Fokus

Land ohne Bargeld

Skandinavien ist Vorreiter, wenn es ums Bezahlen ohne Münzen und Scheine geht. Das galt lange als Erfolg. Nun aber mehrt sich die Kritik, wie ein Blick nach Schweden zeigt.

Von Christine Mattauch 06.07.2022

© iStockphoto/blinow61

Aussterbendes Zahlungsmittel: In Schweden werden nur noch neun Prozent der Einkäufe in bar bezahlt.

Schilder mit „Keine Kartenzahlung“ sind im deutschen Einzelhandel nichts Ungewöhnliches. Anders in Schweden: Dort signalisieren Aufkleber mit durchgestrichenen Banknoten, dass ein Händler kein Bargeld akzeptiert. Die Kunden sind längst daran gewöhnt. „Viele von uns haben schon seit Jahren keine Kronen mehr im Portemonnaie“, so Bengt Nilervall, Pay­ment-Experte des Branchenverbands Svensk Handel.

In Skandinavien ist Geld zum Anfassen selten geworden. Während der Bargeldumlauf im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone durchschnittlich bei elf Prozent liegt, sind es in Norwegen nur knapp drei, in Schweden sogar nur 1,2 Prozent. Nur noch neun Prozent der Einkäufe im Einzelhandel werden dort mit Münzen und Scheinen bezahlt; bis vor Kurzem schien Schweden auf dem Weg zur bargeldlosen Gesellschaft. In jüngster Zeit jedoch, angesichts von Krieg und Krisen, mehren sich Stimmen gegen den Trend. „Wir sollten innehalten und die Entwicklung überdenken“, findet auch Nilervall.

Hohe Innovationsaffinität

Dabei gilt Schweden in Zahlungsdingen seit jeher als besonders fortschrittlich: Bereits 1967 wurden die ­ersten Geldautomaten installiert. Heute spielen sie im Alltag eine untergeordnete Rolle: Drei Viertel der Schweden holen sich nach Angaben der Reichsbank weniger als einmal im Monat frisches Geld. „Selbst für den Brötchenkauf braucht niemand Kleingeld“, be­stätigt Oliver Falck, Leiter des Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien am Münchner Ifo Institut, den vergangenen Herbst eine Dienstreise ins südschwedische Jönköping führte.

Vor allem kleine Läden halten eine Bargeld-Infrastruktur oft gar nicht mehr vor. „Für sie ist das eine Kostenfrage“, sagt Falck. Während 94 Prozent der Supermärkte Bargeld immerhin noch annehmen, sind es nach einer Umfrage von Svensk Handel in anderen ­Bereichen nur noch 84 Prozent, Tendenz abnehmend. Der Trend verstärke sich selbst, erklärt Steven Jacob, Partner und Payment-Spezialist der Unternehmensberatung Arkwright: „Wenn immer weniger Läden Geldscheine annehmen, versuchen Verbraucher gar nicht erst, damit zu zahlen.“ Dabei war Schweden das erste Land Europas, das 1661 Banknoten als offizielles Zahlungsmittel akzeptierte.

Heute werden Rechnungen vor allem per Karte beglichen und zunehmend per Smartphone, etwa mit Swish, einer App für Sofortüberweisungen von Konto zu Konto. Für Privatleute ist sie kostenlos, neun von zehn Schweden nutzen sie. Händler brauchen zum Einsatz nicht einmal ein Terminal – es reicht ein QR-Code, den man sich ausdrucken kann. In Norwegen sind mit Vipps und in Dänemark mit MobilePay ähnliche Lösungen ähnlich populär.

Verwundbarkeit bei Hackerangriffen

Die Vorliebe der Skandinavier für den bargeldlosen Einkauf erklärt Berater Jacob unter anderem mit ihrer offenen Kultur und einer „vergleichsweise hohen Innovationsaffinität“: „Sie probieren gern neue Lösungen aus.“ Das Vertrauen in Institutionen ist groß, auf Datenschutz wird historisch bedingt weniger Wert gelegt als in Deutschland. Überdies attestieren Forscher ihnen eine optimistische, positive Grundeinstellung – was sich auch in der Freude am unbeschwerten Konsum ausdrückt. Und der fällt mit Karte oder Zahlung per Handy eben noch ein wenig leichter.

