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Das Warenhaus

Kathedralen des Konsums

Warenhäuser revolutionierten die Konsumwelt und machten das Einkaufen zu einem glamourösen Erlebnis. Doch vom Glanz früherer Blütejahre ist heute wenig geblieben.

Von Marvin Brendel 15.02.2022

© Wolfgang Kluge / dpa picture-alliance

Westformat im Osten: Leipziger Horten-Filiale im Jahr 1998. Nach der Wende expandierten viele Warenhausketten in die neuen Bundesländer.

Der Siegeszug der Warenhäuser beginnt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. In Frankreich und den angelsächsischen Ländern entstehen die ersten großen Häuser mit bis heute so klangvollen Namen wie Le Bon Marché, Magasins du Printemps, La Samaritaine, Wanamakers oder Macy's. Ihr Erfolg geht eng einher mit der Industrialisierung: Die maschinelle Massenfertigung ermöglicht die Ausweitung und Verbilligung des Warenangebots, gleichzeitig steigt in den expandierenden Städten die Nachfrage.

Zudem punkten die Warenhäuser und die flächenmäßig kleineren, auf wenige Warengruppen fokussierten Kaufhäuser mit neuen Ansätzen: Selbstbedienung ohne Kaufzwang, niedrige Preise dank großer Absatzmengen, feste Preise statt des üblichen Feilschens, Barzahlung und Umtauschrecht. Und während traditionelle Händler übermäßige Reklame für unredlich halten, werben die Warenhäuser ungeniert mit großen Plakaten und Annoncen, aufwendig gestalteten Schaufenstern, blinkender Leuchtreklame und Rabattaktionen wie der „Weißen Woche“.

In Deutschland zählen vor allem Händler aus dem Textilgewerbe zu den Warenhauspionieren, darunter die Gebrüder Wertheim, Hermann und Leonhard Tietz sowie Rudolph Karstadt. Nachdem die frühen deutschen Warenhäuser noch auf ein unteres bis mittleres Preis- und Qualitätssegment zielen, entstehen in der ersten Blütephase – die von der Jahrhundertwende bis in die Weimarer Republik reicht – auch hierzulande imposante „Kathedralen des Konsums“: Große Lichthöfe, weitläufige Freitreppen, schwere Kronleuchter, Marmor und Edelhölzer, echte Palmen und technische Innovationen wie Fahrstühle und Rolltreppen lassen die Besucher staunen und machen den Warenhausbesuch zu einem gesellschaftlichen Ereignis.

Ziel antisemitischer Hetze

Schon früh müssen sich die Kauf- und Warenhäuser aber auch heftiger Kritik erwehren. Gegner monieren niedrige Löhne ebenso wie die dargebotene Warenfülle, die gerade Frauen zu übermäßigen Käufen verführen soll. Die zahlreichen kleinen Einzelhändler fürchten die preisgünstige Konkurrenz und fordern erfolgreich eine Warenhaussteuer. Derweil schreckt der „Reichsverband zur Bekämpfung der Warenhäuser“ sogar vor der Aussetzung von Mäusen und Ratten bei der ungeliebten Konkurrenz nicht zurück

Die Nationalsozialisten greifen die Furcht der Kleinhändler früh auf: Noch 1933 verdoppeln sie die Gewerbesteuer für Kaufhäuser und führen eine Steuer für Filialbetriebe ein. Von der geplanten Zerschlagung der großen Warenhauskonzerne rücken sie jedoch wegen der vielen Beschäftigten bei den Warenhäusern und Zulieferern wieder ab. Stattdessen verschärfen sie die antisemitische Hetze gegen die vielfach in jüdischer Hand befindlichen Warenhäuser und trommeln zum Boykott. Durch neue Gesetze und wirtschaftlichen Druck werden die jüdischen Eigentümer aus ihren Unternehmen gedrängt.

An ihre Stelle treten Profiteure wie Georg Karg oder Helmut Horten, die den deutschen Einzelhandel über das Kriegsende hinaus prägen sollen. Auch die Namen der „arisierten“ Warenhäuser werden dem neuen deutschen Geist angepasst: Die Häuser von Hermann Tietz werden zu Hertie, die von Leonhard Tietz zu Kaufhof, der Schocken-Konzern firmiert nun als Merkur AG und aus Wertheim wird die Allgemeine Warenhaus AG.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erleben die Kauf- und Warenhäuser eine neue Blütephase. Beim Wiederaufbau der zerstörten Innenstädte werden sie zu Symbolen der neuen Konsumvielfalt. Doch im Gegensatz zu den pompösen Warenpalästen früherer Jahre kommen die neu errichteten Warenhäuser schlichter daher. Die Aufmerksamkeit der Kunden soll sich auf das Warenangebot richten, auch wenn der Warenhausbesuch dadurch das Flair eines gesellschaftlichen Erlebnisses verliert.

Ab Mitte der 1970er-Jahre beginnt schließlich der schrittweise Niedergang der Warenhäuser. Schon bis 1985 sinkt ihr Anteil am deutschen Einzelhandelsumsatz von elf auf sechs Prozent. Dafür sorgt vor allem neue Konkurrenz durch innerstädtische Einkaufszentren, große Verbrauchermärkte sowie spezialisierte Filial- und Fachmarktketten. Die Verbreitung des Automobils fördert zudem den Boom neuer Shoppingcenter auf der grünen Wiese.

Große Akteure verschmelzen

Die Warenhäuser reagieren mit Einschnitten beim Sortiment und lösen beispielsweise Möbel- und Heimwerkerabteilungen auf. Zudem adaptieren sie die Idee der Fachmärkte: So gründet Karstadt 1984 die Sportartikel-Tochter Runners Point, Kaufhof gliedert seine Elektronikabteilungen ab 1985 in neue Saturn-Filialen aus. Derweil dreht sich im Hintergrund ein munteres Übernahmekarussell. Dabei verschmelzen viele der einstmals großen Akteure der Branche – darunter Hertie, Wertheim, Horten und auch die Warenhäuser von Neckermann und Quelle –, bis 2019 schließlich allein Galeria Karstadt Kaufhof übrig bleibt.

Doch der Niedergang lässt sich dadurch weder aufhalten noch umkehren – erst recht nicht mehr, nachdem zur Jahrtausendwende der Internethandel als neuer Konkurrent die Bühne erobert. Heute haben sich die klassischen Warenhäuser zwar noch nicht gänzlich überlebt, ihr Erbe haben jedoch die großen Onlineplattformen längst angetreten.

Schlagworte: Warenhaus, Kaufhaus

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