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E-Food

First he takes Manhattan ...

Ein gebürtiger Ostberliner etabliert von New York aus ein Start-up für den internationalen Markt: Jokr. Zu den Erfolgsfaktoren ­zählen lokale Bezugsquellen und Just-in-time-Logistik.

Von Christine Mattauch 23.11.2021

© JOKR/Mario Alzate

Eigene Lieferketten: Jokr-Gründer Ralf Wenzel hält die Logistik etablierter Supermärkte für nicht nachhaltig, seine Ware bezieht er von lokalen Herstellern.

Es ist nicht einfach der x-te Online-Supermarkt. Auf diese Feststellung legt Ralf Wenzel Wert. Was er mit Jokr aufbaue, sei ein Tech-Unternehmen. Eins, das mithilfe künstlicher Intelligenz die Kundenlogistik auf ein neues Effizienzniveau heben werde. Und deshalb, so sieht er das, hat Jokr auch als Spätstarter gute Chancen auf einem heiß umkämpften Markt. „Wir werden den Kunden geben, was sie wirklich suchen: eine personalisierte Erfahrung.“ Deshalb auch der Name Jokr, der für Flexibilität und Mehrwert steht, wie beim Kartenspiel.

Beim Konsumverhalten ansetzen

Als früherer Rocket-Internet-Mann genießt Wenzel in der Berliner Tech-Szene eine gewisse Prominenz. Vor neun Jahren gehörte er zu den Gründern des Essenslieferdiensts Foodpanda, den 2016 Konkurrent Delivery Hero übernahm. Jetzt will es der schlanke 42-Jährige noch einmal wissen. Sein neues Unternehmen baut er von New York aus auf, genauer gesagt in Tribeca, einem Stadtteil von Manhattan, mit der coolen Adresse 371 Broadway.

„Die Stadt hat sich von der Pandemie erholt und ist kreativer denn je“, findet der gebürtige Berliner. „Es ist ein schönes Lebensgefühl.“ Zumal er als leidenschaftlicher Radler dort immer mehr Fahrradwege findet. In seiner Heimatstadt ist er trotzdem noch häufig, weil da ein Teil des Technikteams von Jokr sitzt.

Schon vor zwei Jahren, als Manager beim japanischen Finanzinvestor Softbank, habe ihn der Einstieg in den Online-Lebensmittelmarkt gereizt, erzählt er. Nicht nur, weil es sich um einen Wachstumsmarkt handelt. Sondern weil er findet, dass die meisten anderen Lieferdienste die Sache falsch anpacken. Nach Hause liefern, das kann jeder. Die Konkurrenz mit viel Werbung und auf Kosten der Fahrer eine Zeit lang unterbieten, auch. Wenzels Strategie hingegen setzt beim Konsumverhalten an.

Rotierendes Inventar

„Kunden kaufen bestimmte Produkte zu bestimmten Zeiten“, erklärt er. Bei Jokr werten Algorithmen diese Muster aus und prognostizieren, was wann bestellt wird. Auf dieser Grundlage optimiert Jokr Einkauf, Lagerhaltung und Lieferkapazitäten. Eine Just-in-time-Logistik sozusagen. Das aber ohne Kooperation mit einer Supermarktkette, wie sie Flink und Rewe beschlossen haben.

Wenzel hält die Logistik der Etablierten nicht für nachhaltig – und obendrein für zu teuer für ein Start-up. „Ob neue Anbieter überleben, hängt von ihrer Fähigkeit ab, eigene Lieferketten aufzubauen. Die Marge wird nicht von der Zahl der Kunden bestimmt, sondern davon, vom wem man einkauft und wie.“

Für Jokr heißt das: Waren werden, wo möglich, direkt von lokalen Herstellern erworben und dezentral gelagert – bedarfsbezogen: „Wir rotieren das Inventar in unseren Depots zweimal täglich“, behauptet Wenzel. Die Vision ist, dass jeder Kunde stets genau das erhält, was er will – binnen Minuten. Mit der Folge, dass das Sortiment langfristig nicht, wie derzeit, 5 000, sondern 50 000 und mehr Produkte umfassen soll. Aber eben nicht immer und nicht überall. Das klingt nicht nur nach einer ausgeklügelten, sondern auch nach einer störanfälligen Logistik.

Wenzel kennt den Einwand. „Wir werden in diesem Modell immer besser, je genauer wir unsere Kunden kennen“, pariert er. Um sie kennenlernen zu können, müssen sie wiederkommen. Deshalb ist es wichtig, dass Preis und Service stimmen – und das Versprechen von 15 Minuten Lieferzeit eingehalten wird. Ob's klappt? In den App-Stores von Google und Apple äußern sich viele Nutzer begeistert. Andere rügen lange App-Ladezeiten oder dass das Sortiment nicht passt. Die Algorithmen lernen offenbar noch.

Immerhin hat Wenzel mit dem Konzept Investoren wie GGV Capital aus Kalifornien oder die Münchner HV Capital überzeugt, die schon an Delivery Hero, Westwing, Hello Fresh und Zalando beteiligt war. Insgesamt 170 Millionen Dollar hat Jokr diesen Sommer in einer Finanzierungsrunde eingesammelt. Die braucht das junge Unternehmen auch, das seinen Sitz formal in Luxemburg hat, denn es wächst rasant: Stand Anfang Oktober gibt es 200 Standorte in elf Städten, darunter neben New York auch Mexiko-Stadt, Lima, São Paulo, Warschau und Wien. Die Zahl der Mitarbeiter beziffert Wenzel auf 500.

Expansion aus dem Cashflow

„Jede Woche bauen wir zehn neue Warenlager auf“, sagt er. Da liegt die Frage nahe, ob das Kapital nicht bald verbrannt sein wird. Der Gründer bestreitet das. „Die ersten Mikroregionen mit eigenem Team und Lager haben den Break-even bereits erreicht.“ Wenn es weiter so gut laufe, könne der Aufbau neuer Standorte aus dem Cashflow finanziert werden.

Wird Jokr auch bald in Deutschland loslegen? „Haben wir nicht auf dem Radar“, sagt Wenzel. Da ist zum einen der scharfe Wettbewerb. Welche Anbieter überleben werden, ist für ihn offen. „Es können mehrere nebeneinander existieren, so wie es offline auch der Fall ist.“ Vor allem aber stört ihn die Eigenheit der Deutschen, ausgerechnet bei Waren des täglichen Bedarfs auf den Cent zu schauen. „In den USA und anderswo ist die Bereitschaft größer, für Service, gute Lebensmittel und Nachhaltigkeit mehr Geld auszugeben.“ Sein Start-up soll sich bei der Expansion zunächst auf die USA, Südamerika und Mittel- und Osteuropa konzentrieren. Ziel sei, Jokr als globale Plattform zu etablieren.

„Der Spaß am Aufbau eines Unternehmens liegt in meiner Natur“, sagt Wenzel. Als Kind habe er sich gewünscht, einen Beruf zu ergreifen, der mit Reisen und Abenteuer zu tun hat. „So ein bisschen bin ich da jetzt gelandet.“

Schlagworte: Lieferdienst, Logistik

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