„Das Warenhaus war eine demokratische Institution“

Zum 100-jährigen Bestehen des HDE ­erscheint das Buch „Kaufen – Eine kleine Kultur­geschichte des modernen Einzelhandels in Deutschland“. Es erzählt deutsche ­Geschichte aus der Perspektive des Handels. Ein Interview mit Cornelia Dörries, die das etwas andere Jubiläumsbuch konzipiert hat.

Von 04.06.2019

© dpa Picture Alliance

Futuristisch: Bis in die 1970er-Jahre entwickeln sich die Handelswelten in Ost und West durchaus parallel, auch wenn Angebotsvielfalt und Architektur im Westen stärker zu glänzen vermochten.

Frau Dörries, Sie haben das Buch zum Jubiläum des Handelsverbandes Deutschland konzipiert. 100 Jahre Handel – welche Idee steckt hinter dem Buch?

Von Beginn an war uns klar, dass wir keine klassische Verbandschronik erstellen wollten. Denn bei solchen Annalen ist bereits vorher absehbar, dass niemand sie ernsthaft lesen wird. Und es ging ja auch nicht um einen Schraubenproduzenten, der sein 100-jähriges Bestehen feiert. Der Handel ist eine Branche, mit der fast ausnahmslos alle Menschen zu tun haben: Wer hier lebt, kauft ein – ist also immer auch Kunde des Einzelhandels. So entstand die Idee, die Geschichte des HDE durch eine sozialhistorische Brille zu betrachten.

Was haben Sie beim Blick durch diese Brille gesehen?

Beim Blick auf den Handel – die Orte, an denen er stattfindet, die Abläufe, die Technologien und wie sich das in den vergangenen 100 Jahren alles verändert hat – wird klar, dass sich mit einem Jahrhundert deutschen Einzelhandels die Geschichte des modernen Deutschlands erzählen lässt. Das Buch ist tatsächlich eine Kulturgeschichte, auch wenn die Darstellung keine rein akademische ist. Es ist unterhaltsam geschrieben, umfassend bebildert und eher kleinteilig angelegt. Doch jedes Kapitel beginnt mit einer wissenschaftlich stichhaltigen Einführung, die die jeweiligen politischen, sozialen, kulturellen und technologischen Entwicklungen erläutert und in einen Zusammenhang mit dem Handel stellt. Der Leser erfährt dadurch auch viel über die Geschichte des eigenen Landes.

Wie haben Sie den HDE als Herausgeber von diesem ambitionierten Projekt überzeugt?

Was wir vorgeschlagen haben, bedeutet ja erst einmal nur, dass ein Verband wie der HDE sich auf eine besondere Art feiert. Das Buch will nicht nur Menschen aus der eigenen Branche ansprechen, sondern sucht das große Publikum – was der Handel ja ohnehin stets machen muss. Insofern gab es schnell Zustimmung für das Projekt. Zu klären war allenfalls die Frage: Wie kriegt man das hin? Denn das Vorhaben ging ja weit über eine Geschichte des Verbands hinaus.

Die Gründung der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels 

Lange Zeit scheitern in Deutschland alle Bestrebungen, die heillose Zersplitterung in verschiedene Handels- und Kaufmannsverbände zu überwinden. Der 1888 gegründete Zentralverband kaufmännischer Verbände und Vereine Deutschlands zum Beispiel kann zwar hannoversche, sächsische, oberschlesische und thüringische Verbände integrieren und ab 1907 als Deutscher Zentralverband für Handel und Gewerbe auch Interessenvertretungen unter anderem aus Bayern, Baden und Rheinland-Westfalen einbinden, doch es gelingt ihm nicht, alle Einzelhandelsverbände zu vereinen.

Im Verlauf des Ersten Weltkriegs kommt es zu erheblichen staatlichen Eingriffen in die Warendistribution. Die Branche selbst scheitert mangels politischer Schlagkraft sogar daran, den Vertretern des Einzelhandels eine Position im Vorstand des Kriegsernährungsamtes zu verschaffen. Jeder Versuch einer Einigung wird mit der Gründung neuer Gegenverbände quittiert. Doch die politisch und gesellschaftlich unübersichtliche Lage nach Kriegsende erfordert auch vom Einzelhandel neue Impulse.

