Brücke in die digitale Welt

Lokale Onlineplattformen sollen dabei helfen, dem ­stationären Handel einen weiteren Vertriebskanal zu eröffnen. Wer davon profitieren will, muss viel Einsatz zeigen.

Von Iris Quirin 29.11.2016

© Mausklick Mediendesign Wuppertal

Der digitale Wandel erfasst alle Branchen, vor allem der Handel befindet sich im Umbruch. Große Internetplattformen, wie Amazon oder Zalando, machen den etablierten Fachhändlern das Leben zunehmend schwer. Einen Ausweg sehen viele darin, gemeinsam auf lokalen Onlineplattformen den Sprung in die digitale Welt zu wagen, ganz nach dem Motto: Alle für einen, einer für alle.

Ein Beispiel ist der lokale Onlinemarktplatz „Mönchengladbach bei Ebay“, der vor rund einem Jahr als Pilotprojekt gestartet wurde und eine überaus positive Zwischenbilanz ziehen konnte. Die Kaufleute vor Ort und im benachbarten Rheydt nutzten die Chance, unkompliziert in die Onlinewelt zu kommen. 79 Händler präsentieren ihr Sortiment auf der Plattform, das sogar aus dem Ausland geordert wird. Neben Österreich, Schweden, Italien und Frankreich interessierten sich Käufer in den USA, Neuseeland und Guadeloupe für die Waren aus Mönchengladbach. Nach Angaben von Ebay wurden bereits über 87 500 Artikel im Wert von mehr als 3,2 Millionen Euro verkauft.

Der Internetkonzern errechnet daraus für jeden teilnehmenden Händler ein durchschnittliches zusätzliches Jahresumsatzplus von rund 90.000 Euro. Der lokale Onlinemarktplatz soll jetzt nach Ende der Pilotphase fortgeführt werden – bis zum Jahresende ist der Auftritt für die Händler der ersten Stunde und bis zum Sommer nächsten Jahres auch für die Nachzügler kostenlos.

Das Gemeinschaftsprojekt der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach GmbH, der Hochschule Niederrhein und Ebay will „die Grenzen zwischen stationärem Handel und Internetshop auflösen und das lokale Shoppingerlebnis stärken“. Die Kunden können nach dem ROPO-Prinzip (Research online, Purchase offline) vorab im Internet stöbern, dann vorbeischauen oder aber ihre Waren online und mobil übers Smartphone unabhängig von den Ladenöffnungszeiten ordern.

Das Konzept ist ein Schritt in die richtige Richtung, darin sind sich die Experten einig, denn wer im Internet nicht zu finden ist, existiert für viele Kunden auch in der realen Welt nicht mehr. Und wer online präsent ist, wird auch lokal besser gefunden.

Belebung der City
Der Vorteil der räumlichen Nähe von lokalen Onlinemarktplätzen, wie Mönchengladbach bei Ebay, Online City Wuppertal (OCW) oder Yatego Local (siehe Kasten), ist, dass die online georderten Waren nach dem Click&Collect-System noch am selben Tag beim Händler abgeholt werden können. So soll die Kundschaft aus der Gegend über das Netz in den Laden gelotst und die Innenstädte sollen wieder belebt werden. Auch die Kunden schätzen die räumliche Nähe: Nach Studien des Instituts für Handelsforschung Köln (IFH) sehen sie den Vorteil darin, dass sie Informationen über stationäre Händler erhalten, die Verfügbarkeit der Produkte direkt überprüfen und dann nach dem ROPO-Prinzip vor Ort kaufen können.

Was die Händlerzufriedenheit betrifft, so haben das ECC Köln und Ebay zusammen die lokalen Onlinemarktplätze genauer unter die Lupe genommen und im ersten Jahresquartal 274 Händler befragt. Ergebnis: 64 Prozent der Befragten haben positive Erfahrungen mit diesem Konzept gemacht. „Händler schätzen vor allem den vergleichsweise einfachen Zugang zum Onlinehandel. Gerade für den mittelständischen Einzelhandel gilt es, abzuwägen, welche Investitionen wirklich sinnvoll sind, bevor Geld in eine eigene kostenintensive IT-Infrastruktur und ins Onlinemarketing gesteckt wird“, erklärt Kai Hudetz, Geschäftsführer des IFH Köln, das für das ECC Köln zuständig ist.

