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Meter und Minuten

Ein erfolgreicher Onlinehändler stellte jüngst in einem Interview fest, dass „die Zukunft heutzutage immer früher beginnt“. Nach den zurückliegenden zwölf Monaten kann ich das nur bestätigen.

Von Ian McGarrigle 23.04.2021

© ronstik/stock.adobe.com

Um die georderten Einkäufe noch am selben Tag oder nur wenige Stunden nach der Bestellung zu erhalten, nutzen Kunden zunehmend lokale Zustellservices.

Ideen und Trends, die bis vor Kurzem allenfalls Gedankenspiele waren, sind inzwischen manifeste Realität und bringen als solche nicht nur die Branche in Zugzwang, sondern ziehen neue Herausforderungen nach sich.

Beispiel Lieferdienste: Um die georderten Einkäufe noch am selben Tag oder nur wenige Stunden nach der Bestellung zu erhalten, nutzen Kunden zunehmend lokale Zustellservices. Diese „Delivery Intermediaries“, also spezialisierte Dienstleister, sind weltweit für respektive im Auftrag von Händlern oder Unternehmen tätig. Ende März kündigte der maßgeblich von Amazon getragene Lieferdienst Deliveroo seinen 1,38 Milliarden Dollar schweren Börsengang an, während das deutsche Start-up Gorillas, das Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs binnen zehn Minuten nach der Bestellung liefert, im Zuge der Serie-B-Finanzierungsrunde 290 Millionen Dollar akquirierte.

Einer Erhebung der E-Commerce-Forschungsgruppe Edge by Ascential Retail Insight zufolge ist das Delivery-Intermediary-Geschäft allein im Jahr 2020 um 48 Prozent gewachsen. Der reine Geschäftswert in Höhe von 226,7 Milliarden Dollar wird sich bis 2025 verdoppeln. Galt die „letzte Meile“ noch bis vor Kurzem als Heiliger Gral des Handels, geht es den Delivery-Intermediary-Pionieren um den „letzten Meter“. Schon diese kleine Verschiebung deutet an, mit welchen räumlichen und zeitlichen Verdichtungen die Lieferdienste auf die Erwartungen der Kunden reagieren müssen. Es geht nicht mehr um Kilometer und Stunden (oder gar Tage), sondern um Meter und Minuten.

Einzelhändler, die der Wiederöffnung ihrer Geschäfte freudig entgegensehen, stehen angesichts dieser Beschleunigung vor einer echten Herausforderung. Denn sie müssen sich die Frage stellen, wie stationäre Läden künftig funktionieren und welche Rolle sie im neuen Handelsgefüge überhaupt noch spielen können.

Der Lebensmittelhandel hat auf die neue Nachfrage schnell reagiert und sich schon frühzeitig Lieferdienste als Partner gesucht. Kleine Bestellungen werden zum nächstgelegenen Supermarkt durchgegeben, dort sofort konfektioniert und dann vom Lieferdienst zugestellt. Lässt sich ein ähnlicher Service auch für andere Sortimente und Handelsbranchen umsetzen, sobald die stationären Läden wieder geöffnet sind?

In welchem Ausmaß können stationäre Läden als Fulfillment-Hubs des Onlinegeschäfts funktionieren, damit eine Bestellung binnen weniger Stunden zum Kunden geliefert wird? Gewinnt Click & Collect weiter an Beliebtheit, auch wenn der stationäre Einzelhandel wieder öffnet?

Das sind nur einige, freilich entscheidende Fragen, um die es beim Blick auf die Zeit nach der Pandemie gehen wird. Denn das Verbraucherverhalten, präziser: die Erwartung der Kunden, hat sich radikal verändert. In einer gemeinsamen Untersuchung von EuroCommerce und McKinsey über den Lebensmittelhandel in Europa gaben 62 Prozent der befragten Kunden an, dass sie im Jahr 2020 neue Einkaufsmöglichkeiten ausprobiert hätten. Die meisten von ihnen wollen die neuen Routinen beibehalten.

Schlagworte: Kolumne, Lieferdienst, Coronakrise, Coronavirus, Lockdown

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