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Post-Corona-Retail

Endlich Hygge-Detox

Als Geschäftsführerin der Beratungsfirma „Vorn Strategy Consulting“ analysiert Theresa Schleicher die Kundenbedürfnisse der Zukunft. Seit 2014 nimmt sie für das Frankfurter Zukunftsinstitut in ihrem jährlichen Retail Report die Entwicklungen der Handelslandschaft unter die Lupe und analysiert neue Retail-Trends.

19.02.2021

© Simon Wegener

Theresa Schleicher ist Geschäftsführerin von Vorn Strategy Consulting.

Hat die Coronakrise den Trend zur mehr Nachhaltigkeit im Einzelhandel verstärkt?

Die Nachfrage an nachhaltigen Produkten wächst seit geraumer Zeit, auch als sogenannter Megatrend ist Nachhaltigkeit immer wichtiger geworden. Vor allem in der Modebranche haben sich sowohl der Luxusmarkt als auch viele Filialisten bereits darauf eingestellt. Die Bewegung geht weg von Fast-Fashion-Produkten hin zu Angeboten höherer Qualität. Bereits Mitte 2020 deuteten alle Prognosen darauf hin, dass sich auch das Konsumverhalten drastisch in diese Richtung verschieben würde, wobei dabei die unterschwellige Angst mitschwang, dass die Konsumenten zwar verstärkt nachhaltigere Produkte, aber insgesamt weniger einkaufen würden. Wie häufig in Krisen, ist das eine sehr vereinfachende Vorhersage: In der Hochphase sind alle überfordert, weil sich plötzlich viele neue herauskristallisieren. Jetzt geht es darum herauszufinden, was relevant ist und was nicht.

Und was ist relevant?

Das Thema Nachhaltigkeit wird sich in der Tat weiterentwickeln, allerdings wollen die Konsumenten auch einfach wieder shoppen. Tatsächlich sehnen sich 73 Prozent aller Konsumenten in Deutschland danach, wieder stationär einzukaufen, Neues zu entdecken und auf ein vielfältiges Angebot zu treffen. Weitere Lockdowns steigern diesen Trend. Die Menschen haben keine Lust mehr, zu Hause eingesperrt vor dem Laptop zu sitzen. Im Rahmen unserer Umfrage haben wir dafür einen neuen Begriff etabliert: Hygge-Detox. Die Wohnung ist renoviert, die Leute haben 2020 viele Möbel gekauft, ihr Homeoffice eingerichtet. Klamotten brauchte niemand zu kaufen, wenn die bequeme Pyjamahose doch noch ein wenig hält. Aber jetzt kommt der Impfstoff, passend zum Frühling. Die Leute wollen raus, sich bewegen und schön anziehen.

Sich schön anzuziehen und nachhaltig einzukaufen schließt sich nicht notwendig aus …

Das ist richtig. Im Sporthandel und Outdoorbereich kommen 2021 viele Ecolines auf den Markt. Aber Fast Fashion wird bleiben, wenn auch mit geringerer Umschlagsgeschwindigkeit als in den Jahren zuvor. Der Grund ist, dass viele Modehersteller große Investitionen in Sachen Nachhaltigkeit getätigt haben, darunter H&M und Zalando. So führte Zalando die Kategorie Pre owned samt Zircle App ein, über die Konsumenten ihre gebrauchten Klamotten weiterverkaufen können. H&M hat mit Afound einen Onlinemarktplatz für Second-Hand Ware gestartet, erst in Schweden und den Niederlanden, jetzt auch in Deutschland. Zudem hält die H&M Investmenttochter Co:Lab bereits 2019 die Mehrheit an der Second-Hand-Marke Sellpy. 2020 ist die Plattform, über die gebrauchte Designerklamotten ver- und gekauft werden können, in Deutschland gestartet. Aber wir Menschen sind auch davon geprägt, dass wir neue Dinge haben wollen – und das zudem in vielen Fällen möglichst häufig.

Vereinen solche Plattformen nicht den Nachhaltigkeitsgedanken mit der Lust auf neue Klamotten?

Ja, genau. Das Thema Nachhaltigkeit wird wesentlich stärker zu einem Lifestylethema. Die Second-Hand-Branche ist bereits extrem gewachsen und wird dies auch weiterhin tun. Bisher hat man jedoch Second Hand und Nachhaltigkeit auf der einen, sowie Fast Fashion auf der anderen Seite als zwei verschiedene Welten betrachtet. Für die neue Art von nachhaltiger Mode muss der Konsument keine Kompromisse mehr eingehen. Schauen wir doch nur einmal auf die Circular-Fashion-Bewegung, die ebenfalls starken Zulauf erfährt. Das ist das Modernste, was ich einkaufen kann: Alle Stücke bedienen sich zeitgenössischer Formen, Farben und Trends. Kein Filialist wird mehr um das Thema Nachhaltigkeit herumkommen.

Und welche Rolle spielt Second-Hand-Mode?

Mode war ja immer ein Ausdruck des Individualismus – auch wenn dann alle das gleiche H&M-Kleid anhatten … Während der Corona-Krise stand jedoch etwas ganz anderes im Fokus, denn für Individualismus war plötzlich kein Platz mehr. Vielmehr ging es darum, als Teil der Gemeinschaft die Herausforderungen gemeinsam anzupacken. Ein spannender Trend. Doch jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Deshalb wird sich der Drang, sich individuell auszudrücken weiter verstärken. Second-Hand-Klamotten passen perfekt dazu, denn sie sind ja häufig Einzelstücke, mit denen der Konsument sehr individuell Styles kreieren kann.

Mit dem Retail Report 2021 liefert Handelsexpertin Theresa Schleicher zum fünften Mal die Antworten auf Zukunftsfragen, die sich Unternehmer im Einzelhandel stellen. Als Strategin berät sie seit vielen Jahren die Handelsbranche und arbeitet mit Handelskonzernen wie Zalando, Otto oder Migros daran, auf gesellschaftliche Veränderungen, Tech-Trends und die Wünsche der Kunden zu reagieren. Weitere Informationen finden Sie hier.

Schlagworte: Nachhaltigkeit

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