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Geschäftsaufgabe

Ladenschluss für immer

Schon lange warnt der Handelsverband Deutschland, dass die staatlichen Hilfsprogramme nicht ausreichten, um Pleiten abzuwenden. Vier Geschichten von Händlern, die trotz aller Anstrengungen für immer schließen mussten.

Von Jens Gräber 23.04.2021

© Ove Landgraf/Morgenpost Sachsen

Daniel Dorner (46) führte 19 Jahre lang den Spielwarenhandel Spielaxie in Dresden mit zuletzt 22 Mitarbeitern.

„Der Vermieter hat auf unsere Briefe nicht einmal geantwortet“

„In der Zeit von März bis Mai verkauften wir unsere Ware stets mit höchstmöglicher Gewinnmarge. Dass der Umsatz während des ersten Lockdowns um fast 100 Prozent einbrach, traf uns insofern extrem hart. Zwar setzten wir über Onlinekanäle wie Instagram das ein oder andere ab. Aber die Kunden sind von großen Mitbewerbern daran gewöhnt, viel zurückzuschicken – Aufwand und Ertrag standen für uns in keinem guten Verhältnis. Wir bekamen staatliche Soforthilfe, die jedoch nach einem Monat durch die Mietzahlung aufgebraucht war. Auch nach dem Lockdown stiegen die Umsätze nicht über 70 Prozent dessen, was wir sonst zu dieser Jahreszeit erzielten. Die Kosten dagegen blieben konstant. Denn leider sah sich unser Vermieter nicht in der Lage, uns mit einer Mietminderung entgegenzukommen – auf unsere Briefe hat er nicht einmal geantwortet. Im Laufe des Jahres summierten sich die Verluste derart, dass wir zum Ende des Sommers vorläufige Insolvenz anmeldeten. Wir hatten die Hoffnung auf Rettung nicht aufgegeben, dann jedoch zeichnete sich im Herbst die zweite Welle ab – Anfang Oktober mussten wir kapitulieren. Ich arbeite nun fest an­gestellt in einer anderen Branche, mein Mann konnte bei der Werbeagentur wieder einsteigen, für die er zuvor als Projektleiter gearbeitet hatte.“

„Wie es für mich weitergeht, weiß ich nicht“

„Der erste Lockdown fiel mitten in die Hauptsaison für Brautkleider, Hochzeitsanzüge und Abendkleider. Unser Umsatz sank in dieser Zeit beinahe auf null, denn unsere Produkte lassen sich nicht über Click & Collect verkaufen. Auch danach haben wir nur etwa 30 Prozent des üblichen Umsatzes erzielt, weil sämtliche Veranstaltungen und auch das Oktoberfest ausfielen. Rabattaktionen konnten daran nichts ändern. Ich bekam Soforthilfe, um einen Teil der Betriebskosten zu zahlen. Zudem belastete ich im Frühling den schon lange in Familienbesitz befindlichen, nahezu schuldenfreien Laden mit einem KfW-Kredit – ich ging ja davon aus, dass es weitergeht. Im November musste ich dann zwar doch Insolvenz anmelden, wollte das Geschäft allerdings immer noch retten, indem ich das Sortiment verkleinerte. Der zweite Lockdown jedoch drückte den Umsatz wieder komplett auf null. Hilfen bekam ich keine mehr, weil ich Insolvenz ange­meldet hatte. Schnell war klar: Die Sanierung kann nicht mehr gelingen. Wenn die restliche Ware weg ist, werde ich nun auch die Immobilie verkaufen müssen, um Verbindlichkeiten zu decken. Wie es danach für mich weitergeht, weiß ich nicht.“

„Die Staatshilfen sind viel zu spärlich und zu langsam eingetroffen“

„Im ersten Lockdown nahmen wir Bestellungen über jeden möglichen Kanal an, ob WhatsApp, Telefon, Facebook oder Google MyBusiness. Das kompensierte aber nicht annähernd den Umsatzverlust im stationären Laden, denn den Kunden fehlte die Möglichkeit, vor Ort noch andere schöne Dinge zu entdecken. Im Mai und im Juni öffnete auch die Gastronomie, die Kunden kamen wieder. Wir spekulierten auf das Weihnachtsgeschäft, um die Verluste aus dem Frühjahr wettzumachen. Doch dann kam im Herbst die zweite Welle, dann der zweite Lockdown – das Weihnachtsgeschäft fiel aus. Click & Meet ist eine schöne Idee, der Umsatz steht dabei aber in einem viel schlechteren Verhältnis zu den Kosten als bei einer regulären Ladenöffnung. Insgesamt haben wir 2020 gerade mal 40 Prozent unseres üblichen Jahresumsatzes erreicht. Von einer Mietminderung wollte mein Vermieter nichts wissen, es ging immer nur um Stundungen – das löst jedoch nicht das Problem. Staatshilfen sind viel zu spärlich und zu langsam eingetroffen. Als ich absehen konnte, dass ein weiterer Lockdown im Weihnachtsgeschäft kommt, musste ich die Reißleine ziehen. Jetzt läuft die Insolvenz in Eigenverwaltung.“

„Die Verluste häuften sich von Monat zu Monat an“

„Während des ersten Lockdowns verkaufte ich gar nicht wenig über meinen Onlineshop und über Instagram. Ich bekam staatliche Soforthilfe, damit war meine Miete gedeckt. Danach allerdings fingen die Probleme an: Touristen kamen den Sommer über nur wenige, die Verluste häuften sich von Monat zu Monat an. Staatliche Überbrückungshilfe bekam ich jedoch nicht, weil meine Einnahmen knapp über dem festgelegten Limit lagen und ich die notwendigen Umsatzverluste im Vergleich zum Vorjahr – eine Zeit, in der mein Geschäft noch im Aufbau begriffen gewesen war – nicht nachweisen konnte. Im zweiten Lockdown trug mich der Online-Umsatz dann noch bis in den Januar – aber seit Februar verkaufte ich fast gar nichts mehr. Zwar hatte ich das Glück, mit meinem Vermieter aushandeln zu können, dass ich keine Miete mehr zahlen musste. Bis ich jedoch erneut Staatshilfe hätte beantragen können, stand für mich bereits fest, dass ich Captain Svenson als stationären Laden nicht halten konnte. Der Fixkostenzuschuss allein hätte den Laden ohnehin nicht gerettet, weil ich in der kurzen Zeit seit Eröffnung noch kein finanzielles Polster hatte erarbeiten können. Sobald ich nun die Geschäftsaufgabe geregelt habe, werde ich versuchen, meine Nebentätigkeit als Radio­moderatorin beim NDR in Hamburg auszubauen.“

Schlagworte: Geschäftsaufgabe, Coronakrise, Coronavirus, Lockdown

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