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Verkaufswagen

Der Laden rollt

Verkaufswagen haben eine lange Tradition bei der Versorgung der ­Menschen. Vor allem da, wo der herkömmliche Einzelhandel sich zurückzieht, stoßen die mobilen Verkaufsstellen noch heute in die Lücke.

Von Marvin Brendel 09.02.2021

© Bofrost

Nahversorger auf vier Rädern: Zum 50. Jubiläum organisiert Bofrost 2016 eine Rallye alter Lieferfahrzeuge am Niederrhein.

Schon früh ziehen die ersten Händler mit ihren Waren umher. Ein bekanntes Beispiel aus dem Mittelalter sind die von Haus zu Haus gehenden Hausierer. Ihre Waren tragen sie meist in Körben oder Säcken auf dem Rücken. Manche transportieren ihr Handelsgut auch auf kleinen Wagen, die von ihnen selbst oder einem Hund gezogen werden. Nur einige wenige Händler, die es sich leisten können, nutzen Ochsen- oder Pferdefuhrwerke. Für sie liegt der Schritt nahe, eine Seitenwand des Wagens in die Waagerechte zu klappen und für die Warenauslage zu nutzen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bleibt die Bedeutung solcher Verkaufswagen für den regionalen Wanderhandel aber gering – und das nicht nur wegen des kostspieligen Unterhalts von Pferd und Wagen und der schlechten Straßenzustände. Gerade in Städten mit starken Krämerzünften sind fremde Händler ungern gesehen, wollen doch die Zünfte bevorzugt ihren Mitgliedern ein auskömmliches Geschäft sichern.

Wanderabgabestellen im Motorbetrieb

Dazu wird der Wettbewerb untereinander stark reglementiert und ein möglichst einheitliches, hohes Preisniveau angestrebt. Auswärtige Händler, vor allem wenn sie in ihren Verkaufswagen größere Warenmengen mit sich führen, drohen das Preisgefüge durcheinanderzuwirbeln. Sie müssen daher oftmals höhere Steuern entrichten und dürfen ihre Waren nur an den Stadträndern oder an bestimmten Tagen anbieten.

Im 19. Jahrhundert erhält der Verkaufswagen durch das Ende der Zünfte, die Einführung der Gewerbefreiheit und verbesserte Straßenverhältnisse in vielen Regionen Auftrieb. Gut bekannt sind noch heute die Milchwagen der Berliner Meierei Bolle. Im Februar 1881 rollen die ersten drei Fuhrwerke durch die Hauptstadt, zum Ende des Jahres versorgen bereits 56 Bolle-Wagen die Berliner mit Milch und Milchprodukten. Ihr Kommen kündigen sie mit einer Handglocke an – ähnlich wie einhundert Jahre später die modernen Tiefkühl-Heimlieferdienste.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist die ebenfalls Anfang der 1880er-Jahre gegründete Dampf-Kaffee-Rösterei der Familie Kaiser. Ihre Mitglieder ziehen anfänglich mit Verkaufswagen durch die Orte am Niederrhein und verkaufen erst rohe, bald auch geröstete Kaffeebohnen. Passend zum Kaffee wird das Sortiment um Tee, Schokolade und andere Süßigkeiten erweitert und schließlich das stationäre Geschäft aufgebaut. Daraus entwickeln sich die Kaisers-Supermärkte, die 1971 in der Unternehmensgruppe Tengelmann aufgehen.

Anfang des 20. Jahrhunderts führt die Motorisierung dazu, dass erste Händler Lastwagen als mobile Verkaufsstellen nutzen. Zu den heimischen Vorreitern zählt die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend. Ihre ab 1926 eingesetzte „Wanderabgabestelle“ ist vermutlich der erste motorbetriebene Verkaufswagen in Deutschland. Bereits im Jahr zuvor startet die Schweizer Migros-Genossenschaft mit fünf Verkaufswagen. Zu Beginn umfasst das Sortiment nur wenige Basisartikel, doch das Angebot wächst von Monat zu Monat. Ab 1926 kommen stationäre Geschäfte hinzu, aber erst 2007 verabschiedet die Migros ihre letzten traditionellen Verkaufswagen in den Ruhestand.

Schließung ländlicher Versorgungslücken

In Deutschland bremsen der Zweite Weltkrieg und danach der Durchbruch von Supermärkten und Discountern die Ausbreitung der Verkaufswagen. Doch die starke Konkurrenz der neuen Selbstbedienungsläden und der Trend zu großen Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ führen auch zu einer Konzentrationsbewegung im Einzelhandel. In den 1960er- und 1970er-Jahren müssen Zehntausende kleine Kaufleute – Einzel-Händler im wörtlichen Sinn – ihre Geschäfte aufgeben. Vor allem auf dem Land und an den Stadträndern kommt es zu Versorgungslücken, in die Verkaufswagen als neue Grundversorger stoßen.

Um 1980 gibt es geschätzte 5.000 mobile Verkaufsstellen in der Bundesrepublik. Rund vier Fünftel sind sogenannte „Spezialsortimenter“, die nur ein eng umrissenes Angebot wie Eier und Milch, Obst und Gemüse, Backwaren oder Fleisch führen. Davon dienen wiederum rund 1.500 Wagen dem Hausverkauf von Tiefkühlkost. Jeweils 500 von ihnen gehören den 1966 und 1974 gegründeten Unternehmen Bofrost und Eismann Tiefkühl-Heimservice. Anfang der 1990er- Jahre unterhalten die beiden Marktführer bereits je rund 2.000 Fahrzeuge.

Heute sind mobile Verkaufsstellen vielerorts ein vertrauter Anblick, auch wenn sich ihre Zahl statistisch kaum fassen lässt. Einzelunternehmer nutzen sie ebenso wie Bäckereien, Fleischereien, Blumengeschäfte oder größere Supermärkte als Ergänzung zu ihren stationären Geschäften. Als rollende Tante-Emma-Läden übernehmen sie eine wichtige Funktion zur Grundversorgung von Menschen in dünn besiedelten, vom demografischen Wandel betroffenen Regionen. Dort schließen sie einmal mehr eine Lücke, die Supermärkte und Discounter hinterlassen haben und die von den Lieferdiensten der großen Handelsunternehmen nicht bedient wird.

Schlagworte: Meilensteine des Handels

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