Anzeige

Revolution am Check-out

Bezahlen, ohne Schlange zu stehen: ein Kundentraum, den einige Start-ups mithilfe elektronischer Tags und bargeldloser Bezahlsysteme gerade wahr werden lassen. Doch trotz erfolgreicher Pilotprojekte verharrt der Einzelhandel in der Warteschleife. Warum eigentlich?

Von Pascal Fynn 16.07.2019

© Getty Images/DjelicS

Mobiles Bezahlen ist in Ländern wie China längst Usus.

Längst gibt es in China voll automatisierte Supermärkte, in denen Kunden rund um die Uhr einkaufen können. Barcode- und Gesichtsscanner ersetzen das Kassenterminal. Kein Kassenband, keine Warteschlangen. Bezahlt wird über die mobile App auf dem Smartphone. Den großen asiatischen Plattformen Alibaba und Tencent ist bereits gelungen, wovon viele in der westlichen Hemisphäre noch lange vergeblich träumen werden: ein All-in-one-Serviceangebot, ohne das sich die Kunden ihr Leben schlicht nicht mehr vorstellen wollen.

Vom morgendlichen Wecken über den täglichen Einkauf bis hin zu Kochrezepten fürs Abendessen vereinen Apps wie Wechat alles in einer Anwendung. Sogar Kreditvergaben und Autoverkäufe lassen sich über das Mobiltelefon abwickeln. Hohe User- und Umsatzzahlen bestätigen den Erfolg des Konzepts. Auch Amazon Go könnte in den USA bereits 2021 ein 4-Milliarden-Dollar-Geschäft sein, schätzen die Analysten von RBC Capital Markets. Worauf also wartet der Handel in Deutschland?

„Grundsätzlich ist ein Vergleich asiatischer Märkte mit Europa schwierig“, erklärt Ulrich Spaan, Mitglied der Geschäftsleitung des EHI Retail Institute. „Das Konsumentenverhalten in China unterscheidet sich insbesondere in Bezug auf die Smartphonenutzung deutlich von dem der europäischen Konsumenten. Mobiles Bezahlen beispielsweise ist in China seit Langem Usus, in den meisten europäischen Ländern hingegen bisher kaum verbreitet.“

Das wird sich ändern: Vorreiter ist Globus aus dem Saarland. Seit 2007 erforscht das Innovative Retail Lab, ein Labor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, in der Zentrale der Globus SB-Warenhaus Holding in St. Wendel, was Kunden wollen. Scan&Go, eine Mischung aus dem Self-Scan der Waren während des Einkaufs und Self-Check-out, ist in den mehr als 150 SB-Warenhäusern, Bau- und Elektrofachmärkten längst Standard. Natürlich wird mit Bluepay auch die Bezahlung per Smartphone akzeptiert.

 

Diebstahlkontrolle schwierig

Solche Mischprojekte sind nach Ansicht von Spaan das vielversprechendste Konzept: „In bestimmten Branchen, etwa bei Convenience Stores,​ kann ich mir gut vorstellen, dass diese sich in den kommenden Jahren etablieren werden.“ Er verweist auf das Projekt Scan&Go von Albert Heijn in den Niederlanden. Doch die ersten Piloten offenbaren nicht nur die Chancen, sondern auch die Probleme: Für die Kooperation mit dem britischen Self-Check-out-Start­up MishiPay in Hamburg bot Saturn etwa nur günstige Mitnahmeprodukte an. Der Grund: Wenn Kunden die Barcodes der Produkte selbstständig scannen und gleich auf dem Smartphone bezahlen, wird es logistisch sehr schwierig, jeden Einzelnen auf Ladendiebstahl hin zu kontrollieren.

Eine Lösung bietet das Münchner Start-up Rapitag, das ebenfalls zum Inkubator Retail Techhub der MediaMarktSaturn Retail Group zählt. Die Besonderheit der Self-Scan-Preistags sind die integrierten Warensicherungsspinnen. Diese können per Bluetooth nach Bezahlung entsichert werden und eignen sich vor allem für höherpreisige Waren. Vor allem auch deshalb, weil die Tags selbst teuer sind – wenn auch günstiger als etwa ein komplett mit Sensoren und Kameras ausgestatteter AmazonGo-Store.

Akzeptanz bleibt abzuwarten

Und wie sieht die Zukunft mobiler bargeldloser Bezahlsysteme in Deutschland aus? Martin Wild, Chief Innovation Officer der MediaMarktSaturn Retail Group, ist sich sicher, dass das „Smartphone als Fernbedienung des Lebens zukünftig noch stärker zum Bezahlen genutzt wird“. Nach den erfolgreichen Pilotprojekten mit MishiPay und Rapitag hat der Elektrofachmarkt mit Saturn Smartpay im Saturn Hamburg Altstadt das erste kassenlose Projekt auf der gesamten Fläche eines bestehenden Marktes eingeführt. An stark frequentierten Tagen werden aktuell bis zu 100 Smartpay-Bezahlvorgänge über das Mobiltelefon abgewickelt.

