Wir sind Einzelhandel

Beim Festakt zum 100-jährigen ­Bestehen des Handelsverbands Deutschland mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier standen Visionen im Mittelpunkt.

Von Ralf Kalscheur 16.05.2019

© Christian Kruppa

Der Einzelhandel trägt maßgeblich zu Wohlstand und Beschäftigung bei“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Branche stehe für rund drei Millionen Arbeitsplätze und 16 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. „Das sind beachtliche Zahlen, und darauf dürfen Sie zu Recht stolz sein“, so Steinmeier. Doch der Handel sei darüber hinaus auch Heimat und Treffpunkt. Diese soziale Dimension könne auch die fünfte Mobilfunkgeneration 5G nicht ersetzen. „Wir dürfen daher einer Verödung der Innenstädte nicht tatenlos zusehen“, warnt der Bundespräsident in seiner Festansprache zum 100-jährigen Verbandsjubiläum und lobt den HDE dafür, lokal, in den kleineren und mittleren Städten, Verantwortung für den Erhalt lebendiger Orte der Begegnung zu übernehmen.

Unter dem Glasdach des Schlüterhofs im Deutschen Historischen Museum nimmt der Handelsverband Deutschland (HDE) sein 100-jähriges Bestehen zum Anlass, nach vorn zu blicken. „Besonders der Mittelstand fühlt sich schnell abgehängt, wenn er im direkten Wettbewerb mit der ungeheuren Marktmacht globaler Onlineriesen steht“, betont HDE-Präsident Josef Sanktjohanser in seiner Ansprache an die rund 250 geladenen Gäste aus Handel, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Daher müsse das Ziel sein, klare ordnungspolitische Leitplanken zu setzen, die faire Digitalisierungschancen für den Mittelstand gewährleisten.

 

„Der HDE hat eine große Bedeutung als Sprachrohr einer Branche, die über drei Millionen Menschen beschäftigt und auch von vielen mittelständischen Unternehmen geprägt wird. Der Verband vertritt unsere, die Interessen des Handels und tritt für Fairness im Angesicht wachsenden internationalen Wettbewerbs ein. Ich wünsche dem HDE konstruktive politische Rahmenbedingungen zur Fortsetzung seiner Arbeit in der Zukunft.“ – Professor Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group

 

„Wir Händler brauchen, gerade angesichts künftiger Herausforderungen für die Branche, einen starken Partner an unserer Seite, der unsere Interessen in Deutschland und Europa verteidigt. Ich hoffe und wünsche mir, dass der HDE weiterhin die Einzelhandelsfahne hochhält. Und was ich dazu beitragen kann, das bin ich gerne bereit, zu tun.“ – Mechthild Möllenkamp, Inhaberin Edeka Supermärkte GmbH (Osnabrück) und Vizepräsidentin des HDE

 

Aufruf zur Europawahl

„Im globalen Wettbewerb kann nur ein starkes, geeintes Europa Fairness und Freiheit garantieren“, erklärt Sanktjohanser. Darum setze der Handel – in dem sich die soziale Wirklichkeit so bunt und vielgestaltig widerspiegele wie in kaum einem anderen Wirtschaftszweig – auf ein starkes und geeintes Europa der Freizügigkeit für Personen, Waren und Dienstleistungen. Der HDE-Präsident ruft dazu auf, sich aktiv gegen Europaverdrossenheit zu stellen, populistischen und protektionistischen Tendenzen zu wehren und am 26. Mai bei der Europawahl wählen zu gehen.

„Sie tragen Europa im Herzen“, bedankt sich Bundespräsident Steinmeier für das klare Bekenntnis des HDE, der heute wie vor hundert Jahren Kleinbetriebe, Mittelständler und die ganz Großen unter ein Dach bringe. „Eine gemeinsame Stimme für alle, das ist seit seiner Gründung für den HDE die Maxime seines Handelns“, betont Sanktjohanser und erinnert mit dem Festmotto „Vision, Innovation, Wohlstand“ an den Verbandsgründer Heinrich Grünfeld. Der weitsichtige deutsch-jüdische Kaufmann schuf in den Tumulten der Novemberrevolution eine geeinte Interessenvertretung deutscher Einzelhändler, die bis heute, da der HDE seine Rolle als Kompetenzzentrum für den gesamten Handel in einer digitalen Welt wahrnimmt, als Sprachrohr der Branche fungiert und bei Politik und Gesellschaft Gehör findet.

