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Autonome Supermärkte

Angriff der Verkaufsmaschinen

Lockdowns und Kontaktbe­schränkungen prägen das Corona-­Krisenjahr 2020 und verhelfen Ladenformaten ohne Verkaufspersonal zu einem Aufschwung. Die Umsetzung muss nicht zwangsläufig mit hohem Aufwand verbunden sein.

Von Jens Gräber 15.12.2020

© Tegut/Björn Friedrich

Ausgezeichnet: Die Bioladenkette Tegut betreibt mit Teo einen kleinen autonomen Laden; das Konzept erhielt den Innovationspreis des Handels.

Onlinegigant Amazon plant, sein autonomes Ladenformat nach Deutschland zu bringen. Doch Händler, Ladenbauer und Automatenexperten sind bereits dabei, hierzulande eigene Formate zu etablieren, die ohne Personal auskommen. „Die Coronapandemie hat die Nachfrage gesteigert“, stellt Xenia Giese fest, die beim Softwarekonzern Microsoft Handelskunden betreut. Cetin Acar, IT-Experte beim EHI Retail Institute, teilt ihre Einschätzung. Dass Verbraucher offen für autonome Supermärkte sind, belegt eine Umfrage des EHI aus dem Frühling, wonach mehr als zwei Drittel sie gerne nutzen würden. Für Acar keine Überraschung in Zeiten der Pandemie: „Der Kontakt der Kunden zum Verkaufspersonal entfällt, durch längere Öffnungszeiten begegnen sich zudem weniger Menschen im Laden.“

Frictionless-Shopping-Formate, bei denen der Kunde sich einfach Ware nimmt und den Laden wieder verlässt, stellen die Königsdisziplin des autonomen Einkaufens dar, wie Giese ausführt: „Der Kunde muss identifiziert werden, seine Bewegungen und die der Artikel müssen verfolgt werden, zudem muss beides korreliert werden – so ist ein vollautomatischer Check-out ohne Stopp beim Verlassen des Ladens möglich.“

Interessierte Händler haben die Wahl zwischen verschiedenen marktreifen Lösungen, etwa des Microsoft-Partners Zippin oder des US-Unternehmens UST Global. Letzteres hat in den USA bereits für eine Tochterfirma des Lebensmittelhändlers Ahold Delhaize einen autonomen Mitarbeiter-Shop namens Lunchbox realisiert. Wie zu hören ist, testet ein großer deutscher Handelskonzern die Lösung bereits und erwägt einen Einsatz im Endkundengeschäft – UST bestätigt dies jedoch auf Anfrage nicht.

Etwas weniger anspruchsvoll stellt sich die Realisierung eigenständiger autonomer Läden dar, in denen der Kunde selbst den Check-out erledigt – zum Beispiel das Teo-Konzept der Bioladenkette Tegut, für das sie kürzlich den Innovationspreis des deutschen Handels erhalten hat. Noch simpler gestalten sich Ansätze wie der von Netto, bei denen bestehende Filialen in Randzeiten nicht besetzt sind und Kunden selbst ihren Einkauf scannen.

Einen weiteren alternativen Weg gehen Händler, die auf das altbekannte Automatenprinzip setzen. Sie lassen Maschinen Einkäufe nach Kundenwunsch zusammenstellen wie Büntings Combi 24/7 oder fassen mehrere Verkaufsapparate zu einer Art Automaten-Supermarkt zusammen wie den Regiomat.

Erfolg versprechende Ansätze auch jenseits der Pandemie? „Ja“, glaubt Giese. Ihr Argument: „Es gibt Momente im Leben vieler Menschen, in denen sie solche Lösungen gerne nutzen – etwa spätabends auf dem Rückweg aus dem Büro.“ Gleichzeitig warnt sie Händler davor, die Kosten zu unterschätzen. „Es geht nicht nur um die Technologie. Oft müssen Prozesse umgestellt werden, etwa bei der Logistik oder der Reinigung – das kann einen hohen Aufwand bedeuten.“

Tegut Teo

Die Biosupermarkt-Kette Tegut setzt mit ihrem neuen Ladenkonzept Teo erstmals auf eine autonome Filiale. Am bislang einzigen Standort unweit des Hauptbahnhofs in der Stadtmitte von Fulda bietet das Konzept auf einer Fläche von 50 Quadratmetern rund um die Uhr 950 Produkte des täglichen Bedarfs. Um Einlass zu erhalten, scannen die Kunden entweder einen über die Tegut-App generierten QR-Code oder nutzen ihre Girocard oder Kreditkarte. Ihre Einkäufe können sie via App mit ihrem eigenen Smartphone scannen oder dafür ein Self-Check-out-Terminal im Laden nutzen – beide Systeme basieren auf der Scan-&-Go-Technologie des Anbieters Snabble. Auf Sensoren oder Kameras direkt an den Regalen verzichtet Tegut, lediglich an der Decke findet sich Überwachungstechnik zum Schutz vor Diebstahl. Zur Bezahlung stehen alle gängigen bargeldlosen Verfahren zur Verfügung, beim Kauf alkoholischer Getränke wird das Alter eines Kunden mittels der Girocard überprüft. Sechs bis sieben weitere Standorte in Fulda sollen laut Projektleiter Sören Gatzweiler bis Spätsommer 2021 folgen.

