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Corona-Modellprojekt

Große Freiheit im kleinsten Bundesland

Mitten in der dritten Coronawelle dürfen Händler im Saarland laut Gerichtsbeschluss seit dem 10. März öffnen. Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) wagte nach Ostern weitere Lockerungen etwa in der Außengastronomie. Droht eine Überlastung des Gesundheitssystems, sollen die Lockerungen enden.

Von Jens Gräber 23.04.2021

© Jens Gräber

Licht und Schatten: Zahlreiche Menschen tummeln sich auf einer der zentralen Einkaufsstraßen Saarbrückens ­– die Läden frequentieren sie jedoch nur zurückhaltend.

Die Sonne lacht, die Menschen auch. Kurz vor Ostern flanieren zahlreiche Passanten über die Saarbrücker Bahnhofstraße, eine der zentralen Einkaufsmeilen der saarländischen Landeshauptstadt, und besuchen die dort ansässigen Läden. Ein surreales Bild zu einer Zeit, als Shoppen in den meisten Bundesländern – wenn überhaupt – nur nach Terminvereinbarung erlaubt ist.

Hier im kleinsten deutschen Bundesland jedoch, weit im Südwesten und unmittelbar an der Grenze zu Frankreich gelegen, wo wegen eines Inzidenzwerts um 400 ein landesweiter Lockdown herrscht, erlaubt eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes Händlern und Kunden wesentlich mehr Freiheit. Die Richter sahen unter anderem Grundrechte wie das der Berufsausübungsfreiheit verletzt und kippten die zuvor geltenden Regeln.

Einzige verbleibende Einschränkung neben der Maskenpflicht: Händler dürfen nur einen Kunden pro 15 Quadratmeter Verkaufsfläche einlassen. Eine Chance für den Einzelhandel, die dieser nach den Worten von Fabian Schulz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Saarland, flächendeckend nutzt. „Das war wie ein Befreiungsschlag für uns, noch am Tag der Entscheidung haben Geschäfte geöffnet“, erzählt er am Telefon.

Gerade im Innenstadthandel lägen die Kundenfrequenzen allerdings noch immer 30 bis 50 Prozent unter den Normalwerten, schätzt Schulz. Vor Ort in der Bahnhofstraße bestätigt Lederwarenhändler Michael Genth diese Einschätzung. Der Geschäftsführer der Leder Spahn GmbH mit 16 Mitarbeitern, zugleich Vorsitzender des Saarbrücker Vereins für Handel und Gewerbe, betont, dass zwar die Fußgängerzone so voll sei wie vor der Pandemie – nicht jedoch die Läden.

Dennoch freut sich der 50-Jährige über die Möglichkeit, sein Geschäft wieder zu öffnen. Er ist überzeugt, dass sie nicht nur dem Handel, sondern zugleich auch der Pandemiebekämpfung nutzt: „Die Menschen können sich wieder etwas gönnen. Dieses Stück Normalität sorgt dafür, dass sie die übrigen Regeln eher akzeptieren.“

Verunsicherte Verbraucher

Tatsächlich will der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) noch mehr Normalität wagen: So sollen etwa Gastronomen mit Sitzplätzen im Freien und Kinos wieder Gäste begrüßen dürfen – sofern diese einen negativen Coronatest vorweisen. Ein vielversprechender Ansatz, der auch mehr Kunden in Innenstadtläden locken könnte, glaubt Schulz. Die nötige Testinfrastruktur sei hier im deutsch-französischen Grenzgebiet ohnehin vorhanden.

Und die Verbraucher? Giovanni Lazzara steht vor einer Douglas-Filiale, die Tüten an seinem Arm verraten, dass er zuvor schon woanders eingekauft hat. Ungetrübt ist seine Freude über die Shopping-Freiheit aber nicht: „Ich mache mir schon Sorgen und bin vorsichtig, um mich nicht anzustecken.“ Auch bei anderen Einkäufern mischt sich Verunsicherung in die Einkaufslust – auch darüber, wie lange die große Freiheit im Saarland wohl währen wird.

Schlagworte: Lockdown, Coronakrise, Coronavirus

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