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Der Markt

Frische Luft und freier Himmel

Der Markt als Ort des Handels und der persönlichen Begegnung ist über Jahrhunderte das Herz fast jeder Stadt. Doch die sich ändernden Trends beim Einkaufen verändern auch die Rolle der Marktplätze.

Von Marvin Brendel 06.04.2021

© imago images/imagebroker

Nahversorgung mit Frischwaren: Die Stände der örtlichen Bauern und Händler locken die Münchner Bürger auf den Viktualienmarkt.

Schon in den Städten des antiken Griechenlands bildet die Agora das lebendige Zentrum des politischen und geschäftlichen Lebens. Dort finden Versammlungen und öffentliche Diskussionen statt, Neuigkeiten werden ausgetauscht und Händler bieten ihre Waren feil. Ladengeschäfte fassen den meist rechteckigen Platz an den Seiten ein. Vor ihnen verläuft ein überdachter Säulengang, der die Besucher vor Sonne und Regen schützt. Vergleichbare Handelsplätze existieren im Römischen Reich, dort als „Mercatus“ oder auch „Marcatus“ bezeichnet.

In den großen Städten entwickeln sich ab etwa 100 nach Christus zudem die ersten, teils schon mehrgeschossigen Markthallen. Auch die römischen Siedlungen auf späterem deutschen Gebiet verfügen über Marktplätze. Doch mit dem Niedergang des Römischen Reiches verlieren die Städte und mit ihnen die Märkte an Bedeutung.

Vom Platz zur Halle

Erst im Mittelalter kommt es in Mitteleuropa zu einem Revival der Städte und der für die Versorgung ihrer Einwohner so wichtigen Märkte. Sie dienen aber nicht allein dem Handel, sondern vielerorts auch der Bekanntgabe neuer Gesetze, als Versammlungsort der Bürger und zum Vollzug von Pranger-, Prügel- oder Todesstrafen.

Das von der Obrigkeit vergebene Markt­recht – oft die erste Stufe zum Stadtrecht – ist verbunden mit dem Recht auf freien Handel und dem Marktfrieden. Die Einhaltung von Recht und Frieden übernehmen vom Marktherrn verpflichtete Marktaufseher. Die sogenannten Marktvögte teilen den Händlern Plätze und Stände zu, kassieren das Marktgeld und üben die Rechtsprechung auf dem Markt aus. Zudem achten sie auf die Güte der Waren, angemessene Preise und korrekte Maße und Gewichte – und sichern damit eine frühe Form des Verbraucherschutzes.

Größere Städte beschäftigen für diese Aufgaben spezialisierte Amtspersonen wie Brotbeschauer, Fleischschätzer, Tuchsiegler, Eich- oder Waagmeister. Noch heute finden sich mancherorts an den Außenmauern des Rathauses oder einer marktnahen Kirche Abbildungen der früher üblichen Normmaße. So sind beispielsweise am Freiburger Münster die in der Stadt geltenden Längen von Klafter und Elle, aber auch die Umrisse verschiedener Brotgrößen eingemeißelt.

Die Märkte avancieren schnell zu den Zentren des städtischen Geschäftslebens. Dafür sorgt vor allem der Marktzwang. Er verpflichtet neben den Händlern auch die Handwerker, ihre Produkte ausschließlich auf dem Markt und nicht in ihren Häusern oder Werkstätten zu verkaufen. Das soll eine bessere Kontrolle durch die Marktaufseher gewährleisten.

Doch je bedeutender die Märkte werden, desto gedrängter geht es auf ihnen zu. So kommt es ab dem 12. Jahrhundert zu einer Lockerung des Marktzwanges und einem Abdrängen von Händlern in nahe gelegene Straßen oder auf andere belebte Plätze. Namen wie „Krämerbrücke“, „Seilergasse“, „Töpferstieg“ oder „Viehmarkt“ deuten noch heute darauf hin.

Daneben errichten viele Städte größere Handelsgebäude in zentraler Lage. Sie schützen die Marktteilnehmer vor den Unbilden des Wetters und sorgen für bessere Hygiene. In den Erdgeschossen bieten sie Platz für Verkaufsstände, die oberen Stockwerke dienen als Lager, Versammlungs- oder Gerichtsraum. Weitere repräsentative Handelshäuser entstehen vor allem in größeren Städten für die jeweiligen Mitglieder der Zünfte und Gilden. Im 19. Jahrhundert ermöglichen schließlich neue Baumaterialien und -techniken die Konstruktion großer Markthallen, von denen so manche bis in die heutige Zeit überdauert hat.

Schleichender Niedergang

Über viele Jahrhunderte übernehmen die Märkte eine grundlegende Versorgungsfunktion für die Menschen. Doch das Ende des Marktzwanges ermöglicht die Entwicklung hin zu dezentralen Ladengeschäften. Damit einher geht ein schleichender Bedeutungsverlust der klassischen Märkte. Zwar erleben sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges inmitten zerstörter Innenstädte einen nochmaligen Aufschwung, doch dieser endet spätestens mit der Ausbreitung von Supermärkten, Discountern und Kaufhallen. Einkaufsstraßen, von Geschäften gesäumte Fußgängerzonen und bequem mit dem Auto erreichbare Einkaufscenter auf der grünen Wiese verschärfen diese Entwicklung. Nur einige wenige traditionsreiche Märkte wie der Münchener Viktualienmarkt können dem Trend trotzen.

Insgesamt lässt das rege Treiben auf den Märkten ab den 1970er-Jahren sukzessive nach. Aus Tages- werden Wochenmärkte, Marktstände weichen Tischen und Stühlen von Gastronomiebetrieben und Marktflächen wandeln sich zu Parkplätzen für die in die Innenstädte drängenden Automassen. Erst in den 2000er-Jahren kommt es zu einer kleinen Renaissance der Märkte und Markthallen. Dafür sorgt nicht zuletzt der Wunsch vieler Verbraucher nach lokalen Produkten und der Stärkung der regionalen Wirtschaft.

Schlagworte: Markt, Meilensteine des Handels

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