„Es war ein schöner runder Geburtstag, ein ­würdiges Jubiläum. Ich wünsche dem HDE, dass es ihm weiterhin gelingt, die Interessen des Handels zu bündeln und die Branche mit einer Stimme zu vertreten. Möge diese auch in Zukunft Gehör finden.“ – Dr. Sven Spork, Bereichsvorstand Corporate Affairs der Rewe Group und Vizepräsident des HDE

„Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in der Festrede dieser dem Anlass angemessenen Veranstaltung die Bedeutung des Handels als einem der wichtigsten Arbeitgeber des Landes hervor­gehoben. Ich wünsche dem HDE zum 100-jährigen Jubi­läum, dass er seine Mitglieder auf die extrem schnellen Ver­änderungen in der Branche vorbereitet – und einen weiterhin starken Zusammenhalt.“ – Lovro Mandac, Wirtschaftsmanager und ehemaliger Chef von Galeria Kaufhof

Willen des Handels abbilden

„Die Branche steht immer im Mittelpunkt und unter Beobachtung“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth, sie müsse flexibel auf den steten Wandel reagieren und immer am Puls der technologischen Entwicklung sein. „Das ist eine Chance, aber auch eine Herausforderung“, so Genth. Je mehr Kaufleute sich offen in die Arbeit des HDE einbrächten, desto besser könne der Verband den Willen des Handels abbilden.

Heinrich Grünfelds Geschäft wurde ihm im Zuge der „Arisierung“ jüdischen Besitzes 1933 von den Nazis entrissen. Es ist ein Höhepunkt des Abends, als Josef Sanktjohanser Roe Jasen, die Großnichte Grünfelds und Enkeltochter von Hertie-Gründervater Oscar Tietz, begrüßt. Roe Jasen ist 90 Jahre alt und auf Einladung des HDE eigens aus New York angereist. „In Erinnerung an unseren visionären Gründer möchten wir künftig den Heinrich-Grünfeld-Preis des deutschen Handels an herausragende Persönlichkeiten oder Institutionen verleihen, die sich in besonderer Weise um den Einzelhandel und sein Ansehen in der Gesellschaft verdient gemacht haben“, kündigt der HDE-Präsident an.

„Mit zunehmendem Alter reagiere ich allergisch auf ­plakative Überschriften. Der HDE hat unter der Führung von Präsident Josef Sanktjohanser und Hauptgeschäfts­führer Stefan Genth eine sehr konkrete Handschrift angenommen, die sich darin ausdrückt, Themen pointiert aufzunehmen und integrativ weiterzuentwickeln. Ich wünsche dem HDE, dass es ihm gelingt, Silodenken, wie es einigen politischen Akteuren eigen ist, weiterhin zu vermeiden und stattdessen Schnittstellen zu öffnen.“ – Professor Timm Homann, CEO der Ernsting's family Unternehmensgruppe und Vizepräsident des HDE

„Wir brauchen in Zukunft noch mehr Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und dem Handel. Nur durch Kooperation erhalten wir Zugriff auf Daten aus den Unternehmen, um neue Erkenntnisse bereitstellen zu können.“ – Professor Werner Reinartz, Professor für Marketing an der Universität zu Köln und Direktor der IFH-Fördergesellschaft

Gratulanten im HDE-Präsidium

Noch vor dem Festakt im Deutschen Historischen Museum zu Berlin begrüßte der HDE in seiner Präsidiumssitzung zwei prominente Vertreter der Bundesregierung: Olaf Scholz, Vizekanzler und Finanzminister (SPD), sowie Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie (CDU), machten dem Handelsverband zu seinem 100. Geburtstag ihre Aufwartung und gratulierten zum Jubiläum.

Schlagworte: Handelsverband Deutschland, Handelsverband, Jubiläum

Kommentare

Ihr Kommentar