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Interview

„Fielmann definiert den Brillenkauf neu“

Warum der reine Onlinevertrieb von Brillen ein Auslaufmodell ist und wie die NextGen die Transformation des Familiengeschäfts vorantreibt, erklärt Marc Fielmann, Vorstandsvorsitzender der Fielmann AG, im Interview.

Von Nadine Filko 10.01.2021

© Fielmann

Marc Fielmann, Vorstandsvorsitzender des gleichnamigen Augenoptik-Unternehmens.

Welche Bedeutung hat Transformation für Fielmann?

Beim aktuellen Stand der Technologie ist die Brille aus dem Internet nach wie vor ein Zufallsprodukt. Die Branchenentwicklung bestätigt die Strategie von Fielmann: Der reine Onlinevertrieb von Brillen ist ein Auslaufmodell, die Zukunft liegt im Omnichannel-Geschäftsmodell. Um den Online-Brillenkauf in Fielmann-Qualität zu ermöglichen, sind marktreife Technologien in drei Bereichen nötig: eine verlässliche 3D-Anprobe, eine millimetergenaue 3D-Anpassung und ein ausgereifter Online-Sehtest. Daran arbeiten wir. Unsere Plattform werden wir dann künftig sukzessive in alle Geschäftsfelder und Märkte ausrollen und anschließend auch externen Partnern zur Verfügung stellen.

Wie gestaltet sich die Transformation im stationären Geschäft?

Unser Omnichannel-Einkaufserlebnis kann der Kunde in unserem Flagship-Store in der Mönckebergstraße in Hamburg erleben. Dort nutzen wir Augmented Reality, können dank RFID-Technologie Brillen sekundenschnell finden und unsere Fielmann Focus Technologie, die eine 3D-Anpassung ermöglicht, kommt hier zum Einsatz. Aber auch Firmenkunden profitieren von unserem Ansatz. Wir beraten nicht nur zu Arbeitsplatz- und Schutzbrillen, sondern bieten als Erster am Markt eine Full-Service-Lösung rund um Smart Glasses an. Um das alles zu ermöglichen, gehen wir auch Kooperationen mit externen Partnern ein. In den vergangenen Jahren haben wir beispielsweise in FittingBox, den heutigen Weltmarktführer im Bereich Augmented Reality für Brillen und Ubimax, das führende Unternehmen im Bereich Enterprise Wearables, also Smart Glasses investiert.

Wie werden solche Kooperationen bei Fielmann umgesetzt und gesteuert?

Insbesondere über unsere Forschungs- und Innovationseinheit, die Fielmann Ventures. Hat eine Technologie disruptives Potenzial, ist aber noch nicht ausgereift oder verfügbar, entwickelt die Fielmann Ventures selbstständig Lösungen. Wir arbeiten dabei mit führenden Forschungseinrichtungen, innovationsstarken Start-ups und Technologieunternehmen zusammen. Alle Partner profitieren gleichermaßen von komplementären Kompetenzen und Netzwerkeffekten, die die Vorlaufkosten reduzieren und das Ergebnis im Sinne der Kunden und des Marktes verbessern. Stößt die Fielmann Ventures im Zuge ihrer Forschungen auf bereits vielversprechende Ansätze im Markt, sind sowohl strategische Partnerschaften als auch Investitionen denkbar. Als strategischer Investor bieten wir nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Marktexpertise, gepaart mit fachspezifischem Know-how.

Wie wichtig ist neben den externen Kooperationen die interne Zusammenarbeit der Generationen für die Transformation?

Mein Vater und ich haben in strategischen Fragestellungen intensiv diskutiert, waren uns am Ende aber immer einig. Das erleichtert die transformative Arbeit. Wichtig ist, den Fokus nicht zu verlieren: Fielmann erfüllt Kundenwünsche, ohne Kompromisse bei der Qualität zu machen. Darin waren und sind mein Vater und ich uns zu 100 Prozent einig. Darum vertreiben wir keine Brillen im Versand, sondern denken weiter: Wir arbeiten am Online-Brillenkauf in Fielmann-Qualität. Durch die 50 Jahre Altersunterschied haben wir in den acht gemeinsamen Jahren der Zusammenarbeit Erfahrung mit Innovation verbunden. Deshalb gibt es heute die Fielmann Ventures und Fielmann Italia. Unsere Kunden stammen zudem aus allen Altersgruppen. Insofern waren die 50 Jahre Altersunterschied zwischen meinem Vater und mir ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Wir kennen die Bedürfnisse von Generationen, den Vorteil haben unsere Kunden.

Welche Vorteile sind das?

Fielmann definiert den Brillenkauf neu. Das Ergebnis ist kein traditioneller Onlineshop, sondern eine völlig neue Technologie. Mit einer Kombination aus Online-Sehtest, 3D-Anprobe und 3D-Anpassung können Fielmann-Kunden bald online Messungen vornehmen lassen und Beratung erhalten, ohne auf die gewohnte Qualität verzichten zu müssen.

Was bedeutet das für die Entwicklung in den nächsten fünf Jahren?

Bei der rasanten Entwicklung von Technologien, halte ich es für sehr schwierig, länger als zwei Jahre in die Zukunft zu schauen. Wichtig ist, dass man die Entwicklungen regelmäßig neu bewertet und zwischen Mythen, Hype und echtem Mehrwert für die Kunden und die jeweilige Branche unterscheidet.

Haben Sie für andere Händler einen Tipp, wie es mit der Transformation klappt?

Eine Transformation erfordert viel Zeit und Ressourcen. Wenn es dafür nicht zu spät ist, muss man tatsächlich bereit sein, die Kultur des Unternehmens nachhaltig zu verändern. Das setzt voraus, dass man die Digitalisierung nicht als Risiko, sondern als Chance begreift und den Wandel entsprechend radikal gestaltet. Ansonsten verliert sich jede Transformation im Legacy-Teufelskreis aus bestehender Organisation und den darin etablierten Prozessen und Systemen.

Warum es für traditionelle Familienunternehmen wichtig ist, die digitale Transformation in Angriff zu nehmen und jungen Führungskräften der Next Generation Vertrauen zu schenken, lesen Sie hier. Ein Interview mit Dr. Anne Heider, Co-Direktorin am Wittener Institut für Familienunternehmen, finden Sie hier.

Schlagworte: Interview, Transformation, E-Commerce

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