Anzeige
Tarifabschluss

Gewerkschaft war nicht zu ­Differenzierungen bereit

Nach einem langen Verhandlungsmarathon kam es am 29. September zu einem ersten regionalen Tarif­abschluss in Hessen. In seinem Gastbeitrag bewertet HDE-Tarifgeschäftsführer Steven Haarke das Ergebnis der Verhandlungsrunden.

Von Steven Haarke 05.11.2021

© Getty Images/Luis Alvarez

Erhebliche Umsatzverluste: Branchen wie der Textilhandel leiden bis heute unter den Pandemiefolgen.

Dieser Tarifabschluss in Hessen ist den Kolleginnen und Kollegen in der regionalen Kommission durch massive Streikaktivitäten der Gewerkschaft in einer unverantwortbaren Art und Weise förmlich abgepresst worden, war aber aufgrund der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen sowie einer festgefahrenen Verhandlungssituation letztlich alternativlos. Ein Zuwarten oder weitere Verhandlungsrunden hätten am Ende zu keinem erträglicheren Ergebnis geführt.

Der Tarifabschlusses in Hessen umfasst ­folgende drei Kernpunkte:

1. Laufzeit: 24 Monate (1. April 2021 – 31. März 2023)

2. Entgelt: Nach vier Nullmonaten erhöhen sich Löhne und Gehälter zum 1. August 2021 um drei Prozent (maximal 81,12 Euro monatlich). Ab 1. April 2022 steigen Löhne und Gehälter um weitere 1,7 Prozent.

3. Die Auszubildendenvergütungen erhöhen sich ab dem 1. August 2021 und ab dem 1. April 2022 um jeweils 30 Euro in allen Ausbildungsjahren.

Der Tarifabschluss wird nun voraussichtlich nach und nach auf die anderen Tarifgebiete übertragen.

Da die Situation in der Branche wegen der Coronapandemie von einer noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Spreizung geprägt ist, bewertet der HDE diesen undifferenzierten Tarifabschluss kritisch. Insbesondere der durch den Lockdown zwangsgeschlossene Nicht-Lebensmitteleinzelhandel musste hohe Umsatzverluste hinnehmen und hat sich bis heute davon nicht erholt.

Arbeitgeber kämpften bis zuletzt

Umso enttäuschender ist es, dass die Gewerkschaft Verdi in dieser für Teile der Branche so außergewöhnlich schwierigen Zeit nicht zu den dringend notwendigen Differenzierungen bereit war, für die die Arbeitgeber bis zuletzt leidenschaftlich gekämpft haben. Letztlich konnten die Arbeitgeber sich in diesem Tarifstreit nicht durchsetzen und wurden durch teils massive Streikaktivitäten zu diesem, viele Nicht-Lebensmittelhändler schlicht überfordernden, Tarifabschluss gedrängt.

Erschwerend kamen eine stark steigende Inflation in diesem Jahr sowie das nahende Weihnachtsgeschäft hinzu. Wäre die Tarifrunde noch bis in die Vorweihnachtszeit weitergegangen, hätte Verdi durch gezielte Streikaktionen über einen noch größeren Hebel verfügt. Frus­trierend ist zudem die Erkenntnis, dass Verdi ausschließlich kurzfristig agierte und allein das Portemonnaie ihrer Stammklientel in den zumeist wirtschaftlich starken Handelsunternehmen im Blick hatte.

Man müsste erwarten dürfen, dass sich eine Gewerkschaft dieser Größe ihrer Verantwortung für die gesamte Branche stärker bewusst ist. Völlig unverständlich bleibt auch, dass dieselbe Gewerkschaft ständig die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen einfordert, wenn es aber in der Krise tatsächlich darauf ankommt, nicht bereit ist, mittels differenzierter Lohnabschlüsse Verantwortung für die Branche insgesamt zu übernehmen. In der Konsequenz wird die Attraktivität von Branchentarifverträgen perspektivisch weiter sinken. 

Schlagworte: Gehalt, Arbeitnehmer

Kommentare

Ihr Kommentar