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EHI-Studie

„Letzte Chance für einen europäischen Payment-Champion“

Beim digitalen EHI Payment Kongress trifft sich eine Branche, die mit den Umwälzungen durch Corona ringt. Horst Rüter, Payment-Experte und Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Institute, spricht im Interview über die rasante Entwicklung von Paypal und Mobile Payment.

Von Ralf Kalscheur 15.06.2021

© Aurelia Hermann

Horst Rüter, Payment-Experte und Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Institute

Herr Rüter, wie verändert die Coronapandemie das Zahlungsverhalten der Verbraucher in Deutschland?

Wir beobachten starke Veränderungen, zum einen begründet durch die Abwanderung von stationärem Umsatz zum Onlinehandel. Zum anderen ist die Zahl der Einkäufe in den Einzelhandelsgeschäften im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr stark zurückgegangen, um 1,75 Milliarden auf 18,25 Milliarden Transaktionen. Um unnötige Kontakte zu vermeiden, entwickelte sich die Kundschaft zu Vorratskäufern, die deutlich höhere Durchschnittsbons häufiger kontaktlos bezahlten. Während die Zahl der Barzahlungen um 2,5 Milliarden sank, stieg die der kartengestützten Transaktionen um knapp 800 Millionen. Etwa jeder dritte Einkauf wird mittlerweile per Karte bezahlt. Bezogen auf den stationären Handelsumsatz, zahlten die Kunden gut 56 Prozent ihrer Käufe per Karte – das entspricht einem Zuwachs von rund 20 Milliarden Euro – und nur noch knapp 41 Prozent in bar. Die Krise hat den Rückgang des Barumsatzes im stationären Handel um mindestens drei Jahre beschleunigt.

Die Anteile von Barzahlung und Girocard am Handels​umsatz liegen schon fast gleichauf …

Ja, die Girocard ist der klare Krisengewinner im Zahlungsmix: Ihr Umsatzanteil legte um 6,5 Prozentpunkte zu, das entspricht fast 25 Milliarden Euro. Bei Kreditkarten beträgt das Plus nur 0,9 Prozentpunkte. 60 Prozent der Giro­card-Transaktionen sind kontaktlos, bei den Kreditkarten liegt der Kontaktlosanteil sogar um rund 15 Prozentpunkte höher.

Welche Rolle spielt perspektivisch Mobile Payment?

Wir schätzen, dass der Anteil der bargeldlosen Zahlungen per Smartphone zurzeit bei fünf bis zehn Prozent liegt, eher Richtung zehn Prozent. Bis 2025 dürfte der mobile Anteil auf bis zu 25 Prozent anwachsen. Diese Entwicklung wird zunehmend auch durch händlereigene Apps mit Zahlungsfunktion befeuert, wie etwa Lidl Pay.

Paypal war auf dem Kongress in aller Munde. Kommt der Handel nicht mehr an den Amerikanern vorbei?

Ja, weil Kunden es offenbar bequem finden, mit Paypal online zu bezahlen, und der Onlinehandel in Coronazeiten stark gewachsen ist. Im Vergleich zum Vorjahr hat Paypal bei den Umsatzanteilen am deutschen E-Commerce-Markt um 4,7 Prozentpunkte auf 24,9 Prozent zugelegt. Auch am PoS wird Paypal mit seinem QR-Code-Bezahlverfahren Anteile gewinnen. Diese Entwicklung sehen nicht alle Händler gern, da Paypal eine Art digitale Blackbox ist. Der Händler weiß nicht, welche Zahlungsart oder welche Kreditkarte der Kunde hinterlegt hat und welche Durchschnittssätze Paypal anlegt. So lassen sich die Gebühren, die Paypal erhebt, schlecht nachvollziehen und vergleichen. Mit Paypal-Express können Kunden ohne die Angabe von Adress- und Kreditkartendaten direkt zum Check-out, dann hat der Händler keine Kundendaten. Zudem stellt sich die Frage, was mit den Kundendaten geschieht, wenn sie den Umweg über die USA machen. Händler sind also bestrebt, dass sich die Kunden bei ihnen registrieren, und nicht bei Paypal.

Nicht nur vorteilhaft aus Handelssicht ist zudem die Entwicklung, dass Kunden zwar weniger bar zahlen, das Thema Cash-back aber stark an Relevanz gewinnt …

Es ist durchaus überraschend, dass Cash-back 2020 im Vergleich zum Vorjahr von 2,8 auf 6,24 Prozent angewachsen ist. Das heißt, mehr als sechs Prozent des in den Märkten vereinnahmten Bargelds wird an der Kasse wieder ausgezahlt. Für den Kunden ist der Service bequem. Für den Einzelhandel steht der Service-Aspekt im Fokus. Er muss aber nicht nur die Kosten für das aufwendige Bargeldmanagement tragen, sondern auch Gebühren etwa in Höhe einer Girocard-Transaktion entrichten, sprich: durchschnittlich 0,14 Prozent. Es ist schlicht unfair, dass der Handel für diesen bankentypischen Service bezahlen muss. Deshalb spielen da auch nicht alle Lebensmittelhändler, Drogeriemärkte und Tankstellen mit.

Paypal, Apple Pay, Google Pay, Visa und Mastercard: Gegen diese US-Giganten will die European Payments Initiative (EPI) antreten. Klingt ehrgeizig ...

In der Vergangenheit sind alle dahin gehenden Ansätze gescheitert. Die Shareholder haben die Gründungsorganisation EPI-Interim-Company mit 30 Millionen Euro ausgestattet, um bis zum Herbst ein Konzept zu erarbeiten. Dann wollen sie über dessen Tragfähigkeit und die notwendigen Investitionen in Milliardenhöhe entscheiden. EPI ist der bislang ernsthafteste Versuch und wohl auch die letzte Chance, die Stärken der 30 Partner in ein gemeinsames europäisches Payment-Projekt einfließen zu lassen. Die deutsche Kreditwirtschaft hat die Girocard, die Niederlande sind mit Ideal beim Onlinepayment vertreten, andere Partner sind beim Mobile Payment schon weiter. Ziel der Initiative ist es, eine neue, auf Instant Payment beruhende Lösung aufzubauen. Ich würde mir einen europäischen Payment-­Champion wünschen, doch angesichts der enormen Marktmacht der Amerikaner muss man schon guten Glaubens sein.

Schlagworte: Payment, Paypal, Bezahlsysteme, Girocard

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