Captain Future

Investor, Politikberater, Showman: Geht es um die Zukunft des Technologiestandorts Deutschland, ist Frank Thelen als Ratgeber viel gefragt. Er fordert Gründer und Handelskonzerne dazu auf, groß zu denken, und müht sich, dafür ein Beispiel abzugeben.

Von Ralf Kalscheur 04.06.2019

© laif/Stefan Finger

Balanceakt: Techinvestor Frank Thelen ist seit Jugendtagen ein leidenschaftlicher Skateboarder.

Das Fernsehgesicht der deutschen Gründerszene legt die Stirn in Falten und nimmt einen entschlossenen Ausdruck an. „In Zukunft investieren wir nur noch in Moonshots“, sagt Frank Thelen und meint damit Start-ups, die in ihren Laboren potenziell revolutionäre Hightech-Produkte entwickeln. Fans der Sendung „Die Höhle der Löwen“ müssen sich nicht sorgen – der Investor verringert zwar die Zahl seiner Drehtage, doch die eine oder andere in der Sendung präsentierte Bio-Suppe wird er weiterhin finanzieren. Zu wichtig sind die Auftritte im reichweitenstarken Programm, das ihn bekannt gemacht hat. Mit 43 Jahren zieht Frank Thelen eine Zwischenbilanz, veröffentlicht seine Autobiografie und kündigt einen Strategiewechsel an.

Man mag Thelen seinen Hang zu Dampfplauderei und Selbstdarstellung ankreiden, aber der Selfmade-Unternehmer legt seinen Finger in die Wunde. Deutschland drohe ein ähnliches Schicksal wie Nokia oder Kodak: Die beherrschten ihre Märkte, strotzten vor Kraft und sahen deshalb keinen Grund zur Erneuerung – bis der Zug für sie abgefahren war. Den Lebensmittelkonzernen wirft er vor, dass sie „trotz ihrer Kapitalstärke bis heute kein funktionierendes, relevantes Onlinegeschäft aufgebaut haben“.

Das niederländische Start-up Picnic beispielsweise expandiert mit seinem Onlinesupermarkt in Deutschland und bewältigt die letzte Meile mit selbst entworfenen Elektrolieferwagen. Das Berliner Start-up Get Now wächst beachtlich. Edeka Rhein-Ruhr hat sich mit 20 Prozent an Picnic Deutschland beteiligt und Metro kooperiert mit Get Now. Vorreiter Rewe liefert in 75 Städten frische Lebensmittel aus. Doch der Anteil von E-Food am Lebensmittelmarkt liegt noch bei unter zwei Prozent. „Der Start neuer Technologien verläuft oft holprig, und dann verändern sie unser Leben schneller, als man denkt“, warnt Thelen. „Dem Handel fehlen visionäre Denker, die Chancen sehen und nicht nur Risiken.“

Mehr Kapital für kluge Köpfe

Thelen ist ein rastloser Promoter der Marke Frank Thelen. Er engagiert sich als Gründungsmitglied und Politikberater im Innovation Council von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU), sitzt im Digitalbeirat von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) und diskutiert auf zahlreichen Bühnen im Land mit Spitzenpolitikern und Konzernlenkern über die Zukunft des Technologiestandorts Deutschland. Thelen trat aus der CDU aus, um seinen „politischen Auftrag“ parteiübergreifend erfüllen zu können.

„Ich habe mich sehr für den Ausbau des 5G-Netzes eingesetzt und spreche mit Politikern wie FDP-Chef Christian Lindner oder Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zum Beispiel über das Thema künstliche Intelligenz, wie sehr diese in den nächsten zehn Jahren unser Leben verändern wird und wie weit Europa im Vergleich zu China technologisch bereits abgeschlagen ist“, erzählt der Netzwerker. Die drei Milliarden Euro, mit denen die Regierung bis 2025 die Entwicklung von KI fördern will, seien ein Tropfen auf den heißen Stein. Thelen wirft der Politik vor, den Status quo zu verwalten und, wie im Falle des Datenschutzes, immer neue Regeln zu entwickeln, die dem Standort schadeten, statt investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen für Wagniskapitalgeber zu befördern.

An der Bürowand des 43-Jährigen hängt ein Porträtfoto von Steve Jobs. „Eine Villa und ein dickes Auto habe ich schon, ich bin finanziell unabhängig“, beteuert Thelen. „Ich will aber sehr reich werden, damit ich auch mal 100 Millionen Euro in ein Zukunftsprojekt investieren kann und nicht nur ein bis zwei. Wir brauchen mehr Kapital für kluge Köpfe.“ Ohne den rechten Schub zum Start werde es keinen deutschen Jack Ma oder Jeff Bezos geben.

