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Einfach das Erstbeste

Unleserliche Preise, ungeduldige ­Kunden, überfüllte Gänge: Für Menschen mit ­Sehbehinderung bedeutet Einkaufen oft schwierige Arbeit. Doch einige Händler ­beginnen, die Zielgruppe zu umwerben.

Von Martin Jahrfeld 02.05.2017

© SBZ; privat

Rot ist „still“, Grün heißt „medium“, Blau bedeutet „klassisch“. Wenn es ums Einkaufen geht, hat Angelika Ostrowski ihre eigene Farbenlehre. Das gesuchte Mineralwasser ist auf diese Weise schnell gefunden. Doch wenige Meter weiter am Kühlregal erweist sich das Erkennungssystem schon wieder als hinfällig: Ist das wirklich der Lieblingscamembert? Oder haben die nur die Verpackung verändert? Und der Biojoghurt? Der war doch immer direkt über der Frischmilch, steht jetzt aber offenbar woanders. Für die zierliche Frau aus Berlin enden solche Fragen in der Regel erst, wenn sie ihren Einkauf abgeschlossen hat. Was für andere Verbraucher Routine darstellt, bedeutet für Menschen wie Angelika Ostrowski eine immer wiederkehrende Herausforderung.

Die ehemalige Lehrerin ist seit ihrer Geburt sehbehindert, im Vergleich zu Menschen mit gesunden Augen verfügt sie über eine Sehkraft von nur dreißig Prozent. Das ermöglicht ihr zwar noch einen relativ selbstständigen Alltag ohne fremde Hilfe, lässt sie jedoch auch an Grenzen stoßen. Etwa vor dem Obst- und Gemüseregal, wo die Frischware für sie zwar gut zu erkennen ist, die knapp einen Meter dahinter hängende Preisschildleiste allerdings nicht mehr. Frau Ostrowski zückt ihr kleines Spezialfernrohr und nimmt die Zahlen ins Visier. Die Einzelpreise sind jetzt gut zu lesen, die Grundpreise links daneben aber bleiben undeutlich. „Preisvergleiche sind dadurch fast unmöglich. Wer sehbehindert ist, nimmt bisweilen der Einfachheit halber das Erstbeste und zahlt deshalb mitunter auch mehr“, sagt Frau Ostrowski.

Vor dem Kühlregal mit Fleisch und Wurst wird die Sache noch komplizierter. Die Kundin möchte wissen, wie groß der Fettanteil einer Schinkensorte ist. Sie nimmt ihr Smartphone, fotografiert die Verpackungsrückseite und zoomt das Foto auf eine Größe, die die Nährwertangaben lesbar erscheinen lässt. Das funktioniert gut, doch es kostet Zeit. Und Menschen, die im Supermarkt Zeit brauchen, stehen oft im Weg und behindern den Betrieb. Man könnte auch sagen: Sie stören. An diesem Tag, in einem Discounter nahe am Berliner Rathaus, ist das nicht anders. Die ohnehin engen Gänge sind dicht bestückt mit weihnachtlicher Aktionsware und verschweißten Paletten. Hinter Frau Ostrowski und ihrem Einkaufswagen bildet sich eine Schlange. Eine junge Frau zwängt sich wortlos zwischen sie und das Kühlregal und fischt sichtlich genervt eine Packung Lachs aus dem Sortiment. „Sagen Sie doch was, ich mache gern Platz, kann Sie aber von hinten nicht sehen“, sagt Frau Ostrowski freundlich – doch die junge Frau ist schon wieder verschwunden.

Wachsende Kundengruppe
Keine Frage: Einkaufsspaß sieht anders aus. Für Angelika Ostrowski bergen solche Erlebnisse nur deshalb keinen Schrecken, weil sie sich seit Kindestagen mit entsprechenden Verhaltensweisen und technischen Hilfsmitteln darauf eingestellt hat. Wer seine Sehkraft erst in späteren Jahren einbüßt, erlebt den Kontrollverlust im Alltag meist als Bedrohung, die bei wenigen Tätigkeiten so deutlich wird wie beim Einkauf: „Am schlimmsten im Supermarkt sind das ständige Umräumen und die im Weg stehende Aktionsware. Dadurch verlieren Sehbehinderte die Orientierung. Menschen wie wir mögen große Preisschilder und feste Regalplätze, an denen wir die gesuchten Produkte auch tatsächlich finden. Wer sehbehindert ist, benötigt vor allem Verlässlichkeit“, erklärt Frau Ostrowski. In kleinen, inhabergeführten Läden sei man als Sehbehinderter oft besser aufgehoben als im Markt einer Kette. Und wie wäre es mit einem freundlichen Mitarbeiter, der sich etwas Zeit nimmt und ein wenig assistiert? Frau Ostrowski ist skeptisch. „Leider ist in den Supermärkten Personal generell eher knapp, sodass man häufig niemanden findet“, sagt sie. Andererseits: Wünschen würden sie und ihre Mitstreiter sich einen derartigen Service schon.

Einige Händler gehen immerhin mit gutem Beispiel voran. Bei Galeria Kaufhof etwa können Sehbehinderte einen Einkaufsbegleiter im Voraus buchen. In rund 70 Filialen stehen eigens ausgebildete Mitarbeiter zur Verfügung. Um den kostenlosen Service nutzen zu können, vereinbart der Kunde telefonisch einen Termin und nennt spezielle Wünsche. Eine Mitarbeiterin holt den Kunden dann an dem verabredeten Standort ab und begleitet den Einkauf. Der Kaufhauskonzern war in Berlin Partner beim Aktionstag „Blickpunkt Auge“ des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV), in dem auch Angelika Ostrowski mitarbeitet. Dass derartige Angebote bald im Handel zum Standard werden könnten, wagt die engagierte Frau allerdings nicht zu hoffen: „Der Handel steht ja unter enormem Wettbewerbsdruck und die Margen sind gering. Dafür gibt es kein Personal“, vermutet sie.

Einzelhändler, die sich Einkaufserlebnis und Convenience auf die Fahnen geschrieben haben, hätten dennoch manchen Grund, sehbehinderte Menschen stärker zu umwerben. Die Kundengruppe wächst vor allem aufgrund des fortschreitenden demografischen Wandels. Laut DBSV-Schätzungen – genaue Zahlen existieren nicht – leben in Deutschland derzeit mehr als 800 000 Sehbehinderte und mehr als 400 000 Blinde.

Wie schwer es diese Menschen beim Einkaufen haben, wird ein letztes Mal an der Kasse deutlich: Als Frau Ostrowski ihren Einkauf mit Bargeld bezahlt, überreicht sie der Kassiererin die darin befindlichen Münzen. Das Erkennen der jeweiligen Münzwerte ist schon für ältere Menschen mit normalen Augen nicht immer ganz einfach. Das Bezahlen mit Karte stellt für sehbehinderte Verbraucher oft eine willkommene Alternative dar.

Schlagworte: Shopping, Barrierefreiheit, Blind

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