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HDE-Jahrespressekonferenz

Im Krisenmodus

Der monatelange Lockdown zur Eindämmung der Pandemie trifft Unternehmen hart: Die Prognose des Handelsverbands Deutschland (HDE) für das laufende Jahr sieht für den Non-Food-Handel Umsatzeinbußen von bis zu 29 Prozent gegenüber dem Vorkrisenjahr 2019 voraus.

Von Jens Gräber 15.03.2021

© imago images/Horst Galuschka

Das Frühjahr 2020 habe die Unternehmen in einen Krisenmodus versetzt, der – unterbrochen von einer Erholung im Sommer – bis heute andauere, resümiert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth mit Blick auf das zurückliegende Krisenjahr.

Viele Händler befinden sich einer dramatischen Situation. Ohne passgenaue staatliche Unterstützung und ohne Öffnungsperspektive werden in vielen Innenstädten in den kommenden Wochen die Lichter ausgehen“, fasst HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth Ende Februar in der Bundespressekonferenz die Lage der Branche zusammen. Derart verzweifelt stellt sich die Situation mittlerweile für viele Unternehmer dar, dass sie trotz ungewisser Erfolgsaussichten Klagen gegen die Lockdown-Maßnahmen planen.

Das liegt auch daran, dass rund 75 Prozent der vom Lockdown betroffenen Händler laut einer HDE-Umfrage die staatlichen Hilfen noch immer für unzureichend halten. Eine Einschätzung, die weitere Zahlen stützen: So erhielt jeder dieser Händler nach HDE-Angaben im vergangenen Jahr im Schnitt 11.000 Euro an Hilfszahlungen, insgesamt flossen 90 Millionen Euro an den Handel. Zu wenig angesichts der 700 Millionen Euro Umsatzausfall, die jeder Tag im Lockdown für die Branche bedeutet.

Hygienekonzepte funktionieren

Das Frühjahr 2020 habe die Unternehmen in einen Krisenmodus versetzt, der – unterbrochen von einer Erholung im Sommer – bis heute andauere, resümiert Genth mit Blick auf das zurückliegende Krisenjahr. Inzwischen seien die Rücklagen vieler Betriebe aufgebraucht – wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass der zweite Lockdown Mitte Dezember die Händler in der Hauptphase des Weihnachtsgeschäfts traf. „Die beiden Wochen vor Weihnachten und die Woche danach sind in gewöhnlichen Jahren die umsatzstärksten im ganzen Jahr“, erklärt Genth.

Diese enormen Umsatzverluste haben Folgen: Einer Umfrage unter 2 000 Händlern zufolge sehen sich 52 Prozent der Betroffenen ohne weitere Staatshilfen vor der Pleite, in den Innenstädten sind es gar 62 Prozent. Laut HDE-Berechnungen droht der Verlust von mindestens 50 000 Betrieben und damit mehr als 250 000 Jobs.

Der Verband fordert angesichts dieser Bilanz des bisherigen Umgangs mit der Pandemie Nachbesserungen bei den Hilfsprogrammen und mehr Tempo bei der Auszahlung der Gelder, aber auch eine klare und langfristig tragfähige Öffnungsstrategie. „Die Bekämpfung der Pandemie und die Belange der Wirtschaft dürfen nicht länger gegeneinandergestellt werden“, mahnt Genth. HDE-Vizepräsident Professor Timm Homann schlägt einen noch schärferen Ton an und attestiert den politisch Verantwortlichen ein „beschämendes Krisenmanagement“.

Ladenöffnungen dürften nicht vom Erreichen einer Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen abhängen. Denn der Handel verfüge bereits über ein wirksames Hygienekonzept, dessen Tragfähigkeit durch ein jüngst erstelltes Gutachten untermauert werde, stellen die Branchenvertreter fest. Eine weitere unabhängige Studie belege zudem, dass Handelsmitarbeiter keinem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt seien. „Wir fordern die Öffnung der Läden“, stellt Homann klar. Sollten dann gezielte Verschärfungen von Regeln oder Hygienekonzepten notwendig sein, trage der Handel diese mit.

Wie essenziell ein Ende des Lockdowns für die Branche ist, zeigt auch die im Februar vorgestellte HDE-Prognose für das laufende Jahr. Das positivste von drei Szenarien geht von einer Öffnung stationärer Läden noch im März aus. Im Vergleich mit dem Vorkrisenjahr 2019 fällt das Umsatzminus speziell für die vom Lockdown betroffenen Händler mit 15 Prozent auch dann bereits happig aus. Im ungünstigsten Fall, wenn die Läden erst im Mai wieder öffnen dürfen, steigt es auf satte 29 Prozent oder 47 Milliarden Euro.

Onlinehandel boomt

Zwar floriert der Onlinehandel angesichts der pandemiebedingten Einschränkungen weiterhin und kann 2021 laut Prognose Umsatzsteigerungen von bis zu 15 Prozent gegenüber dem bereits starken Vorjahr verbuchen. Ein Teil davon kommt im stationären Handel an, denn gut 80 Prozent der im Lockdown geschlossenen Unternehmen sind laut HDE in den E-­Commerce eingestiegen.

Aber nicht jeder über Liefer- oder Click &​ Collect-Angebote erzielte Umsatz führe angesichts teils hoher Aufwände und Retourenquoten zu nennenswertem Ertrag, schränkt Genth ein. Soll heißen: Über den Ausbau des E-Commerce allein kann die Rettung des Handels nicht gelingen, für die sich der HDE-Hauptgeschäftsführer einsetzt. Ein bloßes „Weiter so“ in der Coronapolitik sei inakzeptabel, Änderungen seien dringend geboten, formuliert Genth eindringlich in der Bundespressekonferenz.

Auf dass die Branche einen Weg aus dem Krisenmodus findet. 

Schlagworte: Jahrespressekonferenz HDE, Coronakrise, Coronavirus, Lockdown

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