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Nachhaltigkeit

Der Preis des Konsums

Viele Lebensmittel müssten eigentlich deutlich teurer sein – würde man die bei der Produk­tion entstehenden Folgekosten für die Umwelt mit in den Verkaufspreis einfließen lassen. Im Auftrag von Penny haben Forscher der Universität Augsburg diese „wahren Kosten“ errechnet.

Von Ralf Kalscheur 19.10.2020

© Penny

Grüner Weg: Der Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt von Penny.

Ein durchsichtiges Bienenhotel steht am Rande des Parkplatzes von Pennys erstem Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt „Grüner Weg“ in Berlin-Spandau. Der 800 Quadratmeter große Standort dient dem Discounter der Rewe Group als Testfeld und Bühne: 20 in den verschiedenen Sortimentsbereichen situierte interaktive Stationen informieren Kunden und Kinder über Pennys in den vergangenen Jahren unternommene Schritte auf dem grünen Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Im Angebot sind etwa Eier aus Lieferketten, in denen keine männlichen Legehennen-Küken getötet werden, oder Obst- und Gemüsesorten mit Schönheitsmakeln. Wer sich beim Einkauf die Zeit nimmt, erfährt, wie Penny den Verpackungsmüll weiter reduzieren will oder wofür die hauseigenen Gütesiegel stehen. Doch was müssten Lebensmittel eigentlich kosten, wenn ihre ökologischen Auswirkungen entlang der Lieferkette mit in den Verkaufspreis einflössen?

Es ist Penny anzurechnen, dieser Frage öffentlichkeitswirksam nachzugehen. Die Lebensmitteldiscounter in Deutschland unterbieten sich mit immer neuen Sonderangeboten, um auf dem besonders umkämpften heimischen Markt keine Anteile zu verlieren. Der Preiswettkampf der Erzeuger und Produzenten wird nicht zuletzt auf dem Rücken häufig osteuropäischer Leiharbeiter ausgetragen. Während die auf Ertragssteigerung ausgerichtete Intensivlandwirtschaft laut Umweltbundesamt noch vor der Industrie auf Platz zwei der Hauptemittenten von Klimagasen (Platz eins: Energiebereich) steht, sinkt die Akzeptanz vieler, vor allem besser situierter Menschen für billige Lebensmittel.

Unterm Strich zahlt die Gesellschaft

„Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems“, räumt Stefan Magel, Bereichsvorstand Handel Deutschland der Rewe Group und COO des Tochterunternehmens Penny, offen ein. Um Denkanstöße zu geben und ein „Teil der Lösung“ zu werden, beauftragte der Discounter Wissenschaftler der Universität Augsburg damit, die wahren Kosten von 16 Eigenmarkenprodukten – acht Bioprodukte und acht konventionell hergestellte – zu errechnen. Die Forscher hatten sich bereits vor zwei Jahren in einer ähnlichen Forschungsarbeit mit den wahren Kosten für Lebensmittel beschäftigt. „Wir müssen dahin kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen. Nur so können Kunden am Regal objektiv entscheiden“, so Magel.

„Bei der Herstellung von Lebensmitteln fallen versteckte Kosten an, die nicht in den Verkaufspreis einfließen, jedoch indirekt von der Gesamtgesellschaft getragen werden“, erklärt Dr. Tobias Gaugler, Wirtschaftsinformatiker am „Institut für Materials Resource Management“ an der Universität Augsburg. „In die ‚wahren Kosten‘ werden auch die in Geldeinheiten umgerechneten Kosten der Umweltfolgen von Stickstoff- und Klimagasemissionen, Energieerzeugung und Landnutzungsänderung mit eingerechnet.“ So bezahlen Verbraucher beispielsweise mit ihrer Wasserrechnung für die Aufbereitung von Trinkwasser, das mit Düngemitteln belastet ist. Die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft belasten Verbraucher mit dem Klimawandel und dessen Auswirkungen.

Lob vom Bundesverband Naturkost

500 Gramm gemischtes Hackfleisch aus konventioneller Herstellung müssten demnach nicht 2,79 Euro, sondern 7,62 Euro kosten. Das entspricht einer Preissteigerung von 173 Prozent. Biofleisch würde sich, eingerechnet der versteckten Kosten, um 126 Prozent verteuern. Konventionelle Milch kostete 122 Prozent mehr, Gouda 88 Prozent. Bei den entsprechenden Bioprodukten betrügen die Preissteigerungen 69 respektive 33 Prozent. Auf den Preisschildern der ausgewiesenen 16 Eigenmarkenprodukte weist Penny den tatsächlichen Verkaufspreis neben dem wahren Preis inklusive der Konsumfolgekosten aus. An der Kasse aber müssen die Kunden lediglich den normalen Verkaufspreis entrichten.

Weitere wichtige Treiber von Umwelt- und sozialen Folgekosten, wie etwa multiresistente Keime infolge von Massentierhaltung oder die Arbeitsbedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie, konnten die Wissenschaftler aufgrund mangelnder Datengrundlage nicht mit in die Berechnung einbeziehen. „Die Preissteigerungen wären sonst noch deutlich höher ausgefallen“, betont Gaugler. An dem Ergebnis, dass mit Fleisch- und Tierprodukten verhältnismäßig höhere Folgekosten verbunden sind als mit pflanzlichen Produkten und dass Bioware in dieser Bilanzierung besser abschneidet als konventionelle, ändere die Einbeziehung von mehr als vier Parametern jedoch nichts.

„Prima, dass Penny das transparent gemacht hat“, lobt Kathrin Jäckel, Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren, die Aktion. „Solange die Umweltfolgekosten nicht ein obligatorischer Bestandteil der Lebensmittelpreise sind, können weder Erzeuger noch Hersteller noch Kunden die richtigen Entscheidungen treffen.“ Doch es ist fraglich, ob sich Pennys Kunden durch die interaktiven Stationen und die doppelten Preisauszeichnungen in ihrem Kaufverhalten beeinflussen lassen. Deutsche Verbraucher gelten als besonders preissensibel.

Test mit ungewissem Ausgang

„Das ist ein Test. Wir werden in den kommenden Monaten sehen, ob sich ein solch komplexes Thema wie die ‚wahren Kosten‘ in den Einkaufsalltag integrieren lässt. Falls ja, werden wir die Anzahl der Produkte erhöhen“, kündigt Andreas Krämer, Pressesprecher der Rewe Group, an. Weitere Nachhaltigkeits-Erlebnismärkte zu eröffnen, sei allerdings derzeit nicht geplant. Wissenschaftler Gaugler hofft, dass das Pilotprojekt fortgeführt wird und nachhaltig Lenkungswirkung in der Branche entfaltet: „Wir werden der Rewe Group anbieten, Kunden im Markt von unseren Studenten befragen zu lassen, um die Erfolgsmessung des Tests zu unterstützen.“

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Penny, Lebensmitteleinzelhandel

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