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Interview

„Die Nextgen steht vor einem Dilemma“

Wie der familiengeführte Handel den Generationswechsel vorbereiten sollte, um die digitale Transformation zu bewältigen und welche Rolle die Nextgen für erfolgreiche Kooperationen spielt, verrät Dr. Anne Heider, Co-Direktorin am Wittener Institut für Familienunternehmen.

Von Nadine Filko 10.01.2021

© Wittener Institut für Familienunternehmen

Dr. Anne Heider ist Co-Direktorin am Wittener Institut für Familienunternehmen.

Kooperation und Transformation zählen zu den großen ökonomischen Konzepten unserer Zeit. Wie gehören sie zusammen?

Viele Potenziale, die von neuen Technologien, Geschäftsmodellen und der Digitalisierung ausgehen, ergeben sich aus Kooperationen mit Unternehmen wie Start-ups. Sie sind eine wichtige Quelle des Wandels, die Händler nutzen müssen, da sie unter einem enormen Digitalisierungsdruck stehen. Handelsunternehmen sehen sich nicht nur der Disruption der Wertschöpfungsketten durch den Onlinehandel ausgesetzt. Die Weiterentwicklung und damit einhergehende Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz oder Informationstechnik zwingt sie dazu, umzudenken und sich entsprechende Fähigkeiten anzueignen – unter anderem durch Kooperationen. Unsere aktuelle Praxisstudie zum Thema „Kooperationen zwischen Start-ups und Familienunternehmen“ zeigt welche Faktoren eine Zusammenarbeit positiv beeinflussen können.

Warum Familienunternehmen?

Familienunternehmen stellen einen besonderen Fall im Kontext der digitalen Transformation dar. Denn die Umsetzung und Ausprägung transformativer Faktoren hängt von der digitalen Offenheit und Umsetzungsbereitschaft der Meinungsführer innerhalb der Unternehmerfamilie ab. Handelt es sich dabei um Vertreter der Aufsichtsgremien dominierenden Senior-Generation, sind strukturelle Probleme vorprogrammiert. Sie stehen der Digitalisierungsdynamik oft eher kritisch gegenüber und ordnen sie als eine vorübergehende Modeerscheinung ein. Der Grad der digitalen Offenheit ist demnach mit einzelnen Ausnahmen gerade bei Mitgliedern dieser Generation meist geringer ausgeprägt als bei Vertretern der Nachfolgegeneration.

Ein Generationswechsel kann also Treiber digitaler Transformation sein?

Die NextGen ist gleichzeitig Treiber und Nutznießer der technologischen Entwicklungen. Die Digitalisierungsdynamiken unserer Zeit geben der Nachfolgegeneration eine Möglichkeit, sich einzubringen. Dabei bietet es sich insbesondere bei der operativ tätigen Unternehmerfamilie an, die Vorbereitung der Nachfolgegeneration digitalisierungsaffin zu gestalten. Die Nextgen steht hier allerdings vor einem Dilemma: Sie kann die Digitalisierung und damit zukunftsweisende Neuausrichtung des Unternehmens durch die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle einerseits vorantreiben, ist aber andererseits in ihrem Einfluss eingeschränkt, wenn es um die hierzu erforderlichen Entscheidungen und Investitionen geht. Diese Grundkonstellation kann zu fundamentalen Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die zukunftsfähige Ausrichtung des Unternehmens führen. Sind die Verantwortlichkeiten innerhalb der Eigentümerfamilie nicht geklärt, ergibt sich ein Spannungsfeld. Eine Auswirkung des sogenannten Familienfaktors.

Können Sie das ausführen?

Eine zu starke Einbindung der Mitglieder der Eigentümerfamilie macht ihr Agieren unberechenbar. Es wird von den familieninternen Emotionen geprägt. Nehmen wir das Beispiel der Entscheidungsstruktur. Wird sie von einer einzigen Person bestimmt, wird sie als herausfordernd beschrieben. Denn bereits getroffene Entscheidungen werden oftmals ganz einfach nachträglich revidiert. Dabei werden dem Kooperationspartner die Beweggründe nicht angemessen erläutert, was als unberechenbar empfunden wird. Dies kann vor allem bei gemeinsamen Produktentwicklungen zu Spannungen in der Zusammenarbeit führen. Hinzu kommt, dass sich Start-ups durch eine Unternehmenskultur auszeichnen, die durch das ständige Suchen nach neuen Möglichkeiten geprägt ist. Kreativität und Innovation werden gefordert, gefördert und belohnt. Demgegenüber zeichnen sich Familienunternehmen durch Tradition, Bewährtes, langjährige Erfahrungen und Routinen aus.

Wie können diese Spannungsfelder abgebaut werden?

Die Etablierung eines gegenseitigen Verständnisses durch Offenheit und Verlässlichkeit ist für das Eingehen einer Kooperation elementar und funktioniert häufig nur durch die Zusammenarbeit mit der Nextgen. Die Schnittmenge der beiderseitigen Interessen bestimmt dabei die Form und Intensität der Zusammenarbeit. Familienunternehmen sollten weg davon, jahrelang bei der Nextgen in den Aufbau von Führungserfahrungen in Fremdorganisationen zu investieren. Stattdessen sollten sie die Gründung oder Mitarbeit in einem Start-up kennenlernen. Das ist im Digitalisierungskontext eine gute Vorbereitung für die Führungsaufgabe der Zukunft. Die Zugehörigkeit und der Netzwerkaufbau in der Digital Community stellen wesentliche Einflussfaktoren zur Sammlung von praktischen Digitalisierungserfahrungen innerhalb der Nachfolgegeneration dar. Durch dieses Vorgehen wird das agile Denken von Start-ups in der nächsten Generation erlernt und zur familieninternen Disruptionskompetenz.

Wenn die Nextgen dann am Zug ist, wie kann sie langfristig erfolgreich bestehen?

Sie muss den Kunden ins Zentrum der zukünftigen Entwicklungsaktivitäten stellen und die bisherigen Prozesse auf ihn ausrichten. Dabei braucht sie das Bewusstsein darüber, dass wir weg vom klassischen Produktanbieter und hin zum Serviceanbieter gehen, der omnichannel arbeitet. Die Nextgen muss die Filialen in diesem Kontext intelligent nutzen, indem sie den Kunden ein differenziertes Produkt- und Serviceangebot bietet. Kundenfeedback sollte hier als Ausgangspunkt für Innovation und Anlass zur Weiterentwicklung gesehen werden. Produkte und Services sollten neu gedacht werden und ein agiles Management die notwendige digitale Kultur in die bisherigen Strukturen übersetzen. Agile Projekt- und Führungsstrukturen sowie eine Fehlerkultur sind letztlich hilfreich, um die echten Kundenbedürfnisse zu erkennen und dann auch zu befriedigen.

Warum es für traditionelle Familienunternehmen wichtig ist, die digitale Transformation in Angriff zu nehmen und jungen Führungskräften der Next Generation Vertrauen zu schenken, lesen Sie hier. Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzender der Fielmann AG zum Thema finden Sie hier.

Schlagworte: Transformation, Interview

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