Am 19. November 1918 lädt der Vorsitzende des Verbandes Berliner Spezialgeschäfte, Heinrich Grünfeld, insgesamt 32 telefonisch erreichbare Repräsentanten der in Berlin ansässigen Handelsverbände ein, um die Lage zu erörtern. Die Beratung entwickelt eine solche Dynamik, dass die Vertreter spontan eine Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels ins Leben rufen. Am 19. März 1919 wird die endgültige Satzung der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels e. V. Berlin (HdE) von 41 großen Einzelhandelsverbänden angenommen. Erster Vorsitzender der HdE wird Heinrich Grünfeld.

In der Weimarer Republik kann sich die HdE als gemeinsame Stimme der Branche schnell etablieren. 1926 hat sie bereits 72 Mitglieder. Mit Beginn der 1930er-Jahre gehören ihr 80 Organisationen an, darunter fünf Reichsverbände, 46 Reichsfachverbände, 29 Landes-, Bezirks- oder Provinzialverbände sowie 44 öffentlich-rechtliche Berufsvertretungen des Handels.

Text: Nils Busch-Petersen

Gleichwohl dreht sich das Buch im Kern um die Historie des Einzelhandels. Wie ist es um die Quellenlage bestellt?

Entsprechendes Material ist überraschend gut verfügbar, auch wenn es kriegsbedingte Lücken gibt. Der HDE ist ja maßgeblich auf Bestreben vor allem jüdischer Unternehmer gegründet worden. Ich bin nicht sicher, ob viele Unterlagen aus der Gründungszeit während des NS-Regimes verschwunden sind oder ob sie durch Krieg und Zerstörung verloren gingen – das ließ sich nicht so genau herausfinden. Das Bundesarchiv musste jedenfalls für diese Zeit ganz viele Leerstellen melden. Sucht man intensiv, finden sich aber viele Informationen, oft auch außerhalb der großen Archive. Daran offenbart sich, wie präsent der Handel im Leben und auch in der Kultur tatsächlich ist. Alten Filmen oder Romanen beispielsweise dient das Warenhaus häufig als Schauplatz der Handlung. Es war in den 1920er-Jahren tatsächlich ein Sehnsuchtsort, verbunden mit Aufstiegsfantasien. Ein statistisch klar belegter häufiger Berufswunsch von Frauen war Verkäuferin im Warenhaus, am liebsten in der Herrenkonfektion. Das war, so die Fantasie, mit der Chance verbunden, einen reichen Unternehmer als potenziellen Ehemann kennenzulernen.

Wie viel Zeit hatten Sie für die Recherche?

Bereits 2017 habe ich angefangen, nach Material zu suchen und Anfragen zu stellen, um herauszufinden, ob das Projekt überhaupt zu realisieren ist. Viele Archive, etwa das der Konsumgenossenschaften, kannte ich zu Beginn selbst nicht. Ich habe viel gelesen und manchmal einfach die Verfasser jener Bücher angeschrieben, die gerade vor mir lagen, und gefragt, ob sie Interesse hätten, einen Beitrag beizusteuern.

Vor 100 Jahren hatte der Handel sicher noch nicht allzu viel mit dem Einzelhandel zu tun, wie wir ihn heute kennen …

Doch, eigentlich schon. Warenhäuser gab es schon im 19. Jahrhundert. Der Handel war im Grunde moderner als der Staat selbst; die politische Verfasstheit des Landes hinkte der wirtschaftlichen Entwicklung deutlich hinterher. Es gab noch strenge Klassengrenzen, die Warenhäuser aber standen allen offen. Dort gab es Dinge für Menschen mit weniger Geld, aber auch Waren für die, denen der Preis egal sein konnte. Die Preise standen an der Ware, niemand musste dort, wie sonst üblich, mit dem Verkäufer verhandeln. Und da man sogar ohne Geld reindurfte und es keinen Kaufzwang gab, sind die armen Leute vom Land einfach zum Gucken hineingegangen und haben dann vielleicht einer höheren Tochter dabei zugeschaut, wie sie Hüte anprobiert. Das Warenhaus war eine demokratische Institution und als Betriebsform auch prägend für alles, was danach kam. Die Aufteilung in verschiedene Abteilungen, wie wir sie heute kennen, gab es schon, wenn auch noch mit anderen Sortimenten. Und abseits der prachtvollen Einkaufsstraßen gab es andere Einkaufsformate wie Höker, Marktstände und fliegende Händler – eine faszinierende Parallelität.

Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten kam ein Bruch. Auch für den Handel?