 

Frank Thelen, 43, ist seiner Heimatstadt Bonn treu geblieben. Mit 18 gründet er seine erste Firma, mit 25 legt er im Zuge des Börsengangs der Techfirma Twisd AG eine Millionenpleite hin. 2004 gründet Thelen IP.Labs und verkauft den Marktführer für Onlinefotoservices 2008 erfolgreich an Fujifilm. Beim Verkauf hielt das Management 100 Prozent der Unternehmensanteile. Thelen gründet den Frühphaseninvestor E42 und die Dokumentenscanner-App Scanbot und investiert ab 2010 in Start-ups wie Wunderlist (heute Microsoft), MyTaxi (heute Daimler) und Kaufda (heute Axel Springer). Seit 2014 tritt Thelen regelmäßig in der Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“ (Vox) auf, seit 2017 firmiert er als Gründer und CEO des Wagniskapitalgebers Freigeist Capital.

Jagd nach dem Einhorn

„Unsere neue Zehnjahresstrategie lautet: Wir wollen ambitionierte Projekte unterstützen, bei denen die Leute erst mal denken: Ihr habt doch einen Knall!“ 3-D-Druck, Roboter, Blockchain, Quantencomputer, künstliche Intelligenz lauten die Themenfelder, die Thelen auf der Jagd nach einem Einhorn beackern will. Die Terrasse seines Büros bietet einen märchenhaft schönen Blick auf das bewaldete Rheinufer. Nebenan im vierten Stock sitzen die vier Mitgründer von Freigeist Capital, seinem Investmentunternehmen. Ein Freund habe einige der neuen Immobilien am Bonner Bogen entwickelt, erzählt der gebürtige Bad Godesberger. Das bodentiefe Fenster hinter seinem Schreibtisch rahmt die benachbarte Zentrale der Telekom. „Mit Tim Höttges bin ich eng befreundet.“

Dass der „Dieter Bohlen der Start-up-Szene“, wie ihn Spötter betitelten, mit seinen offensiv unbescheiden formulierten Ambitionen hierzulande aneckt, ist ihm bewusst. Thelen kritisiert die mangelnde Chuzpe der – er verzieht das Gesicht – ­„Bedenkenträger“ in Deutschland. „Vorausschauend und mit Risiko in die technischen Möglichkeiten zu investieren, das ist nicht Teil der DNA von deutschen Unternehmen“, meint Thelen. Es nehme darum nicht wunder, dass die deutsche Wirtschaft nach SAP keinen Technologieführer mehr hervorgebracht habe.

Die traditionellen Konzerne seien von Quartalsergebnissen getrieben und das habe auch viele Jahrzehnte lang gut funktioniert, so Thelen. „Doch jetzt arbeiten Unternehmen wie Amazon, Apple, Alibaba, Tesla oder Tencent die gewohnten Gesetzmäßigkeiten um.“ Amazon etwa habe mit Prime den Mut bewiesen, jahrelang Kapital zu verbrennen, bis eine ausreichende Kundenzahl überzeugt und die Logistik so weit skaliert war, dass Prime sich als Gelddruckmaschine etablierte. Elon Musk hätten „alle für verrückt erklärt“, als er seine erste Gigafactory baute, um künftig eine wichtige Rolle auf dem Batteriemarkt für die E-Mobilität zu spielen.

In Deutschland gab Bundeswirtschaftsminister Altmaier indes erst Ende 2018 Pläne bekannt, den Aufbau einer Batteriezellfabrik in Deutschland mit einer Milliarde Euro fördern zu wollen. Nicht nur bei der Reichweite ist Musk enteilt, er fährt auch seit Jahren riesige Datenmengen von Kunden ein. „Wir können diesen technologischen Vorsprung nicht mehr aufholen“, sagt Tesla-Fahrer Thelen – und fügt in typischer Manier an: „Das sage ich auch Susanne Klatten persönlich.“

In Australien hat Google kürzlich die Lizenz erhalten, unter Auflagen Waren per Drohne liefern zu dürfen. Die Deutsche Post DHL indes scheut den Höhenflug und betrachtet ihren Parcelcopter als reines Entwicklungsprojekt für die Schublade. Der Praxiseinsatz ist nicht geplant, man wartet ab. „Drohnen werden auf der letzten Meile unfassbar wichtig werden und uns noch deutlich vor 2030 beliefern“, prophezeit Thelen. Er hat vor drei Jahren als erster Wagniskapitalgeber in das Münchener Start-up Lilium investiert, das ein elektrisch betriebenes Flugtaxi entwickelt, das vertikal startet und landet wie ein Hubschrauber.

Mittlerweile gründet der zunächst fiebrig anmutende Traum vom fliegenden Auto immerhin auf einer Kapitalbasis in Höhe von rund 100 Millionen Euro; auch der chinesische Internetgigant Tencent setzt auf die bayrische Ingenieurskunst. Thelens Netzwerkkunst drückt sich derweil darin aus, dass er Lilium nicht nur die geldwerten Kontakte verschafft, sondern CEO Daniel Wiegand auch gleich in Dorothee Bärs und seinem Innovation Council installiert hat. Dort sitzt Wiegand neben Zoe Adamovicz, Gründerin der Blockchain-Plattform Neufund, einer weiteren Thelen-Investition.

