besitzer bleiben dabei anonym. Erkenntnisse von großem Wert für Innenstadtplaner und -händler, da sie ihnen helfen, ihre Konzepte an die Bedürfnisse der Konsumenten anzupassen.

„Stadtplaner kommen so vielleicht zu dem Ergebnis, dass ein Kopplungselement zwischen Modehäusern, Schuhläden und Gastronomie fehlt“, führt Sebastian Deppe, Vice President DACH bei Ariadne, aus. Retailer gelangten womöglich zu dem Schluss, dass sie in die Attraktivität ihres Schaufensters investieren sollten, um mit den Läden in der Umgebung mithalten zu können. Sie können die Technik zudem für Instore-Analysen nutzen, um beispielsweise die Conversion Rate zu steigern.

Ariadne startet noch in diesem Jahr im Rahmen des Förderprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte“ des Bundesinnenministeriums Analyseprojekte in fünf deutschen Städten. Der große Vorteil der Lösung: Es sind weder Kameras noch Lasersensoren notwendig, die modifizierten WLAN-Router, die zur Erfassung dienen, benötigen lediglich Strom und einen Internetzugang. Das hält die Kosten niedrig, wie Deppe ausführt. Die Analyse der Passantenströme auf einem Marktplatz für die Dauer eines Jahres sei für einen niedrigen vierstelligen Betrag realisierbar.

Obwohl Personen ohne Mobilgeräte dabei durchs Raster fallen, ist der Manager von der Genauigkeit der Ergebnisse überzeugt. Eine händische Vergleichsmessung im Rahmen eines Pilotprojektes in Bielefeld habe gezeigt, dass 95 Prozent der Innenstadtbesucher vom Ariadne-System erfasst werden. Die Technik ist zudem zukunftsfest, da sie nicht an ein bestimmtes Endgerät gebunden ist. Deppe: „Alles, was Daten sendet und empfängt, können wir erfassen.“

ariadnemaps.com

Nachhausebringer

Die Onlineplattform Shopdaheim bietet Einzelhändlern Zugriff auf Kundenservices wie digitale Terminvereinbarung, persönliche Beratungen via Video- und Chatfunktion oder auch einen individuellen Händler-Newsletter. Im Rahmen eines Pilotprojektes testet die von den Buchhändlern Thalia, Mayersche und Osiander gegründete Plattform nun in Düsseldorf die Kombination mit Payment- und Fulfillment-Dienstleistungen. „Kunden können über Shopdaheim bei ihren Händlern kaufen, die Ware online bezahlen und ihr Paket nach Hause geliefert bekommen“, erklärt Felix Hettlage, Managing Director beim Logistiker Fiege, der das Pilotprojekt als Partner unterstützt. Die Bezahlung der Einkäufe erfolgt über den Bezahldienst Paypal, der Versand über den Shipping-Service-Provider Shipcloud – auch eine Lieferung am gleichen Tag über den Kurierdienst Angel ist möglich.

Die Plattform, von der sich bereits 25 000 Einzelhändler haben überzeugen lassen, finanzieren die Gründungsunternehmen und ihr Partner, Händler zahlen lediglich eine Gebühr für die Zahlungsabwicklung und die Zustellung der Ware. Das Ziel sei nicht, eine neue Erlösquelle zu erschließen, so Anne-Kathrin Talke, Leiterin der Unternehmensentwicklung bei Thalia. „Uns geht es darum, neue Services zu entwickeln, von denen alle Händler profitieren – auch wir als Thalia.“

shopdaheim.de

Kaufkraftbinder

Einen unkomplizierten Weg zum eigenen Gutscheinsystem eröffnet das Unternehmen Appylio deutschen Kommunen. Sein Baukastenprinzip ermöglicht ebenso den Aufbau eines neuen Systems wie die Digitalisierung vorhandener Gutscheinsysteme. Die Gutscheine dienen als lokales Zahlungsmittel und binden so die Kaufkraft. Zudem bietet Appylio für teilnehmende Händler eine Plattform, über die Kunden Ware bestellen und dann im Laden abholen können – ein simpler Einstieg in die stärkere Verzahnung von On- und Offlinehandel.

Eine Stadt, die sich für die Einführung eines Gutscheinsystems entscheidet, muss bereits im Vorfeld Händler, Dienstleister und Kulturschaffende an Bord holen. „So stellen wir eine hohe Beteiligung sicher“, erklärt Appylio-Gründer Olaf Clemen. Das Design von Webseite und Gutscheinen, die App für Händler sowie die für die Kunden gestaltet Appylio nach den Wünschen des Auftraggebers.

Für einen mittleren vierstelligen Betrag wird die Software zum Eigentum der Kommunen, im laufenden Betrieb fällt lediglich eine Gebühr von weniger als 100 Euro monatlich an. Händler zahlen eine Provision zwischen drei und fünf Prozent pro eingelöstem Gutschein. Mehr als 20 Kommunen haben sich bisher für Appylio entschieden, auf Wunsch können sie weitere Funktionen wie ein lokales Payment- oder Bonussystem in das Gutscheinsystem integrieren lassen. Nur eine Option schließt Clemen kategorisch aus: den Gutschein online einzulösen. Er sagt: „Wir wollen, dass die Menschen in die Stadt kommen.“

appylio.de

Kundenversteher

Die Shopping-App Enjoy führt per Chatbot einen Verkaufsdialog mit Kunden, die sich im Laden für ein Produkt interessieren und per Smartphone den Barcode scannen. Der Bot versucht, die Konsumenten mittels unterschiedlicher Anreize zu einer Kaufentscheidung zu bewegen. Das positive Erlebnis soll jedoch nicht allein den Umsatz der Händler steigern, sondern auch mehr Menschen in den stationären Innenstadthandel locken.

„Bei der Kaufentscheidung handelt es sich letztlich um einen irrationalen Prozess“, erklärt App-Entwickler Klaus Röhr. Je nach Kaufmotiv des Kunden, das die App anhand seines bisherigen Verhaltens ermittelt, könne den Anstoß zum Kaufabschluss beispielsweise ein Preisnachlass, aber auch ein mit dem Kauf verbundener Vorteil geben – etwa das Getränk im Café nebenan. Die Hoheit über die Daten seiner Kunden behält der Händler, der eine Provision von 1,5 bis fünf Prozent des per App erzielten Umsatzes an den Entwickler zahlt. Röhr steht bereits in Verhandlungen mit Interessenten aus der Handelsbranche, Namen darf er allerdings noch nicht nennen. Ein Test der App beim Modehaus Ramelow in Elmshorn verlief positiv, wie Inhaber Marc Ramelow berichtet: „Die Besucher und Kunden unseres Hauses waren sehr angetan von der App.“ Er ist überzeugt: „Solche Lösungen helfen uns, unser Geschäftsmodell ­weiterzuentwickeln.“

enjoy-shopping.de

Schlagworte: Innenstädte, Handel, Digitalisierung

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