Juwelierfachhandel

Nachhaltig glänzen

Die Schmuckbranche handelt mit emotionalen Produkten. Lieferanten müssen internationale Standards einhalten, die den verantwortungsvollen Bezug von Rohstoffen und ihre ethisch korrekte Weiterverarbeitung dokumentieren. Die Transparenz der Lieferketten ist ein Trumpf für Juweliere.

Von Ralf Kalscheur 16.11.2020

© imago images/Ronald Grant

Ab Oktober dieses Jahres legt Tiffany alle Schritte der handwerklichen Verarbeitung seiner Diamanten mit mindestens 0,18 Karat offen.

Tiffany & Co. will künftig nicht mehr nur für ein Versprechen stehen, sondern auch für Transparenz. Vor mehr als 180 Jahren gegründet und durch den vor rund 60 Jahren gedrehten Film „Frühstück bei Tiffany“ zur Ikone erhoben, wirkte die Marke etwas angestaubt, als Alessandro Bogliolo 2017 seinen Posten als Vorstandschef des Luxusjuweliers antrat.

Im Zeitalter der Unboxingvideos spielen die türkisfarbenen Tiffany-Schachteln für jüngere Zielgruppen keine Hauptrolle mehr, der Jahresüberschuss sank. Bogliolo, der zuvor die Jeansmarke Diesel führte, stellt die tradierte Markenkommunikation auf den Kopf und inszeniert Tiffany als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Als erste globale Juwelierkette veröffentlicht das Unternehmen seit 2019 die Herkunftsinformationen für jeden neu beschafften, individuell registrierten Diamanten, den es setzt.

Ab Oktober dieses Jahres legt Tiffany zudem alle Schritte der handwerklichen Verarbeitung seiner Diamanten mit mindestens 0,18 Karat offen. Jeder Verkäufer kann seine Kunden darüber informieren, aus welchem Land oder aus welcher Region ein Rohdiamant stammt und in welchem Land dieser – nach der Registrierung und Klassifizierung in Antwerpen – in eigenen oder zertifizierten Werkstätten geschliffen, poliert und gesetzt wurde.

Die Rückverfolgbarkeit jedes Schmuckstücks, dokumentiert auf einem Zertifikat, soll Kunden das gute Gefühl vermitteln, mit dem Kauf nicht zu Umweltzerstörung oder sozialer Ausbeutung beizutragen. „Nachhaltigkeit ist von zentraler Wichtigkeit für die Marke Tiffany & Co. – sie ist sowohl unser Vermächtnis als auch unsere Zukunft“, beteuert Bogliolo.

Brüssel verordnet Zertifizierung

Eine Umfrage der wichtigen Münchener Fachmesse Inhorgenta für Uhren, Schmuck und Edelsteine im vergangenen Februar unter mehr als 1 200 Händlern und Herstellern ergab, dass für 58 Prozent der Befragten Nachhaltigkeit das bestimmende Branchenthema in den kommenden Jahren ist. 75 Prozent der Kunden, die beim Kauf Fragen zur Nachhaltigkeit stellen, sind laut der Einschätzung der Befragten jünger als 50 Jahre. Als künftig größte Herausforderungen geben die Teilnehmer die Glaubwürdigkeit von Zertifizierungen (46 Prozent) sowie die Transparenz in der Wertschöpfungskette (43 Prozent) an.

„Nachhaltigkeit ist in unserer Branche kein Modewort, sondern schon lange ein entscheidender Erfolgsfaktor“, unterstreicht Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ). „Gerade bei einem so emotionalen und persönlichen Produkt wie Schmuck, das man direkt auf der Haut trägt, sind Aspekte wie die Herkunft der verwendeten Materialien, die Arbeitsbedingungen bei ihrer Gewinnung und Verarbeitung sowie der Umgang mit den Ressourcen und der Umwelt von zentraler Bedeutung für die Kaufentscheidung.“ In Phasen mit hohen Goldpreisen, wie derzeit, reiche die Menge an recyceltem Altgold aus, um den Bedarf der deutschen Schmuckherstellung zu 100 Prozent zu decken.

Scheideanstalten in Deutschland lassen sich typischerweise von Lieferketten-Initiativen wie dem Responsible Jewellery Council (RJC) oder der London Bullion Market Association (LBMA) freiwillig zertifizieren, die die grundlegenden Vorgaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für den Erwerb von Edelmetallen übernehmen und in ihren Standards zum Teil sogar darüber hinausgehen. Die Industrie verschreibt sich mit der Einhaltung der Standards dem verantwortungsvollen Bezug von Rohstoffen, einer verantwortungsvollen Produktion und einer weitestmöglichen Schonung der Umwelt.

Wenn ab Januar 2021 die EU-Verordnung zur Festlegung von Pflichten zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten in der Lieferkette für Unionseinführer von Zinn, Tantal, Wolfram, deren Erzen und Gold aus Konflikt- und Hochrisikogebieten in Kraft tritt, müssen Importeure nachweisen, dass sie die erfassten Minerale und Metalle ausschließlich aus verantwortungsvollen Quellen beziehen. „Das Responsible Jewellery Council ist die größte Nachhaltigkeitsbewegung der Branche und übt eine große Anziehungskraft auf die Marktteilnehmer aus“, sagt Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien, der dem RJC beigetreten ist. Wer den Marktzugang im Segment für Luxusgüter nicht verlieren will, kommt an der Zertifizierung kaum vorbei.

Brücke zur jungen Generation

„Die Unternehmen in Deutschland sind bei der engmaschigen Überwachung von Lieferketten und Förderbedingungen im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt“, sagt Grohmann. Eine Einschätzung, die BVJ-Geschäftsführer Dünkelmann teilt.

Im ersten Halbjahr musste die Branche aufgrund des Lockdowns ein Umsatzminus von fast 24 Prozent hinnehmen. „Diesen Verlust können wir mit dem Onlinegeschäft nicht kompensieren, weil der Schmuckkauf ein haptisches Einkaufserlebnis ist“, sagt Dünkelmann – und rechnet mit einem Umsatzrückgang zwischen fünf und zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nachhaltigkeit ist nicht zuletzt ein Marketingthema, mit dem der Fachhandel nun neue Brücken zur jungen Generation bauen kann. 

Schlagworte: Bundesverband der Juweliere Schmuck und Uhrenfachgeschäfte, Nachhaltigkeit, Digitalisierung

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