Verwässerte Anteile

Es passt nicht so recht zum korrekt gescheitelten Bild Frank Thelens, dass er als Jugendlicher Skater war und wegen schlechter Noten vom Gymnasium flog. Doch die Story ist gut, in seinem Büro liegen ein paar Skateboards herum und erinnern daran. Erst auf der Realschule erhält er Informatikunterricht und entwickelt seine Leidenschaft fürs Programmieren. Mit 18 gründet er sein erstes kleines Unternehmen zur Herstellung von CD-ROMs. 1997 erhält der 22-Jährige 1,4 Millionen Mark Wagniskapital, um einen Linux-basierten Router zu entwickeln. Die Twisd AG bereitet sich zwei Jahre später auf den Börsengang vor und leiht sich dafür noch mal zwei Millionen Mark, legt aber im Zuge der Dotcom-Blase eine krachende Pleite hin. Thelen hat Millionenschulden und zieht wieder bei seinen Eltern ein. 2004 berappelt sich der Bonner und gründet die Onlinefotoservice-Plattform IP.Labs.

Fujifilm kauft das erfolgreichste digitale Fotobuch auf dem Markt 2008 und macht Thelen mit 32 zum Millionär. Mit den ebenfalls wohlhabend gewordenen Mitstreitern in der Firma, Marc Sieberger und Alex Koch, gründet Thelen den Frühphaseninvestor E42 und schließlich 2017 Freigeist. Die Verkäufe der Apps Wunderlist an Microsoft und MyTaxi an Daimler sowie der Prospektplattform Kaufda an Axel Springer kann Thelen als Erfolge verbuchen, doch den erhofften Befreiungsschlag bringen sie ihm nicht. „Wir halten im Schnitt 15 bis 20 Prozent an den Unternehmen“, erzählt Thelen. „Die Anteile verwässern, sobald das Start-up externes Kapital aufnimmt.“ Von den Verkaufspreisen bleiben Thelen daher nur relativ kleine Anteile. Er will mehr. Doch mit den TV-vermittelten, techfremden Investments hat Thelen kein Glück.

Durch einen Streit mit David Schirrmacher gerät er zuletzt stark in die Kritik. „Der ist komplett durchgedreht“, sagt Thelen über den Gründer der Herrenmodemarke Von Floerke, spielt auf seinem Smartphone Videos ab, in denen Schirrmacher ihn in offenbar alkoholisiertem Zustand verhöhnt, und zeigt E-Mails, die er an Journalisten schrieb, um die seiner Meinung nach unfaire Berichterstattung in seiner Sache zu monieren. „Schirrmacher hat erkannt, wie groß die Marke Frank Thelen mittlerweile geworden ist, und das für seine Publicity genutzt.“ Es ist eine rechte Schlammschlacht.

Bangen um die Marke

Thelen wird vorgeworfen, dass er auf der Crowdfunding-Plattform Kapilendo für Von Floerke warb, obwohl er bereits den Verkauf seiner Anteile in Höhe von 17 Prozent plante. Thelen bestreitet das. Von Floerke beginnt, über seinen Shop auch ­Alkohol zu verkaufen. Das Unternehmen gerät in Schieflage. Schirrmacher fühlt sich von Thelen im Stich gelassen, der sieht sich von dem Modeunternehmer getäuscht. Am Ende verkauft Thelen seine Anteile für einen symbolischen Euro an MyTaxi-Gründer Niclaus Mewes. Er bangt um seine Marke.

Auch mit dem Lebensmittelhandel befasst sich Thelen erstmals im Zuge von „Die Höhle der Löwen“. Weil in der Sendung keine erklärungsbedürftigen Hightech-Start-ups pitchen, Thelen aus dramaturgischen Gründen aber auch mal investieren muss, hat er mit Freigeist Capital den Cluster „Food-Family“ gegründet. Der Gewürzanbieter Ankerkraut gehört dazu, der Suppenhersteller Little Lunch oder die kohlehydratarme Pizza Lizza. Dank seiner Popularität gelingt es Thelen, die Produkte in den Regalen großer Lebensmittelketten zu platzieren.

Doch bislang hat er mit den Beteiligungen, die nach seinen Angaben rund 100 Millionen Euro wert sind, noch keinen Euro verdient. Freigeist-Juniorpartner Marcel Vogler „wird die Food-Start-ups weiter betreuen“, so Thelen. Der populärste Anwalt des IT-Standorts Deutschland muss an seine Zukunft denken und geht dieses Jahr mit der denkbar techfernsten Gründershow in die sechste Staffel.

Schlagworte: Investitionen, Innovation, Gründer, Digitalisierung, Handel

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