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Coronapandemie

Lockdown-Verlängerung löst Aufschrei im Handel aus

Die Hoffnungen des Handels auf einen Zeitplan für die Wiedereröffnung der Läden sind von der Bundesregierung enttäuscht worden. Das sorgt für viel Verbitterung. Händler klagen über einen "Supergau" und einen "schwarzen Tag für den Handel".

11.02.2021

© Jochen Tack / Imago Images

Lockdown und keine Ende: Wann Läden wieder öffnen dürfen, ist nach wie vor unklar.

Entsetzen im Einzelhandel: Die Entscheidung von Bund und Ländern zur Verlängerung des Coronalockdowns ohne eine konkrete Öffnungsperspektive für die Innenstädte hat zu einem Aufschrei bei vielen Betroffenen geführt. Der Handelsverband Textil (BTE) sprach von einem "Supergau für den stationären Fashionhandel". Der Chef der Handelsgruppe Tengelmann (Obi, Kik), Christian Haub, bewertete die Beschlüsse als "schwarzen Tag für den Handel". 

Der Handelsverband Deutschland (HDE) warf der Politik Wortbruch vor. "Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht und bleibt in dieser für uns alle dramatischen Situation den vor Wochen versprochenen Plan zum Ausstieg aus dem Lockdown schuldig", klagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in Berlin.

Jeder durch den Lockdown verlorene Verkaufstag kostet die Einzelhändler laut HDE Umsätze in Höhe von rund 700 Millionen Euro. "Viele Händler wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Die Situation ist oft aussichtslos: Keinerlei Planungssicherheit, kein Licht am Ende des Tunnels und nach wie vor unzureichende staatliche Unterstützung", klagte Genth.

HDE warnt vor mehr als 50.000 Pleiten

Der Handelsverband malte ein düsterer Bild der Auswirkungen der Verlängerung des Winter-Lockdowns für den stationären Handel in den Innenstädten und Einkaufszentren. Selbst wenn die Mode-, Schmuck- und Elektronikläden bereits im März wieder öffnen dürften, werde der Umsatz im sogenannten Non-Food-Bereich im Gesamtjahr 2021 um 15 Prozent oder 25 Milliarden Euro unter dem Niveau des Vorkrisenjahres 2019 liegen. Verzögere sich die Öffnung bis in den Mai, liege das Minus sogar bei 29 Prozent - oder 47 Milliarden Euro.

Viele Händler würden das nicht überleben, sagte Genth. Ging der HDE bisher davon aus, dass die Krise zu bis zu 50.000 Insolvenzen und dem Verlust von bis zu 250.000 Arbeitsplätzen führen könne, so blickt der Verband inzwischen noch pessimistischer in die Zukunft. "Die 50.000 sehen wir mittlerweile als untere Grenze. Es können deutlich mehr werden", sagte Genth. Bei einer Umfrage des HDE gaben fast zwei Drittel der Innenstadthändler an, ihr Geschäft in diesem Jahr ohne weitere Hilfen voraussichtlich aufgeben zu müssen.

Die Sonderregelung für Friseure, die bereits früher wieder öffnen dürfen, stößt im Handel nur auf begrenztes Verständnis. "Ich gönne es jedem Friseur, dass er seinem Handwerk wieder nachgehen kann", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. "Aber ich würde es auch jedem Einzelhändler gönnen, dass er eine Chance bekommt, seinen Laden zu retten."

Kritik an "katastrophalen" Beschlüssen

Tengelmann-Miteigentümer Haub, zu dessen Firmenimperium auch die Baumarktkette Obi und der Textil-Discounter Kik gehören, warf der Politik vor, sie nehme mit ihrer Nicht-Öffnungsstrategie für den Handel "das langsame Sterben einer ganzen Branche sehenden Auges in Kauf". Dabei habe der Handel mit ausgefeilten Hygienekonzepten große Anstrengungen unternommen, um den Einkauf sicher zu machen. Der Handel habe deshalb auch nicht zu den Stellen gehört, wo das Virus verstärkt verbreitet worden sei.

Auch der Chef des Textil-Discounters Kik, Patrick Zahn, bezeichnete die Beschlüsse von Bund und Ländern als katastrophal. "Es ist fatal. Es ist ideenlos. Ich bin entsetzt. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie unsere Innenstädte am Ende aussehen werden", sagte er.

Der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), Boris Hedde, warnte vor den immer gravierender werdenden Folgen des Lockdowns. "Am Anfang brachte der Lockdown vor allem Einzelhändler mit schlechten Geschäftsmodellen in Schwierigkeiten, aber mittlerweile trifft er auch die guten Anbieter hart."

Forderung nach abgestuftem Vorgehen statt Lockdowns

Auf scharfe Kritik stieß bei vielen Betroffenen auch die Festlegung einer neuen Inzidenzzahl von maximal 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen einer Woche als Voraussetzung für die Wiedereröffnung der Geschäfte. "Wenn der Inzidenzwert darüber bestimmt, wie es weitergeht, ist das für den Handel katastrophal. Dadurch gib es überhaupt keine Planungssicherheit", sagte der Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, Michael Gerling.

Auch der HDE kritisiert diese Grenze als willkürlich. Notwendig seien abgestufte Verfahren, die bereits bei höheren Zahlen Öffnungen mit strengeren Hygienevorgaben oder auch den Einkauf mit vorheriger Terminvereinbarung möglich machten.

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