Lunchbox

Retail Business Services, ein amerikanisches IT-Tochterunternehmen des Supermarkt-Giganten Ahold Delhaize, bietet Mitarbeitern seiner Niederlassung in der mittelgroßen Stadt Quincy im Staat Massachusetts echtes Frictionless Shopping. Im Laden mit dem Namen Lunchbox stehen auf kleiner Fläche Lebensmittel und Getränke zur Auswahl, die Zahl der Produkte liegt im unteren dreistelligen Bereich. Käufer müssen sich im Vorfeld registrieren und erhalten Einlass, nachdem sie sich via Smartphone-App identifiziert haben. Die gewünschten Produkte können sie beim Verlassen des Ladens einfach mitnehmen, die Rechnung kommt automatisch und kann via Kreditkarte, Paypal, Apple Pay oder Google Pay beglichen werden. Möglich machen das zahlreiche Sensoren und Kameras an Decke, Wänden und Regalen, deren Daten eine Künstliche Intelligenz auswertet – Ware unbemerkt zu entwenden, soll so unmöglich sein. Für Konzept und Umsetzung ist der IT-Dienstleister UST Global verantwortlich, der Technologie des chinesischen KI-Spezialisten Cloudpick nutzt. Laut UST ist die mögliche Größe des Sortimentes nicht begrenzt, die maximal realisierbare Ladenfläche liege derzeit bei rund 900 Quadratmetern.

Netto

Die Lebensmitteldiscounter-Kette Netto testet in bestehenden Filialen in den Städten Berlin, Aachen, Bochum, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Osnabrück ein Modell, bei dem die Kunden zwischen 22 und 24 Uhr einkaufen können, obwohl kein Personal mehr auf der Fläche ist. Verbrauchern steht das gewohnte Sortiment von rund 5 000 Artikeln zur Verfügung. Der Discounter nutzt dabei bestehende Infrastruktur: Die Filialen sind frei zugänglich, Einkäufer scannen und zahlen die Produkte selbstständig an den ohnehin vorhandenen SB-Expresskassen. Zur Wahl stehen ausschließlich bargeldlose Bezahlverfahren: EC- und Kreditkarte, Netto-App auf dem Smartphone, DeutschlandCard oder Gutscheine. Zum Schutz vor Diebstahl setzt das Unternehmen Berichten zufolge während der Spätöffnung Sicherheitsleute ein, Netto bestätigt das jedoch auf Anfrage nicht. Auch wie der Jugendschutz beim Kauf von Alkohol und Tabak sichergestellt wird und ob künftig ein breiterer Einsatz des Konzeptes geplant ist, verrät der Discounter auf Anfrage nicht.

Regiomat

Steve Dähring betreibt im 1 000-Einwohner-Örtchen Neuweiler zwischen Stuttgart und Tübingen einen kleinen Automaten-Supermarkt namens Regiomat. Die beiden Verkaufsautomaten stehen in der Ortsmitte unter einem kleinen Dach. Die Gemeinde hat sie gekauft und an Dähring verpachtet, um die Nahversorgung zu sichern – denn einen anderen Laden gibt es in Neuweiler nicht. Rund um die Uhr steht ein Sortiment von rund 60 Produkten zur Verfügung: Lebensmittel und Getränke, vieles von regionalen Produzenten. Alkohol oder Tabakwaren gehören nicht zum Angebot. Kunden wählen ihr Produkt und zahlen vor der Warenaus­gabe mit Bargeld, Giro- oder Visakarte, auch Google Pay und Apple Pay werden akzeptiert. Die Technik kommt vom Automatenbauer Stüwer, der ein System zur Kontrolle der Waren- und Bargeldbestände via Internet integriert hat. Auch die Haltbarkeit der Produkte kann Dähring online prüfen. Der Betrieb sei gut ange­laufen, erklärt er – über die Installation weiterer Automaten-Märkte in kleinen Orten der Umgebung denke er nach.

Combi 24/7

Die zur Unternehmensgruppe Bünting gehörende Nahversorgerkette Combi bietet in ihrem Citymarkt im Zentrum von Oldenburg einen Kommissionier­automaten namens Combi 24/7 an, der rund um die Uhr ein Sortiment von 500 Artikeln des täglichen Bedarfs – Lebensmittel, Getränke, aber auch Drogeriewaren – vorhält. Der Automat steht in einem dem Markt angegliederten Bereich, der durch einen separaten Eingang frei zugänglich ist. Der Kunde wählt seine Produkte an einem Terminal aus und bezahlt bargeldlos per Kredit- oder Girokarte, woraufhin der Einkauf vollautomatisch zusammengestellt und ausgegeben wird. Die Automatentechnik kommt vom Ladenbauer Wanzl, der auch eine Jugendschutzprüfung für Tabakwaren und Alkohol integriert hat: Käufer müssen ihr Alter am Automaten per Girokarte, Personalausweis oder EU-Führerschein nachweisen. Bewähre sich das Verkaufskonzept, seien weitere Standorte denkbar, teilt Bünting mit.

Schlagworte: Coronavirus, Coronakrise, Frictionless Shopping

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