Die Ware leben: Für immer Punk

Für Christian Wolfert ist Einzelhandelskaufmann nicht nur ein toller Beruf, sondern auch die ideale Form der Selbstverwirklichung.

Von Martin Jahrfeld 03.11.2015

© privat

Profit ist nicht das Maß aller Dinge: Christian Wolfert geht es um ein Lebensgefühl.

Ein Ladenlokal wie das von Christian Wolfert würde man nicht unbedingt an einem Ort wie Weimar vermuten. Während Touristen in der thüringischen Kulturstadt zumeist auf den Spuren von Goethe, Schiller und Nietzsche unterwegs sind, zielt der 42-jährige auf ein Publikum, das nach Klassikern ganz anderer Art Ausschau hält: Fanartikel von Bands wie Motörhead und Black Sabbath, Frisierpomade für Punker und Rocker, Dickies-Hosen aus den USA oder Accessoires des US-Rockabilly-Labels Lucky 13. Mit seinem 100 Quadratmeter großen Geschäft im Zentrum der Stadt und dem beziehungsreichen Namen „Ungezogen“ hat Wolfert das Lebensgefühl früherer Jahre zum Beruf gemacht.

Aus Playmobil wurde Piercing

„Punk, Rock ‘n‘ Roll und Heavy Metal haben mich schon seit früher Jugend geprägt. Da lag es nahe, daraus ein Geschäft zu machen“, sagt der gebürtige Franke, der den Beruf des Einzelhandelskaufmanns in einem Spielwarengeschäft in Nürnberg erlernt hat. Aus Playmobil wurde irgendwann Piercing: Nachdem er mit seiner Frau ein solches Piercingstudio in Weimar eröffnet hatte, wuchs der Eindruck, dass die Kundschaft mehr will als Metallschmuck für den Körper. 2011 erweiterte er den Laden, der seitdem nicht nur Produkte und Service rund ums Piercing, sondern ein breites Sortiment für Punk, Rockabilly und Heavy Metal bereithält. Daneben bedient er auch kleinere Nischen: „Bei uns gibt es in jeder Ecke etwas zu entdecken. Ich liebe Nerd-Stuff. Wenn ein neuer Star Wars Film anläuft, habe ich das dazugehörige Merchandising als Erster“, sagt Wolfert.


„Punk, Rock ‘n‘ Roll und Heavy Metal haben mich schon seit früher Jugend geprägt. Da lag es nahe, daraus ein Geschäft zu machen.“

Christian Wolfert


Ist ein solches Geschäftskonzept in einer Stadt mit 65 000 Einwohnern abseits der Metropolen nicht heillos deplatziert? Offenbar nicht. Stadt und Region, so Wolfert, verfügen über ein buntscheckiges alternatives Milieu, zu dem in Weimar etwa ein besetztes Haus und ein Versandhandel für Metalmusik gehören. Doch auch viele auswärtige Schüler, die während ihrer Klassenfahrt die Stadt besuchen, sind froh, wenn sie sich in Wolferts Laden von deutscher Hochkultur erholen können. Im Laden selbst geht es gemütlich zu. „Bei uns läuft immer die Kaffeemaschine. Wir lieben es familiär“, so der Unternehmer. Ausnahmezustand herrscht hingegen, wenn in der Umgebung Thüringens größtes Metal-Festival ansteht. „Da bin ich natürlich dabei und der Laden wird für eine Woche geschlossen. Ohne Wenn und Aber. Das bin ich. Und ich bin froh, dass ich auf diese Weise leben kann“, erklärt der Händler.

Absage an das Onlinegeschäft

Trotz aller aus der Jugend geretteten Begeisterung für Musik und Milieu setzt Wolfert als Händler auf Professionalität: „Ich handle ausschließlich mit Sachen, die mich hinsichtlich Qualität, Preis-Leistungs-Verhältnis und Aussage auch wirklich überzeugen.“ Zum Sortiment zählen deshalb viele Fair-Trade-Produkte sowie von Hand gefertigte Designarbeiten. Aus dem Onlinegeschäft hat sich Wolfert hingegen nach einigen Jahren wieder verabschiedet. Preislich habe er im Netz ohnehin nicht konkurrieren können. Die Erfahrungen seien insgesamt nicht ermutigend gewesen. Dass er mit der Absage an das Onlinegeschäft auf Umsatz verzichtet, ist angesichts der guten Ertragslage des stationären Geschäfts jedoch nachrangig: „Der Profit ist nicht das Maß aller Dinge. Dazu sind wir im Herzen immer noch zu sehr Punks“, sagt Wolfert und lacht.


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