„Die Präsenz auf einem regionalen Marktplatz ist für uns der einzige Weg, uns gegen die großen Marktplätze zu behaupten. Wer das nicht tut, wird langfristig sterben“, ist Markus Kuhnke überzeugt. Der Inhaber des Wuppertaler Süßwarenladens „Naschkatzenparadies“ war der erste Teilnehmer, der seine Produkte beim OCW-Projekt online stellte. Das erforderte viel Einsatz, wie der Pionier berichtet: 100 Stunden in der Woche war er anfangs locker damit beschäftigt, seine Produkte zu fotografieren und online zu stellen. Für die Bearbeitung hat er sich selbst Photoshop beigebracht und er feilt sehr genau an den Texten.

Wer etwa heute „Lindt Wuppertal“ googelt, erhält ihn als ersten Treffer. „Das funktioniert mit allen meinen Marken“, weiß Kuhnke. Zurzeit bietet er rund 1 100 Produkte online an. Um die Suchmaschinenoptimierung kümmert sich beim Wuppertaler Projekt die Plattform Atalanda. „Allein könnte ich das alles gar nicht leisten. In der Händlergemeinschaft funktioniert das wunderbar“, sagt Kuhnke. Seine Mühe hat sich ausgezahlt: Im vergangenen Jahr verzeichnete er ein Umsatzplus von 10,7 Prozent. Allerdings basiert der Zuwachs nicht etwa auf dem Onlineverkauf, sondern auf Kunden, die aufgrund seiner digitalen Präsenz in den Laden kommen.

Präsenz allein reicht nicht
Auch im Süden Deutschlands gibt es Mut machende Beispiele: Im Oktober 2015 startete die Stadt Regensburg mit Yatego Local eine Digitalisierungsoffensive ihrer Altstadtgeschäfte. Jeder Händler wurde sorgfältig erfasst und erhielt eine digitale Visitenkarte im Netz. Gepflegt werden die einmal aufgenommenen Inhalte anschließend durch die Händler selbst. Dazu stellt Yatego Local ihnen die kostenfrei herunterladbare Händler-App mit Zugangscode zur Verfügung. Das Konzept und die Starthilfe kamen gut an. Doch der Erfolg der Plattform hängt auch hier entscheidend vom Engagement der Händler und von ihrem Sortiment ab.

Daniel Gassner, Inhaber des Geschenkartikelladens Rosenzeit in der Regensburger Altstadt, nutzt seit der Eröffnung im Oktober vergangenen Jahres Yatego Local. Zwar hat der Händler nur wenige Artikel online, doch sein Sortiment ist speziell und handverlesen: Alles dreht sich um Rosen, handgemacht und aus der Region, von Kulinarischem, wie Rosengelees, Rosenzucker und Rosenmispelmus, über Geschenk- bis zu Dekorationsartikeln. „Seither habe ich schon viele Stammkunden gewonnen, auch über die Regensburger Region hinaus“, so Gassner. Dafür bezahlt er monatlich rund 70 Euro.

Mit der Präsenz auf einer lokalen Plattform allein ist es aber nicht getan. Über den Erfolg entscheiden weitere Faktoren: Händler sollten ein Warensortiment mit mindestens 100 Produkten online haben, die Ware an den Kunden versenden können und ihnen Click&Collect anbieten. Wichtig ist vor allem die passende Software, denn ohne eine perfekte Synchronisation der Warenwirtschaftssysteme funktioniert die Verbindung zwischen on- und offline nur mäßig.

Die Software war einer der Wermutstropfen für Marlies Gottschalk vom Elektronikfachgeschäft Media@Home Gottschalk, eine der Teilnehmerinnen des Mönchengladbach-Projekts. „Uns war klar, dass wir einen Onlineshop betreiben sollten, wir wussten aber nicht recht, wie. Für uns war das Projekt ein guter Einstieg“, erklärt sie. Viele Kunden, die sich zuvor online orientierten und ihre Fragen stellten, kommen nun in den Laden, und das aus einem Umkreis von 30 Kilometern. Als Nachteil gegenüber einem eigenen Onlineshop empfindet sie, dass sie bestimmte Markenartikel nicht auf einer Plattform von Drittanbietern wie Ebay präsentieren darf. Click&Collect würde sie auch gerne anbieten. Gottschalk: „Doch dafür wäre eine neue Software notwendig, in die wir erst einmal nicht investieren möchten.“

Hadern mit Netzwerkproblemen
Dass eine lokale Plattform auch für Anbieter kein Selbstläufer ist, zeigt das Beispiel des Würzburger Onlinemarktplatzes Stylerella. Der Onlineshop lässt sich über eine App per Smartphone verwalten, die Händler benötigen nur einen Webbrowser. Ganz zeitgemäß hat Stylerella eine Communityfunktion integriert, über die sich Nutzer untereinander, mit Händlern und mit 40 Modebloggern über Trends und Neuigkeiten austauschen können. Doch die Händler zogen nicht mit.

