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Tante-Emma-Läden

„Im Supermarkt bin ich allein …“

Der Tante-Emma-Laden steht bis heute für Nähe und eine persönliche Beziehung zwischen Händler und Kunden. Wesentlich geprägt hat die mit viel Nostalgie unterlegte Bezeichnung der beliebte Sänger Udo Jürgens.

Von Marvin Brendel 19.10.2021

© DPA Picture Alliance

Das Beste aus deutschen Landen: Mit regionalen Fleisch- und Wurstwaren warb dieses Delikatessengeschäft um 1900 in Berlin.

Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt in Deutschland die große Zeit der Verstädterung. Ein rasanter Zuwachs der Bevölkerung, verbunden mit einer starken Landflucht, lässt den Anteil der Stadtbewohner deutlich steigen. Leben zur Reichsgründung 1871 nur knapp fünf Prozent der Gesamtbevölkerung in damals acht Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern, so sind es 1910 schon gut 21 Prozent in nunmehr 48 Großstädten. Doch die Stadtbewohner müssen auf viele Möglichkeiten der auf dem Land üblichen Selbstversorgung verzichten. Stattdessen erhalten sie für ihre Arbeitskraft Bargeld, mit dem sie benötigte Waren kaufen können.

Emma schlägt Anna

Das beflügelt den Einzelhandel: Zuerst in den Städten, nach und nach aber auch in ländlichen Regionen, schießen zahlreiche kleine Gemischtwarenläden aus dem Boden. Sie bieten vor allem Lebensmittel und sogenannte Kolonialwaren wie Zucker, Kaffee, Reis oder Tabak an – was den Geschäften die lange gebräuchliche Bezeichnung Kolonialwarenladen einbringt. Aber auch Schreib-, Kurz- und Haushaltswaren, Textilien, Werkzeuge und andere Artikel des täglichen Bedarfs gehören zum Sortiment.

Für die kleinen Händler sind tägliche Arbeitszeiten von zwölf Stunden und mehr normal, und das auch an Sonn- und Feiertagen. Selbst danach ist oft nicht Schluss. Da die meisten Ladeninhaber neben, über oder hinter ihren Geschäftsräumen wohnen, klopfen Kunden auch nach Ladenschluss noch an die Hintertür. Trotz des hohen Arbeitsaufwandes haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Drittel aller Ladenbesitzer keine Angestellten. Etwas mehr als die Hälfte beschäftigt bis zu drei Angestellte. Fast immer sind es Frauen, vielfach Familienmitglieder.

Doch ungeachtet der vielen Frauen in den kleinen Läden kommt die Bezeichnung Tante-Emma-Laden erst in den 1950er-Jahren auf. Der Namens­teil „Tante“ greift dabei nicht nur den hohen Frauenanteil beim Verkaufspersonal auf. Er spielt auch auf das persönliche Verhältnis an, das die Läden mit ihren Kunden verbindet: Beim Einkaufen ist immer Zeit für einen Plausch, das vorläufige Anschreiben und spätere Bezahlen der Einkäufe ist zumindest bei Stammkunden üblich und für die kleinen Nachwuchskunden gibt es süße Bonbons oder Lakritz. Der Name „Emma“ wiederum zählt zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu den zehn am häufigsten vergebenen weiblichen Vornamen in Deutschland. Dementsprechend verbreitet ist er in den 1950er-Jahren unter Ladenbesitzerinnen beziehungsweise Verkäuferinnen. Daneben belegen zeitgenössische Quellen auch andere Bezeichnungen wie Tante-Anna-Laden, doch diese können sich am Ende im Sprachgebrauch nicht gegen Emma durchsetzen.

Daran ist Udo Jürgens nicht ganz unschuldig. In seinem Lied „Tante Emma“ stellt der Schlagersänger 1976 die persönliche Beziehung zum „Tante-Emma-Laden an der Ecke vis-à-vis“ der Anonymität der großen Selbstbedienungsmärkte gegenüber: „Im Supermarkt bin ich allein, beim Suchen hilft mir da kein Schwein. […] Bei Tante Emma ist‘s privat, sie ist kein Warenautomat. Sie sagt, wenn ich nicht zahlen kann: ‚Was macht das schon, dann schreib‘ ich an‘.“ Der Song hält sich fast drei Monate in den deutschen Charts und trägt so zur Verankerung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch bei.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich die Bezeichnung erst durchsetzt, als die Tante-Emma-Läden bereits im Niedergang begriffen sind. Dieser beginnt schon in den 1960er-Jahren mit dem Siegeszug der Discounter und Supermärkte und der zunehmenden Verbreitung des Automobils. Die Kunden entscheiden sich vermehrt für große Wocheneinkäufe in preiswerten, mit dem Auto gut erreichbaren Selbstbedienungsmärkten.

Im Laden an der Ecke werden nur noch beim Großeinkauf vergessene oder spontan benötigte Waren gekauft. Besiegelt wird das weitgehende Ende der Tante-Emma-Läden schließlich ab 1974 mit dem gesetzlichen Verbot der Preisbindung. Nun können die großen Handelsketten die dank ihrer hohen Nachfragemacht erhaltenen Rabatte in Form von Preissenkungen an die Kunden weitergeben. Dem entbrennenden Preiskampf können die kleinen Läden nicht viel entgegensetzen. Sie werden aus dem Markt gedrängt oder schlüpfen unter das Dach großer Einkaufsverbünde wie Edeka, Rewe, Spar oder A&O.

Comeback unter neuen Vorzeichen

Heute kommt es vor allem in kleineren Orten zu einer Renaissance kleiner Lebensmittel- und Gemischtwarenläden. Oftmals genossenschaftlich organisiert, sollen sie die Nahversorgung sichern und als Zentren des sozialen Austausches dienen. Teilweise sind die Geschäfte in nostalgisch-verklärter Anlehnung an die früheren Tante-Emma-Läden benannt, etwa „Tante M“ oder „Emmas Erben“. Doch mit dem ursprünglichen, von persönlicher Nähe geprägten Konzept der Tante-Emma-Läden haben sie nur noch wenig gemein. Stattdessen sollen Selbstbedienung und der Einsatz von viel Technik für längere Öffnungszeiten und weniger Verkaufspersonal sorgen.

Schlagworte: Einzelhandel, Supermarkt, Lebensmitteleinzelhandel

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