Ich war häufig im Berliner Landesarchiv und habe alte Zeitungen angeschaut, vor allem die Inserate. Ich wollte wissen, wie Händler in der gleichgeschalteten NS-Zeit geworben haben, wie sich die „Arisierung“ im Alltag gezeigt hat. Da waren Anzeigen von großen Unternehmen dabei, die den Schulterschluss mit dem Regime suchten. Die haben sich ganz klar völkisch und antisemitisch positioniert. Im sogenannten Dritten Reich hat sich der Handel instrumentalisieren lassen und war ein williger Diener des Regimes. Die großen Handelsnamen der Nachkriegszeit sind oft Arisierungsgewinnler. Ganze Imperien hatten für ein Handgeld den Besitzer gewechselt. Mit diesem Wissen sieht man das Wirtschaftswunder mit etwas anderen Augen. Natürlich stellt sich die Frage, ob man dieses Kapitel ausgerechnet zum 100-jährigen Bestehen an die große Glocke hängen muss. Aber der HDE ist mit diesem Thema sehr offensiv umgegangen und hat gesagt: Das ist Teil unserer Geschichte. Der HDE hatte sich während der Nazizeit aufgelöst und war Teil des Machtapparats geworden. Nach dem Krieg hat er sich dann in Westdeutschland neu gegründet.

Wie unterschiedlich waren Handel und Konsum im geteilten Deutschland?

Da gab es überraschend viele Parallelen. Blendet man die Produktnamen aus, lässt sich auf Bildern aus den 1960er-Jahren kaum ein Unterschied festmachen. Die Betriebsformen waren im Osten genauso modern wie im Westen. Das war das Erbe der Vorkriegsentwicklung, die ja nirgends vollständig ausgelöscht worden war. Der Osten hat sich auf die gleiche Weise modernisiert wie der Westen: Es gab Warenhäuser, Supermärkte, Selbstbedienung und auch Versandhandel. Das gilt jedenfalls bis in die 1970er-Jahre, als sich in der DDR zeigte, dass moderner Handel im Widerspruch zu einer Plan- und Mangelwirtschaft steht. Andererseits gab es auch bestimmte Faktoren, die den Handel im Westen prägten, aber östlich der Mauer fehlten: So gab es etwa keine Einkaufszentren an Autobahnen, einfach, weil Autos Mangelware waren. Die Verfügbarkeit von Waren allgemein, die Qualität und Vielfalt der Produkte – all das blieb im Vergleich zum Westen immer weiter zurück. Auch die Entwicklung der Innenstädte stagnierte, viele Stadtzentren verfielen, was nach der Wende zu vielen Problemen führte. Das waren dann einfach keine attraktiven Einkaufsziele, da ist viel Kaufkraft an den Stadtrand abgewandert, wo nach 1990 rasch viele moderne Einkaufszentren entstanden. Eine fatale Dynamik.

Heute ist der Handel in kleineren Städten oder Randlagen oft kaum noch vor Ort vertreten. Folgt auf die alte Teilung von Ost und West eine neue zwischen Stadt und Land?

Eine Katastrophe ist die schlechte digitale Infrastruktur in den ländlichen Regionen. Die Menschen können zum Teil nicht mal online einkaufen, weil sie keinen vernünftigen Zugang zum Internet haben. Es war ein großer politischer Fehler, die Infrastruktur in ländlichen Regionen derart verkommen zu lassen, nicht nur im Hinblick auf den Breitbandausbau. Ich habe keine Ahnung, wie man das wieder aufholen will. Lässt man die Infrastruktur mit der Begründung weiter verfallen, dass dort sowieso kaum noch jemand lebt, wird sich die bisherige Entwicklung beschleunigen. Ob es dem Handel gelingt, als sozialräumlicher Akteur auf dem Land wieder eine Rolle zu spielen, hängt von seiner Fantasie und seinem Innovationsreichtum ab. Es gibt ja vielversprechende Modelle, Kooperationen mit Kommunen etwa. Sich vor Ort Verbündete zu suchen, ist sicher der richtige Ansatz. Die Digitalisierung wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Kaufen ­— Eine kleine Kulturgeschichte des modernen Einzelhandels in Deutschland

Gebunden, 200 Seiten

Callwey, 69,95 Euro

ISBN: 978-3-7667-2413-7

Schlagworte: Buchtipp, Einzelhandel, Handel

Kommentare

Ihr Kommentar