„Entweder läuft es bei ihnen gut, dann sehen sie keinen Anlass, ihr Sortiment online zu präsentieren. Oder es läuft nicht gut, und sie kämpfen an anderen Fronten“, bedauert Geschäftsführer David Hirschfeld. „Wenn ein Geschäft nur 50 Produkte online stelle, fehle es am Angebot, um mehr Interessenten anzulocken. „Ein typisches Netzwerkproblem“, sagt Hirschfeld. Jetzt will er eine Kooperation mit einem Medienhaus anstoßen, um von dessen Reichweite zu profitieren.

Inzwischen hat Mönchengladbach eine Nachfolgestadt gefunden. Diepholz hat den von Ebay und vom Handelsverband Deutschland (HDE) ausgerufenen Städtewettstreit „Die digitale Innenstadt“ gewonnen. Die teilnehmenden Händler bei „Diepholz bei Ebay“ erhalten einen kostenlosen Basisshop bei Ebay sowie kostenloses WLAN in den Ladengeschäften. Die potenzielle Reichweite für die Händler: 17 Millionen aktive Käufer in Deutschland und rund 162 Millionen weltweit.

Gemeinsamer Auftritt
Lokale Shoppingplattformen arbeiten meist mit Städten, Handels­verbänden, Medienhäusern oder Wirtschaftsinitiativen zusammen.

Yatego Local
Die Plattform ermöglicht lokalen Gewerbetreibenden ohne Einstiegshürden den Eintritt in die digitale Welt und sorgt für die Suchmaschinenoptimierung. Kooperationspartner sind Verlage und Medienhäuser, sodass die teilnehmenden Händler noch mehr Aufmerksamkeit erhalten.
Zielgruppe: Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsunternehmen
Städte: Regensburg, Landshut, Ingolstadt, Aschaffenburg, Fürstenfeldbruck, Fulda, Witten
Kosten: bis zu 69,90 Euro/Monat
www.yategolocal.com

Atalanda
Einwohner einer Stadt kaufen über die Plattform bei ihren lokalen Händlern online ein – die Ware wird entweder am selben Tag geliefert (Same-Day-Delivery) oder der Kunde holt sie im Laden ab (Click&Collect). Atalanda stellt die Plattform für die Warenauslage zur Verfügung, kümmert sich auch um die Logistik sowie die Zahlungsabwicklung und sorgt für ein gutes Suchmaschinenranking.
Zielgruppe: lokale Einzelhändler, Onlinehändler mit bereits vorhandenen wie auch die ohne stationäre Geschäfte
Städte: Attendorn, Göppingen, Heilbronn, Wolfenbüttel, Wuppertal
Kosten: ab 20 Euro/Monat plus acht Prozent des Warennettowerts beim Onlinekauf
www.atalanda.de

Ebay
Zusammen mit der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach und dem eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein hat Ebay im vergangenen Jahr das Pilotprojekt „Mönchengladbach bei Ebay“ gestartet, bei dem Einzelhändler über die Plattform ihre Produkte vorstellen und verkaufen. Das Projekt war erfolgreich, und mittlerweile gibt es sogar Nachahmer, etwa Diepholz mit dem vom HDE geförderten Projekt „Die digitale Innenstadt“.
Kosten: Basisshop nach der Testphase: 300 Euro/Jahr, acht Prozent des Umsatzes beim Onlinekauf
www.ebay.de/rpp/mg

Stylerella
Stylerella versammelt lokale Geschäfte und ihr Angebot, bietet eine ortsbasierte Suchfunktion und hat ein soziales Netzwerk integriert. Über eine Communityfunktion können sich Nutzer untereinander, mit Händlern und mit Modebloggern über aktuelle Trends und Neuigkeiten aus der Modeszene austauschen.
Städte: Würzburg, München, Bad Kissingen
Kosten: zehn Prozent des Umsatzes beim Onlinekauf
www.stylerella.de

Schlagworte: Wuppertal, Multichannel, Onlinemarktplätze, Mönchengladbach, Lokale Händler

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