EHI-Experte Ulrich Spaan bleibt gleichwohl skeptisch: „Momentan ist die Frage noch nicht beantwortet, ob der kassenlose Store überhaupt ein wirtschaftlich tragfähiges und vom Konsumenten akzeptiertes Geschäftsmodell ist. Ich kann mir vorstellen, dass wir in den kommenden Jahren den ein oder anderen Pilotversuch sehen werden, sicher aber keine flächendeckende Ausbreitung.“

Drei Start-ups, die den mobilen Check-out aufs Smartphone bringen 

Plug&Play-Lösung für kleine Händler

Scansation hat eine Schnittstelle entwickelt, um mobiles Shoppen an bestehende Kassensysteme anzubinden. Kernprodukt ist eine App, über die Kunden Shoppinglisten anlegen und teilnehmende Händler auswählen, um dann ihre Einkäufe via Barcode scannen zu können. Der Clou ist, dass nach dem Abfotografieren des vollen Einkaufswagens ein weiterer QR-Code erzeugt wird, der beim Check-out per Scan auf das bestehende Kassen­system übertragen wird. Lästige Wartezeiten, die beim Scannen der einzelnen Produkte direkt an der Kasse entstehen, entfallen. Bezahlt wird dann wie gewohnt. Für die Technologie erhielt Scansation den Top Supplier Retail Award 2018. Im Prechtl Markt in Bad Feilnbach ist Scansation bereits im Einsatz. „Momentan arbeiten wir daran, noch mehr Anbindungen an existierende Kassen mit einer Plug&Play-Lösung zu unterstützen“, erklärt Gründer Andreas Klett. Dies sei vor allem für kleinere, innovative Händler sehr interessant. Ansonsten ist Scansation auf der Suche nach weiteren Partnern. „Die Technik ist für einen breiteren Einsatz bereit.“

scansation.de

Self-Check-out mit IoT-Diebstahlsicherung

Die Besonderheit von Rapitag ist die eingebaute IoT-Diebstahlsicherung. Damit revolutioniert das Münchner Start-up nicht nur den Bezahlprozess, sondern ermöglicht auch konsequent einen echten Self-Check-out. Das heißt, Kunden können nach dem Scannen, Bezahlen und Entsichern der Waren den Laden einfach verlassen. Sie müssen nicht, wie bei anderen mobilen Bezahlmethoden, vorher erneut an einem weiteren Bezahlkiosk warten. Kein Ladendetektiv muss die Taschen überprüfen. Der Kunde bezahlt via Kreditkarte oder PayPal, den Kassenbon erhält er per E-Mail. Sobald der Bezahlvorgang abgeschlossen ist, wird mittels Bluetooth ein digitaler Schlüssel versendet, der die Sicherheits-Tags automatisch öffnet. Nach ersten erfolgreichen Pilotprojekten mit Saturn und MediaMarkt will Rapitag nun den US-Markt für sich erschließen. Den Audience Choice Award der Handelsmesse Shoptalk in Las Vegas 2019 hat das Start-up bereits für sich kassiert.

rapitag.com

 

In-Store Onlinepayment ohne WLAN

Mit Snabble können Kunden Waren mit dem Smartphone scannen, online sicher bezahlen und mit den Einkäufen nach Hause gehen. In einigen Edeka- und Knauber-Filialen ist diese Zukunftsvision bereits Wirklichkeit. Das Bonner Start-up bietet sowohl eine marktübergreifende Lösung als auch eine auf die individuellen Bedürfnisse des Händlers zugeschnittene White-Label-App. Ein weiteres Plus ist, dass Kunden beim Starten der App Geschäfte in ihrer Nähe sehen. Da die Snabble-App Produktinformationen intern speichert, ist eine WLAN-Abdeckung im Geschäft nicht erforderlich. Updates der individuellen Händlerdaten erkennt die Software automatisch und lädt sie über Nacht herunter. Beim Retail Technology Award Europe 2019 wurde Snabble als Top Supplier Retail für Best Customer Experience ausgezeichnet. Patrick Queisler, Director of Product Management: „Für uns geht es in diesem Jahr vor allem um zwei Dinge: den vorhandenen Footprint weiter auszubauen und bei mindestens einem Händler einen flächendeckenden Roll-out über alle Filialen zu erreichen.“

snabble.io

Mehr erfahren

Sie wollen mehr zu den Themen bargeldloses Bezahlen und mobiler Self-Check-out erfahren?

Das Interview mit Horst Rüter, Leiter des Forschungsbereichs Zahlungs­systeme und Mitglied der Geschäftsleitung beim EHI Retail Institute, über mobiles Bezahlen und die Akzeptanz von NFC finden Sie unter: bit.ly/2K9b8cr

Das Interview mit Martin Wild, Chief Innovation Officer von MediaMarktSaturn, über das erste kassenlose Projekt der Retail Group auf der Fläche eines gesamten Marktes finden Sie unter: bit.ly/2VOsm1a

Schlagworte: Serie, Start-up, Bezahlsysteme

Kommentare

  • Dirk Baumgarten

    Snabble gibt es jetzt auch bei IKEA Frankfurt (seit 16.7. erstmal als zeitlich limitierten Test)
    Antworten
    17.07.2019, 07:41 Uhr
Ihr Kommentar