Auch Sicherheit ist ein Argument. Nicht zuletzt Gewerkschaften hätten sich gegen Bargeld ausgesprochen, sagt Handelsexperte Nilervall: Früher gab es in Schweden viele Überfälle auf Kassierer und Geldtransporter. Das ist vorbei, seit die Kassen leer sind. Händler können daher weniger Personal einsetzen. Es gibt weniger interne Diebstähle, und das umständliche Handling von Bargeld entfällt. Und weil die große Mehrheit der Schweden Debitkarten einsetzt, halten sich die Gebühren für den Handel in Grenzen.

Doch die Entwicklung hat auch Kritiker. Zu ­ihnen zählt Sveriges Konsumenter, ein Verbraucherdachverband 21 mitgliederstarker Interessengemeinschaften, die für die Rechte von Rentnern, Behin­derten und Migranten eintreten (siehe unten). Neuerdings spielt auch das Thema Verwundbarkeit eine große Rolle. Wie soll eine Gesellschaft ohne ­Bargeld etwa bei Strom- oder Internetausfall funktionieren? Im vergangenen Sommer mussten nach einem Hackerangriff rund 800 Filialen des Lebensmittlers Coop schließen. Russlands Überfall auf die Ukraine hat die Angst vor Cyberattacken weiter gesteigert – viele Menschen horten zu Hause wieder Bares als ­Sicherheitsreserve, berichtet Nilervall.

Von der schwedischen Regierung bestellte ­Experten untersuchen derzeit, ob der Staat eingreifen soll, um den Trend zu immer weniger Bargeld zu stoppen. So könnten Händler, die Waren des täglichen ­Bedarfs verkaufen, zur Annahme von Münzen und Scheinen verpflichtet werden. Eine ähnliche Initiative führte bereits zu einem Gesetz, das Banken vorschreibt, auch dünn besiedelte Gebiete mit Geldautomaten auszurüsten. „Bis zur Abschaffung des Bargelds ist es ein weiter Weg“, sagt Ökonom Falck.

Trotzdem glaubt er, dass Deutschland dem ­Beispiel Schweden folgen wird: „Die Entwicklung ist unaufhaltsam.“ Auch wenn sie hierzulande länger dauert als anderswo – wozu auch die kleinteilige­ ­Bankenstruktur beiträgt: Anders als in Schweden fällt es den Wettbewerbern schwer, sich auf gemeinsame Lösungen à la Swish zu einigen. „Erst in zehn bis fünfzehn Jahren werden wir da sein, wo Skandinavien heute steht“, meint Arkwright-Experte Jacob. Es sei denn, dort schwingt das Pendel wieder zurück. 

Jan Bertoft, Generalsekretär des Verbraucherdachverbands Sveriges Konsumenter, über die Folgen der Entwicklungen im schwedischen Zahlungsverkehr.

Warum kritisieren Sie den Trend zur bargeldlosen Gesellschaft?
Es geht um Inklusion. Der Abschied vom Bargeld ging zu schnell und zu weit. Menschen, die mit digitalen Zahlungsmitteln nicht gut zurechtkommen, fühlen sich ausgeschlossen, etwa Hoch­betagte, Behinderte und Migranten. Und wie sollen Kinder lernen, mit Geld umzugehen?

Welche Rolle spielt für Sie der Datenschutz?
Wer digital zahlt, gibt persönliche Daten preis, und zwar an private Unternehmen. Verbraucher sollten die Möglichkeit haben, das zu vermeiden. Cash ist die einzige nicht kommerzielle Zahlungsmethode.

Gerade digitale Zahl-Apps wie Swish sind für Konsumenten allerdings sehr komfortabel ...
Wir begrüßen technische Innovationen, wenn sie positiv für die Verbraucher sind. Trotzdem sollte eine Grundversorgung mit Bargeld erhalten bleiben.

Schlagworte: Bargeldlos bezahlen, Payment, Einzelhandel, Bargeld

Kommentare

  • dfgh dfgh

    dgbhdg
    Antworten
    23.11.2022, 15:01 Uhr
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